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Ambiotherm: Virtual-Reality-System macht Wind und Wetter spürbar

Hans-Martin Durst Autor, Hemd & Hoodie

Damit die simulierten Welten der virtuellen Realität nicht nur visuell beeindruckend sind, sondern sich auch fühlen lassen, gibt es nun Ambiotherm.

„Optische und akustische Wahrnehmungen lassen sich leicht in der virtuellen Welt simulieren“, sagt Adalberto Simeone von der Universität Portsmouth. „Die Nachahmung anderer Sinneseindrücke ist wesentlich schwerer.“ Eine Forschergruppe aus Singapur hat nun trotzdem eine Methode entwickelt, Sonne und Wind in der virtuellen Realität (VR) zu simulieren. Dies funktioniert mittels des Aufsteck-Systems Ambiotherm, mit dem sich VR-Brillen einfach nachrüsten lassen.

Während normalerweise bei der Simulation von Wetterbedingungen ganze Räume mit Windmaschinen und Heizstrahlern zum Einsatz kommen, besteht Ambiotherm nur aus zwei kleinen Modulen. Eines wird an der Unterseite der VR-Brille befestigt und beinhaltet zwei schwenkbare Ventilatoren, die für einen variablen Luftstrom im Gesicht des Nutzers sorgen. Das andere wird im Nacken angebracht und beeinflusst dort das Temperaturempfinden mittels Peltier-Elementen, die Strom in Wärme oder Kälte umwandeln. So lässt sich beim virtuellen Skifahren der Gegenwind fühlen, während in VR-Wüstenlandschaften scheinbar die Sonne ins Genick brennt.

Physische und virtuelle Realität verschmelzen

Doch die Effekte von Ambiotherm bleiben nicht auf einzelne Körperregionen beschränkt. Experimente der Wissenschaftler zeigten, dass lokal angewendete Reize sich auf den gesamten Organismus auswirken können. Durch langsame Steigerung der Wärme im Nacken erhöht sich für den VR-Brillen-Träger generell die gefühlte Temperatur. Ebenso erzeugt ein Luftzug auf Mund, Nase und Hals den Eindruck, sich in einer windigen Umgebung zu befinden. Auf diese Weise wollen die Forscher die Immersion steigern, damit die virtuelle Realität sich möglichst so anfühlt wie die physische Wirklichkeit.

Ambiotherm macht Wind und Wetter der virtuellen Realität fühlbar.
Ambiotherm macht Wind und Wetter der virtuellen Realität fühlbar. Bild: Youtube – Nimesha Ranasinghe (Montage)

 

Letztere wird zudem Ende 2017 mit der simulierten Welt zur sogenannten Merged Reality verschmelzen. Denn die kabellose VR-Lösung Project Alloy von Intel macht es möglich, reale Räume, Gegenstände und Menschen in die virtuelle Realität zu holen. Dazu sind keine externen Kameras oder Sensoren nötig, weil die RealSense-Kamera an der VR-Brille die Umgebung scannt. So können die Nutzer sich frei in ihren Zimmern bewegen und laufen dabei nicht gegen Hindernisse. Gleichzeitig können sie ihre eigenen Hände zur Interaktion mit der virtuellen Umgebung einsetzen.

Ambiotherm soll Geruchs- und Geschmackssinn ansprechen

Auch die Forschergruppe aus Singapur arbeitet daran, weitere Körperfunktionen in das System von Ambiotherm einzubeziehen. Ziel ist es, eine multisensorische virtuelle Realität zu schaffen, die neben dem Sehen und Hören auch den Tast-, Geruchs- und Geschmackssinn anspricht. In der Vergangenheit wiesen die Wissenschaftler bereits nach, dass sich durch elektrische Reizung der Zunge süßer Geschmack simulieren lässt. „Wir untersuchen, wie sich menschliche Emotionen mithilfe multisensorischer VR erweitern lassen“, erklärt Projektleiter Nimesha Ranasinghe. „Der nächste Schritt wird die Einbindung von Gerüchen und Vibrationen sein.“

Künftig wollen die Forscher auch Tast-, Geruchs- und Geschmackssinn einbinden.
Künftig wollen die Forscher auch Tast-, Geruchs- und Geschmackssinn einbinden.

Die Anwendungsmöglichkeiten für die Technik sind vielfältig. In früheren Experimenten zeigten die Wissenschaftler, dass virtuelle Realität Schmerzen und Ängste verringern sowie bei Gelähmten wieder Gefühle hervorrufen kann. Momentan ist die Arbeit der Forscher an Ambiotherm zwar nur ein wissenschaftliches Experiment. Bald könnten aber auch Hersteller von VR-Spielen damit beginnen, das Potenzial simulierten Wetters für ihre Produkte zu nutzen.

Cover-Foto: Bild: Youtube – Nimesha Ranasinghe – (Montage)

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