Technikbasierte Bildung

Auf Prothesen durch die Alpen: Konzeptkünstler wird zur Bergziege

Thomas Thwaites wollte an eigener Haut erfahren, wie es sich anfühlt, unter Bergziegen zu leben. Drei Tage lang versuchte der britische Konzeptkünstler deshalb, Anschluss an eine Herde in den Schweizer Alpen zu finden. Um ein möglichst lebensnahes Bild zu erhalten, schlüpfte er dabei selbst in die Rolle eines solchen Tieres.

Seine Arme und Beine steckten dafür in speziellen Prothesen, die er sich von einem Zoologen hat anfertigen lassen. Dadurch erhielt Thwaites ähnliche Proportionen wie eine Ziege und musste sich auch wie diese auf allen Vieren fortbewegen. Das mutet für Außenstehende nicht nur skurril an, sondern war für den Künstler auch nicht ganz ungefährlich: Weil ein Großteil seines Gewichts bei den zahlreichen Berg-Abstiegen nur auf seinen beiden Armen lastete, stieg das Risiko für gefährliche Stürze, die aufgrund des stellenweise vorhandenen Felsgesteins mit erheblichem Verletzungspotential verbunden gewesen wären.

Skurrile Aktion – und gefährlich

Selbst Gras essen und in künstlichem Pansen verdauen

Der Künstler studierte das Verhalten der Ziegen, um sich ihnen so weit wie möglich anpassen zu können. Hierfür plante er zunächst sogar, selbst Gras zu essen und in einem künstlichen Pansen zu verdauen – nahm davon später allerdings wieder Abstand, was nicht die allerschlechteste Idee gewesen sein dürfte. Die Tiere hätten sich davon vermutlich ohnehin nicht beeindrucken lassen. Und auch die Hingabe und Aufopferung, mit ihnen kilometerlang auf steilem Grund talabwärts zu ziehen, reichte noch nicht aus, um von der Herde akzeptiert zu werden. Im Gegenteil: Sie ließ den Möchtegern-Ziegenbock einfach im Nebel zurück, als er völlig entkräftet nicht mehr folgen konnte.

Zu ihrer Ablehnung kam in einigen Situation auch ein guter Schuss animalischen Testosterons hinzu, was sich im klassischen Imponiergehabe und Kampfverhalten äußerte – für Thwaites aber glücklicherweise ohne Folgen blieb. In einer Situation übersah er beispielsweise, dass er sich noch am Hang und damit in erhöhter Postion zur Herde befand, was dem Alpha-Männchen nicht sonderlich gefiel. Entspannung in die heikle Situation brachte erst die Reaktion eines Tieres, zu dem der Künstler im Vorfeld bereits eine gewisse Beziehung aufbauen konnte.

Die Grenzen des Menschen erweitern

Mit Biorobotik das Leben vereinfachen

Wie so oft bei solchen Aktion stellt sich die Frage, welches Ziel mit ihr letztlich verfolgt wird. Zumal es sich bei Thwaites – im Gegensatz etwa zu Dian Fossey oder Kevin Richardson – um keinen Zoologen handelt. Sein Antrieb, in die Rolle einer Ziege zu schlüpfen und als Teil einer Herde zu leben, hat folglich auch einen anders motivierten Ursprung. Es ging ihm darum, zu demonstrieren, dass Menschen ihrem eigenen Dasein entfliehen können.

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Während ihm eben dieses zu kompliziert, trübselig und anstrengend erscheint, seien die Tiere immun gegenüber den Sorgen und Frustrationen des täglichen Lebens. Der Künstler möchte deshalb künftig Biorobotik-Technologien dafür einsetzen, um das Leben zu vereinfachen, anstatt es weiterzuentwickeln. Transhumanismus nennt er diesen Ansatz, verkehrt damit aber die philosophische Denkrichtung gleichen Namens in ihr Gegenteil: Während sie mit Hilfe der Technik die Grenzen des Menschen zu erweitern bestrebt ist, möchte Thwaites verhindern, dass jeder in Zukunft zum Cyborg wird.

Seine eigenen Schranken wurden Thwaites bei diesem Experiment allerdings auch aufgezeigt. Anstatt drei Tage durchgehend mit der Herde zu verbringen, zog er sich nachts in das Zeltlager seines Teams zurück, da es ihm bei den Tieren schlichtweg zu kalt und nass war. Gleich ganz aufgegeben hatte er seine erste Idee, in die Rolle eines Elefanten zu schlüpfen: “Ich suchte eine Schamanin auf, und sie sagte: ‘Du bist ein Idiot’. Also entschied ich mich, eine Ziege zu werden.”

Bilder: Tim Bowditch
Gif: Youtube – Yasso Burgano

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