Technische Innovation

Automatisierte Nachrichten: Sind Journalisten durch Roboter ersetzbar?

Im Januar 2017 lies eine Nachricht die Medienlandschaft aufhorchen: Die chinesische Zeitung Southern Metropolis Daily hatte zum ersten Mal in der Geschichte einen Artikel veröffentlicht, der von einem Roboter geschrieben wurde. Roboter als Autoren – das klang sehr beeindruckend. Zuvor berichteten Journalisten noch begeistert über Künstliche Intelligenz, doch nun sahen sie ihre eigene Branche durch dieses Konzept bedroht. Plötzlich erschienen mehrere Publikationen, die vom Ende des Journalismus als Beruf kündeten. Die Leute würden sich schon bald nicht mehr für Nachrichten interessieren und die journalistische Hoheit vollkommen an Roboter übergeben.

Auch die Leser waren beeindruckt. Der Begriff „Roboterjournalisten“ beschwört fantastische Bilder einer Realität herauf, in der Androiden wild auf Computertastaturen hämmern oder in der Zeitungsseiten nicht nur von der Druckerpresse gesetzt, sondern auch selbst zusammengestellt werden. Und in nicht allzu ferner Zukunft könnte vielleicht zum ersten Mal ein Androide den Pulitzer-Preis gewinnen. Doch die Realität ist bei weitem nicht so poetisch.

Roboterjournalisten für Sport und Politik

In besagtem chinesischen Artikel ging es um das „Touristenfieber“ – das hohe Reiseaufkommen nach Guangzhou zum chinesischen Frühlingsfest. Es war ein einfacher Artikel, der Statistiken für den entsprechenden Berichtszeitraum nannte. Er endete mit einer einfachen Zusammenfassung der Informationen, die bereits angegeben wurden: Aufgrund des Fests reisten viele Touristen nach Guangzhou.

Roboter generieren prägnante und einfache Nachrichten, scheitern aber bei der Genauigkeit.

Nachdem diese Nachrichten aus China eingetroffen waren, folgten Berichte über Pläne der britischen Nachrichtenagentur Press Association, künstliche Intelligenz für das Verfassen von Berichten über zukünftige Ereignisse in Großbritannien und Irland einzusetzen. Die Aktivitäten von Roboterjournalisten beschränken sich auf Nachrichten, Sportankündigungen zu kommenden Ereignissen oder Spielergebnissen sowie auf Wahlinformationen. Bei Letzterem verarbeiten Roboter einfach die Daten des Wahlkomitees und berichten über die Ergebnisse. Kurz gesagt: Roboter werden einfache Aufgaben in der Datenverarbeitung durchführen und Feeds überwachen.

Bots in der Nachrichtenredaktion

Unterm Strich ist die Zukunft der Medien bereits Realität. Es gibt schon jetzt Journalisten-Bots, die sich einer gewissen Beliebtheit erfreuen. Eine detaillierte Analyse des Technologie-Magazins Wired zeigte, dass Bots beliebter als offizielle Nachrichtenagenturen sind. Ihr Zitationsindex ist gelegentlich höher und Leser ziehen sie Veröffentlichungen auf Papier vor. Sie berichten schneller über Ereignisse und formulieren präziser und einfacher.

Von Bots erstellte Texte können jedoch auch Fallstricke aufweisen. Roboter recherchieren beispielsweise nicht die Legitimität einer Nachrichtenquelle. Daher ist die Genauigkeit und Glaubwürdigkeit der bereitgestellten Informationen nicht immer gewährleistet, was in letzter Zeit häufiger deutlich wurde. So konnte beispielsweise über den Tod eines Prominenten gelesen werden, der sich jedoch bester Gesundheit erfreut, und Regierungsentscheidungen „sickerten durch“, die noch nicht bestätigt wurden.

Medien stecken in der Krise

Effizienz steht jedoch ganz oben auf der Liste der Prioritäten, weshalb die „großen“ Publikationen Bots klassischen Nachrichtenagenturen oft vorziehen. Für sie ist am wichtigsten, dass sie die Nachrichten schnell veröffentlichen können. Die Widerlegung, Löschung oder Änderung einer Nachrichtenmeldung erfordert jedoch Zeit. Die Medien stecken in der Krise, weshalb es immer dringender für sie erforderlich ist, Roboter für journalistische Aufgaben einzusetzen.

Nachrichtenredaktionen nutzen immer häufiger Algorithmen zur Suche und Überprüfung von Nachrichten

Zumindest sind Zeitungen und Magazine gezwungen, mit der Genauigkeit und Effizienz von Beiträgen und Websites in den sozialen Medien mitzuhalten. Zudem müssen sie ihre Services auf diesen Websites anbieten. Und dann gibt es da auch noch die „Fake News“, alternativen Fakten und andere Dämonen, die den modernen Journalismus in Amerika heimsuchen. Roboter und Bots gelten als Allheilmittel für all diese Probleme: Sie sind zuverlässig, effizient und genießen ein hohes Vertrauen der Leser.

Willkommen im Alltagstrott

Der Bericht aus Guangzhou ist tatsächlich ein Geschenk für Redakteure und Journalisten. Künstliche Intelligenz könnte ihnen die trivialsten Aufgaben ihrer Arbeit abnehmen: die Suche, Überprüfung und Übersetzung von Nachrichten. Bisher mussten Publikationen Praktikanten oder Studenten anstellen, die diese unliebsamen Aufgaben erfüllten, Nachrichten-Feeds überwachten und Texte übersetzten und weitergaben. Es ist davon auszugehen, dass diese Armee an unausgebildeten Arbeitskräften derartige Aufgaben in Zukunft ablehnen wird. Jede Publikation kann einen Nachrichtenroboter programmieren, der nach Meldungen zu einer bestimmten Anzahl von Themen sucht. Und auch Nachrichten-Feeds können so leichter durchforstet werden.

Der gleiche Roboter kann auch den „Faktencheck“ übernehmen, der einen Journalisten ebenfalls viel Zeit kostet. So kann ein Algorithmus beispielsweise nach Quellen suchen, die einen bestimmten Bericht belegen. Bevor etwa eine Meldung über den Tod eines Literaturnobelpreisträgers veröffentlicht wird – wie kürzlich geschehen -, könnte ein Algorithmus eine Suche durchführen und mehrere andere Berichte zu diesem tragischen Ereignis finden – den Tweet eines unbekannten Scherzkekses zu diesem Thema jedoch ignorieren.

Der Mythos des Roboterautors

Nicht alle sind erfreut über Nachrichtenbeiträge von Robotern, viele bleiben weiterhin skeptisch. Der einflussreiche amerikanische Wissenschaftsjournalist John C. Dvorak veröffentlichte eine Kolumne mit dem Titel „The Myth of the Robot Writer“ (Der Mythos des Roboterautors) im PC Magazine. Darin untersucht er gründlichst alle fantastischen Szenarien, die über die strahlende Zukunft der Presse kursieren. Er argumentiert, dass der Roboter ein wertvoller Assistent für einen Autor sein, ihn aber niemals ersetzen kann. Ein weiteres Beispiel ist Wikipedia: Diese Online-Publikation hat die traditionelle Enzyklopädie auf Papier mitnichten überflüssig gemacht, sondern einfach den Markt gezwungen, sich entsprechend anzupassen.

„Ein Roboter kann ein wertvoller Assistent für einen Autor sein, ihn aber nicht ersetzen“

Es liegt auf der Hand, dass einige journalistische Formate die Fähigkeiten eines Roboters schlichtweg übersteigen – zumindest gegenwärtig noch. Nachrichtenkolumnen, Rezepte und analytische Arbeiten verlangen dem Autor mehr als nur das Sammeln von Informationen ab. Er muss in der Lage sein, die Inhalte in die richtige Reihenfolge zu bringen, was Roboter bis jetzt noch nicht können. Zudem wird von einem Journalisten eine gewisse Betrachtung und Bewertung des gesammelten Materials erwartet. Hinzu kommt, dass diese Genres einen bestimmten, eindeutigen und wiedererkennbaren Stil erfordern. Je näher der Journalismus an der Literatur liegt, desto schriftstellerischer werden die Texte. Damit sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Roboter diese Domäne erobern kann.

Plagiatsvorwürfe und Texterstellung

Dennoch wurden einige Experimente gewagt, in denen der charakteristische Erzählstil eines bestimmten Autors nachgeahmt werden sollte. Die Higher School of Economics in Moskau entwickelt derzeit ein Programm, das bestimmte Wörter aus dem Wortschatz der russischen Schriftsteller Leskov, Dostoevsky und Griboyedov durch Synonyme ersetzt. Beispielsweise schrieb das Programm den berühmtesten Vierzeiler aus Alexander Griboyedovs „Verstand schafft Leiden“ neu und erzeugte damit einen Absatz, der stark vom Original abweicht.

Doch all dies dient nur zu Unterhaltungszwecken. Roboter erledigen die unliebsame, aber unvermeidliche Arbeit – und das mit relativ guten Ergebnissen. Am häufigsten werden sie eingesetzt, um Plagiate zu erkennen. Eine einfache Abfrage in einer Suchmaschine liefert eine Masse an generiertem Text, der tatsächlich vor allem von Webdesignern als „Füller“ verwendet wird. Mehrere Versuche, auch nur minimal verständlichen Text zur Verwendung in diesem Artikel zu generieren, blieben vollkommen erfolglos. Das Beste, was die aktuelle Technologie zu bieten hat, ist eine festgelegte Anzahl zufälliger Buchstaben.

Die Experten können sich also weiterhin beruhigt ihrer Arbeit widmen. Es besteht keine Gefahr, dass sie in naher Zukunft durch Roboter ersetzt werden. Sie sollten sich jedoch mit dem Gedanken anfreunden, dass künstliche Intelligenz zu ihrem Kollegen oder wertvollen Assistenten wird, auf den weder die Wissenschaft noch die Nachrichtenbranche mehr verzichten können.

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