Technische Innovation

Butterfly Dress: Aufsehenerregende Mode-Metamorphose

Zwei mit Klebepistolen ausgestattete Schwestern kämpfen in Istanbul in einem hell erleuchteten Studio mit einem Berg blauer Federn. Vor ihnen trägt eine kopflose Schneiderpuppe ein enges, silbernes Kleid, das mit Federn und Dutzenden von Schmetterlingen aus blauem Stoff verziert ist. Die Federn fallen zu Boden und die Frauen kleben sie vorsichtig an. Gleichzeitig ziehen sie penibel die Schmetterlinge auf, um sie auf ihre Flugvorführung vorzubereiten.

Das Geschehen erinnert rudimentär an Haute-Couture-Designer. Und es lässt sich leicht vorstellen, wie die Schwestern als kleine Mädchen eine Federboa zerlegen, während sie Verkleiden spielen. Trotz des kreativen Chaos ist das „Butterfly Dress“ ein präzise inszeniertes Design, das die Art verändern könnte, wie wir uns Mode nähern.

Schmetterlinge reagieren auf Nähe

Das Kleid ist mit etwa vierzig Schmetterlingen verziert

„Es ist ein intelligentes Kleid“, erklärt Ezra Çetin, die gemeinsam mit ihrer Schwester Tuba Çetin das Modelabel Ezra+Tuba leitet. Das aus luxuriösem, mit metallischen Lurex-Fasern durchwobenem Jacquard hergestellte Kleid ist mit etwa vierzig Schmetterlingen verziert. Im Kleid sind Näherungssensoren integriert, die es den Schmetterlingen gestatten, auf kleinste externe Reize zu reagieren. „Es kann erkennen, wenn sich eine Person nähert“, schwärmt Ezra. Zuerst schlagen die Schmetterlinge nur leicht mit den Flügeln. Doch wenn die Person näherkommt, wird der Flügelschlag intensiver. Schließlich heben sie in einem aufsehenerregenden Massenstart ab, der entweder durch eine herannahende Person oder über ein Mobilgerät, das mit dem Kleid über ein Funknetzwerk kommuniziert, ausgelöst wird.

Das Butterfly Dress fügt sich perfekt in den aufkommenden Wearable-Trend mechanisierter Mode ein. Die in jüngster Zeit entwickelten Produkte und Prototypen erfüllen eine Vielzahl von Funktionen: Sie können unter anderem bei der Verbesserung sportlicher Leistungen helfen, biometrische Informationen lesen und sogar die Natur nachahmen –  beispielsweise mit Spinnenbeinen, die dafür sorgen, dass bei einer Cocktail-Party Sonderlinge auf Abstand bleiben.

Die Technologie hinter dem Butterfly Dress

Es reicht, Neugierde eines Bastlers mitzubringen

Cagri Tanriover ist Software-Entwickler und im Istanbuler Büro der Intel Labs Europe tätig. Er arbeitete gemeinsam mit Ezra+Tuba an einer Möglichkeit, Technik in ein neues Design zu integrieren. Anfangs war die Kommunikation zwischen Technikern und Modedesignern eher holprig, aber nach langem Brainstorming und einer von Versuch und Irrtum geprägten Phase dauerte es Tanriover zufolge nicht lang, bis sich alles zusammenfügte. „Im Kleid ist ein Intel Edison Rechenmodul integriert“, erklärt Tanriover und ergänzt, dass Edison im Grunde genommen ein Computer ist. Allerdings mit deutlich kleineren Ausmaßen als die einer Streichholzschachtel. „Ihm fehlen einfach einige Peripheriekomponenten, etwa eine Tastatur oder ein Bildschirm.“

Laut seinen Schilderungen lässt sich das Modul so programmieren, dass es vom Benutzer definierte Aufgaben durchführt. Darüber hinaus bietet es Funktechnik-Funktionalität sowie Ein- und Ausgänge, über die es zum Beispiel mit Servern und Sensoren verbunden werden kann. „Das Spektrum der Produkte und Anwendungen, die mit Intel Edison realisiert werden können, ist unendlich groß. Es bedarf dafür keines Technikers. Es reicht vollkommen aus, die Neugierde eines Bastlers mitzubringen.“

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Science-Fiction als Inspirationsquelle

Das Thema Zukunft entwickelt sich in der Mode ständig weiter

Ezra und Tuba haben ihre Liebe zu Design von ihren Eltern geerbt, die beide in der Textilindustrie tätig waren. Sie brachten den Mädchen bei, wie wichtig es ist, neue Ideen zu entwickeln, Risiken einzugehen und seine Ziele beharrlich zu verfolgen. „Unsere erste Kollektion im Jahr 2006 war derart avantgardistisch, dass alle schockiert waren“, erinnert sich Tuba. Sie ist im Betrieb für Mode und Design verantwortlich, während Ezra als ausgebildete Malerin den Sinn für Kunst mitbringt. Beide studierten Textiltechnik und Industriedesign und holen sich ihre Inspiration vor allem aus Science-Fiction-Filmen.

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„Wir sind der Ansicht, die Science-Fiction-Welt ist eine exzellente Brutstätte für Ideen, und das Thema Zukunft entwickelt sich in der Modebranche ständig weiter“, so Ezra. Und sie fügt hinzu:
„’Star Wars’, ‘Das Fünfte Element’, ‘Matrix’, ‘Tron’, ‘Aeon Flux’ oder auch in jüngerer Zeit veröffentlichte Filme wie ‘Die Tribute von Panem’ und ‘Ex Machina’ sind großartige Inspirationsquellen und bieten neue Einblicke, wie sich mehr Funktionalität in unsere Kleidung integrieren lässt.“

Luxusmodelabel mit Wearable-Gesamtkonzept

Verbindung von Mode und Technik mehr als eine Laune

Die Schwestern erzählen, dass sie die ersten türkischen Prêt-à-porter-Designer waren, die ihre Kollektionen bei den Fashion Weeks in Paris präsentierten. Auch in Mailand waren ihre Kollektionen schon zu sehen, und sie werden noch in diesem Jahr in Dubai vertreten sein. Ihr kultureller Hintergrund wirkt sich stark auf ihre architektonisch ausgeprägten Designs aus.

Für die beiden Designerinnen ist die Verbindung von Mode und Technik mehr als nur eine vorübergehende Laune. Sie haben bereits zahlreiche Ideen für künftige Projekte: Sie möchten mithilfe kinetischer Energie aus den Bewegungen einer Person Strom produzieren, Stoffe herstellen, die ihre Farben und Muster verändern, und mit 3D-Modellierung und -Druck maßgeschneiderte Mode kreieren. „Wir möchten weltweit das erste Luxusmodelabel sein, das Wearable-Technik in seinen Kollektionen als Gesamtkonzept umsetzt – und nicht nur als einmalige Vorstellung oder besonderen Streifzug“, sagte Ezra.

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