Gesundheit

Nicolette: Innovative Technik hilft Eltern von Frühgeborenen

Nach einem schweren Verlust entwickelte Phil Martie eine Anwendung, die Eltern von Frühgeborenen mit wichtigen medizinischen Informationen versorgen soll.

Im Dezember 2014 erwarteten Phil Martie und seine Frau Jude Alcantara Martie Zwillinge. Die Babys namens Bexley und Nicolette kamen 15 Wochen zu früh auf die Welt – jedes von ihnen wog unter 700 Gramm. 27 Tage nach ihrer Geburt starb Nicolette während eines Eingriffs.

Bei Zwillingen sind Frühgeburten nicht unüblich. Der Organisation March of Dimes zufolge kommt es bei über der Hälfte der Zwillings-, sowie beinahe allen Drillings- und noch größeren Mehrlingsschwangerschaften zu Geburten vor Ablauf der 37. Woche. Babys, die zu früh auf die Welt kommen, müssen die Zeit, die sie im Mutterleib verloren haben, meist auf der Intensivstation wieder wettmachen.

eltern fehlen handlungsrelevante daten

Bexley und Nicolette stellten dabei keine Ausnahme dar. Beide litten unter Atemnot, verschiedenen Infekten, einer Herzerkrankung und Augenproblemen.„Während der Zeit auf der Intensivstation waren wir machtlos“, erinnert sich Phil Martie. „Wir hatten weder Informationen noch Werkzeuge, die uns halfen, den medizinischen Zustand unserer Babys zu verstehen. Daher trafen wir Entscheidungen, für die wir schlecht gerüstet waren.“

Viele Eltern von Frühgeborenen wünschen sich bessere medizinische Informationen.
Viele Eltern von Frühgeborenen wünschen sich bessere medizinische Informationen.

Martie unterhielt sich in der Intensivstation für Frühgeborene mit anderen Eltern und erkannte, dass seine Erfahrungen alles andere als ungewöhnlich waren. Alle von ihnen wünschten sich verzweifelt „handlungsrelevante“ Daten. Deshalb beschloss er, ihnen zu helfen und das Gefühl der Hilflosigkeit zu ersparen, das er und seine Frau verspürt hatten.

die mission nicolette

Die Lösung für das Problem sah Martie, der damals als Vice President bei Canon beschäftigt war, in der Computertechnik. Auf seiner Suche nach sinnvollen Werkzeugen wandte er sich an den ihn und seine Frau betreuenden Neonatologen Dr. Michel Mikhael und bat ihn um Rat. Mikhael erklärte Martie, dass es Lösungen in der Art bislang nicht gab und er eine solche selbst bauen müsse.

Also nahm der junge Vater die Sache selbst in die Hand und eine zweite Nicolette wurde geboren. „Die Tatsache, dass ich dieses Projekt nach meiner Tochter benannt habe, ist mit der Mission verknüpft: Es soll Eltern von Babys auf der Intensivstation für Neugeborene bessere Voraussetzungen verschaffen, damit sie mit Hilfe von Medizintechnik besser an der Gesundheitsversorgung ihrer Kinder teilnehmen können“, erklärt Martie.

Von Datenvisualisierung bis Kommunikation

Nicolettes erstes Produkt ist eine mit den Datenschutzrichtlinien des Health Insurance Portability and Accountability Act (HIPPA) kompatible App namens NicoBoard. Das spezielle Dashboard bietet Eltern von Frühgeborenen drei Komponenten: Als erstes extrahiert NicoBoard Daten aus der elektronischen Patientenakte des Babys und stellt sie grafisch – zum Beispiel mit farbkodierten Diagrammen – so dar, dass Eltern sie schnell und einfach verstehen können.

Die App NicoBoard liefert Eltern von Frühgeborenen verständliche medizinische Informationen.
Die App NicoBoard liefert Eltern von Frühgeborenen verständliche medizinische Informationen.

Als zweites Feature stellt NicoBoard lehrreiche Inhalte und Forschungsinformationen aus zuverlässigen Quellen zusammen. Diese orientieren sich an den spezifischen Gesundheitsproblemen und dem Gesundheitsstatus des Frühgeborenen und sollen Eltern mit relevanten, nutzbaren Ergebnissen versorgen. In einem dritten Schritt gibt NicoBoard Eltern Zugang zu verschiedenen Tools und Ressourcen, die ihnen fortlaufend Unterstützung bieten, etwa ein Tagebuch und Videogespräche mit Ärzten.

weitere produkte auf basis von nicoboard

Die Roadmap des Unternehmens sieht vor, Anfang 2017 in den USA mit zwei Pilotprogrammen zu starten. Daraufhin soll die US-weite Einführung des Produkts folgen. Was die Zukunft anbelangt, so will Martie das Projekt in den nächsten Jahren auf Onkologie-, Neurologie- und Herzpatienten ausweiten, wobei künftige Produkte auf der NicoBoard-Plattform basieren sollen.

Das NicoBoard soll künftig für weitere medizinische Bereiche entwickelt werden. Bild: Nicolette - Nicoboard - Montage
Das NicoBoard soll künftig für weitere medizinische Bereiche entwickelt werden. Bild: Nicolette – NicoboardMontage

Bereits vor seinen Erfahrungen auf der Frühgeborenen-Intensivstation träumte Martie davon, Unternehmer zu werden. „Doch ich wagte nie den entscheidenden Schritt, da es sich nicht richtig anfühlte“, sagte Martie. „Nach unserem schmerzhaften Verlust gründete ich das Unternehmen zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt – doch ich musste es einfach tun.“

technik hilft frühgeborenen

Neben Nicolette gibt es weitere Projekte, die Babys mit technischer Unterstützung zu einem gesunden Start ins Leben verhelfen wollen. Dazu gehört beispielsweise das Heart Rate Observation System (HeRO), das von UC San Diego Health eingesetzt wird. Mit dem Tool kann das Risiko lebensbedrohlicher Infektionen bei extrem früh geborenen Babys bis zu 24 Stunden früher prognostiziert werden als diese mit bisherigen Mitteln erkennbar waren. Die innovative Überwachungstechnik nutzt Algorithmen, um geringe Veränderungen des Herzschlags zu erkennen, die ein frühes Anzeichen für eine schwere Infektion, etwa eine Sepsis, sein können.

Mit HeRO können gefährliche Infektionen schneller erkannt werden. Bild: MPSC - HeRO
Mit HeRO können gefährliche Infektionen schneller erkannt werden. Bild: MPSC – HeRO ES

„Meine Frau und ich waren damals schlecht vorbereitet, um an den medizinischen Entscheidungen kompetent und selbstsicher teilzunehmen“, sagt er. „Im Nachhinein denke ich, dass die richtigen medizinischen IT-Tools uns geholfen hätten, für unsere Kinder bessere Entscheidungen zu treffen. Und Nicolette wäre heute vielleicht noch bei uns.“

Artikel empfehlen

Zugehörige Themen

Gesundheit

Als Nächstes lesen