Technische Innovation

Bargeld-Abschaffung: Auf dem Weg zum digitalen Portemonnaie

Hans-Martin Durst Autor, Hemd & Hoodie

„Geld ist geprägte Freiheit“, schrieb der schuldengeplagte Dostojewski in einem seiner Werke. Ein Großteil der bargeldliebenden Deutschen sieht das genauso, wenn auch in einem anderen Zusammenhang. Denn momentan ist eine Debatte um die Abschaffung des 500-Euro-Scheins und die Einführung einer Obergrenze für Barzahlungen entbrannt. Während Banken, Konzerne und unabhängige Entwickler längst an der Einführung digitaler Bezahlsysteme arbeiten, befürchten Kritiker Enteignung und Überwachung durch den Wegfall von Scheinen und Münzen.

Um Schwarzarbeit, Geldwäsche, Drogenhandel und Terrorfinanzierung einzudämmen, diskutiert die Bundesregierung gerade zwei Vorschläge: Barzahlungen sollen künftig nur noch bis zu einer Höhe von 5.000 Euro möglich sein und die größte Euro-Banknote soll ganz verschwinden. Dafür setzt sich Finanzminister Wolfgang Schäuble auch auf EU-Ebene ein. Zwar betont Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, dass die Einführung einer Obergrenze nicht gleichbedeutend mit der Abschaffung des Bargelds sei. Gegner der beiden Vorhaben sind jedoch überzeugt, dass dies nur der Auftakt zu einer schrittweisen Verdrängung physischer Zahlungsmittel ist. Sie vermuten dahinter die Absicht der Banken, im Krisenfall auf die Vermögen von Sparern zurückzugreifen und zudem Negativzinsen an ihre Kunden weiterzugeben, ohne dass diese die Möglichkeit haben, Bargeld zu horten und so den Zwangsmaßnahmen zu entgehen.

Erste Vorbereitungen zur Enteignung der Bürger

Kriminelle nutzen längst Bankkonten zur Geldwäsche

Auch Gerhard Grandke, Präsident des Sparkassenverbands Hessen-Thüringen, hält die Bekämpfung von Kriminalität und Terrorismus für ein vorgeschobenes Argument. Er spricht sich gegen die Abschaffung des großen Euro-Scheins aus: „Es fängt mit dem Fünfhunderter an. Das ist nur der Einstieg, sozusagen die technische Vorbereitung dafür, dass die Leute enteignet werden können.“ Schützenhilfe für seinen Protest bekommt Grandke aus verschiedenen Lagern. So meint Hans-Werner Sinn, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung: „Solange es Bargeld gibt, kann man sich vor einer solchen Ausbeutung schützen.“ Und der FDP-Vorsitzende Christian Lindner twitterte: „#SPD fordert wieder #Bargeld-Obergrenze…Bargeld ist Freiheit – auch wenn man zumeist mit Karte zahlt. CL“.

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Während der Wirtschaftssachverständige Peter Bofinger und Harvard-Professor Kenneth Rogoff glauben, mit der Abschaffung von Scheinen und Münzen diverse kriminelle Handlungen unmöglich zu machen, hält Ökonom Friedrich Schneider bereits die Auswirkungen einer Barzahlungs-Obergrenze für marginal. „Die Politiker schauen zu viel Tatort“, sagt Schneider, der an der Universität Linz zu Geldwäsche und Schattenwirtschaft forscht. Nur im Fernsehen würden noch Koffer voller Bargeld übergeben. Das organisierte Verbrechen schiebe große Summen längst über Bankkonten auf der ganzen Welt hin und her, um es zu waschen. Selbst Kleinkriminelle wie Dealer nähmen selten mehr als 5.000 Euro ein. Dass die geplanten Maßnahmen bei der Bekämpfung des Terrorismus helfen, bezweifelt auch Bundesbank-Präsident Weidmann. „Selbst die Abschaffung des Bargelds könnte die Kriminalität höchstens um drei bis vier Prozent eindämmen“, meint Schneider.

Bargeld soll innerhalb von zehn Jahren verschwinden

Dänen und Schweden zahlen fast ausschließlich bargeldlos

Trotzdem prognostizierte der Deutsche-Bank-Chef John Cryan auf dem diesjährigen Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums in Davos, dass Scheine und Münzen in zehn Jahren komplett verschwunden sein würden. „Cash ist fürchterlich teuer und ineffizient“, meinte er. Künftig bezahlten die Menschen nur noch mit Karten, Smartphones und per Internet. Dass diese Aussicht realistisch ist, zeigt ein Blick ins Ausland. Die Neuseeländer erledigen bereits heute fast alle Geschäfte per Bank- oder Kreditkarte und die Notenbank hat angekündigt, wahrscheinlich keine neuen Scheine mehr in Umlauf zu bringen.

Auch die dänische Zentralbank will ab 2017 keine neuen Banknoten mehr drucken, da die meisten Bürger ohnehin ausschließlich bargeldlos zahlen. Letzteres gilt auch für Schweden, wo sogar Obdachlose Kartenlesegeräte zum Verkaufen ihrer Zeitungen bei sich tragen und es möglich ist, Kirchenspenden per Kreditkarte zu tätigen. Laut einer Studie der Königlich Technischen Hochschule in Stockholm könnte das Land damit zur weltweit ersten bargeldlosen Gesellschaft werden. Dazu trägt auch die von mehreren Banken genutzte App Swish bei, die es ermöglicht, in Echtzeit Geld auf das Konto eines anderen Nutzers zu überweisen und an vielen Kassen zu zahlen.

Die meisten Deutschen fürchten Datenklau

Banken und Geschäfte bieten mehr kontaktlose Technik

Unter den Deutschen hingegen fürchten sich 85 Prozent vor Datenklau beim mobilen Bezahlen, wie eine repräsentative Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC ergab. Zudem sprachen sich in einer letztjährigen Erhebung drei Viertel der Befragten dagegen aus, dass Deutschland Dänemark folgen und es Händlern freistellen sollte, Bargeld anzunehmen. Obwohl es bargeldlose Verfahren also hierzulande schwer haben, steigen die Nutzerzahlen langsam an.

Das gilt zum Beispiel auch für den Übertragungsstandard Near Field Communication (NFC), mit dem es deutschlandweit an circa 100.000 Kassen möglich ist, bis zu einem Betrag von 25 Euro kontaktlos zu zahlen. Da bei größeren Beträgen eine PIN-Code-Eingabe nötig ist, könnte NFC als Einstieg dienen, durch den die Nutzer mehr Vertrauen in elektronische Übertragungstechniken aufbauen. Nachdem eine NFC-Pilotphase in hessischen Edeka-Filialen erfolgreich verlief, wollen die Volks- und Raiffeisenbanken dieses Jahr drei Millionen ihrer Kunden mit den nötigen Chips ausstatten. Diese lassen sich nicht nur in Karten und Armbänder integrieren, sondern auch per Aufkleber auf Smartphones anbringen. An den meisten Kassen der großen Supermarkt- und Elektrohandelsketten ist das kontaktlose Bezahlen bereits möglich.

Smartphones werden zum Zahlmittel

Google, Apple und andere streben nach Dominanz

Aus Sicht von Dieter Sprott, Referent bei Ergo Direkt Versicherungen, weist die Omnipräsenz von Smartphones im Alltag sowieso darauf hin, dass die Geräte bald auch an den Kassen zum Einsatz kommen: „Aus meiner Sicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis der ständige Begleiter auch das Bezahlen übernimmt.“ Das wissen natürlich auch die Banken, die seit einiger Zeit mit digitalen Bezahlmethoden experimentieren. So haben sich mehrere deutsche Geldinstitute zusammengeschlossen, um der Macht von PayPal ein eigenes System namens Paydirekt entgegenzusetzen. Durch Deckelung von Kreditkartengebühren sollen zudem mehr Händler dazu gebracht werden, auch dieses Bezahlverfahren zu akzeptieren.

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Ob die Bemühungen der Banken um Dominanz auf nationaler Ebene aber von Erfolg gekrönt sein werden, ist fraglich. Denn der Mobiltelefonmarkt ist fest in der Hand von global agierenden Unternehmen wie Apple, Samsung und Google, die längst an ihren eigenen Bezahlsystemen arbeiten. Auf den iPhones, die US-Mobilfunkanbieter an ihre Kunden verkaufen, ist Apple Pay bereits vorinstalliert und mit den Kreditkartenkonten der Nutzer verknüpft. Das Gleiche soll demnächst auch mit Google Wallet passieren. Auf diese Weise erreichen die Konzerne eine noch stärkere Präsenz im Alltag. Denn Kunden werden den Bezahlvorgang eher mit dem Hersteller ihres Smartphones oder mobilen Betriebssystems in Verbindung bringen, als mit der dahinterstehenden Bank, die so zum unsichtbaren Dienstleister wird. Das eröffnet den Konzernen nicht nur die Möglichkeit, weitere Finanzgeschäfte an sich zu ziehen, sondern auch ein lückenloses Datenprofil der Einkäufe ihrer Nutzer zu erstellen.

Die Debatte dreht sich um Überwachung

Bitcoin-Überweisungen lassen sich lückenlos nachverfolgen

Im Kern geht es also bei der Diskussion über bargeldlose Bezahlverfahren genau wie beim Online-Datenschutz um Überwachung. Ralph Brinkhaus, einer der stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, wertet die geplante Einschränkung des Bargeldverkehrs daher als Einstieg in eine umfassende Kontrolle der Bürger: „Das endet irgendwann im Big Brother.“ Auch für Klaus Müller, Chef der Verbraucherzentrale des Bundesverbands, ist Bargeld gleichbedeutend mit Datenschutz, der nicht aufs Spiel gesetzt werden dürfe.

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Kryptowährungen wie der bekannte Bitcoin erscheinen da auf den ersten Blick als Alternative. Denn sie wurden als von Banken und Konzernen unabhängige digitale Bezahlmethode konzipiert. Einige türkische und Budapester Taxiunternehmen akzeptieren bereits Bitcoin-Zahlungen und auch in Deutschland gibt es entsprechend ausgerüstete Cafés und Kneipen. Von starken Kursschwankungen, technischen Problemen und Entwickler-Grabenkämpfen abgesehen, ist in diesem Zusammenhang jedoch vor allem eines wichtig: „Ich muss betonen, dass Bitcoin nicht anonym ist. Das sieht das System nicht vor“, sagt der Softwarepionier und Aktivist Richard Stallman. „Die Leute nennen zwar nicht ihre Namen, wenn sie Bitcoins überweisen. Aber die Regierung kann herausfinden, wer die Transaktion durchführt.“

Banken geben die Kontrolle nicht ab

Überwachung wird von den Nutzern selbst durchgesetzt

Grund dafür ist die zugrundeliegende Technik der Blockkette, die jede einzelne Transaktion speichert und deren Anwendungsmöglichkeiten die Banken gerade aufwändig erforschen. „Ich glaube nicht, dass die sogenannten Fiat-Währungen durch eine digitale Währung abgelöst werden“, meint Wirtschaftsprofessor Peter Roßbach. „Es würde mich wundern, wenn Staaten und Notenbanken die Kontrolle über das Geld abgeben würden.“ Das gilt natürlich auch für Japan, wo die Regierung überlegt, Kryptowährungen zu offiziellen Währungen zu erklären, um sie besser in den Griff zu bekommen.

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Ob die Bürger hierzulande künftig Überwachung und Kontrolle zumindest beim Bezahlen – und auch da nur zu einem geringen Grad – entgehen können, hängt von den politischen Erfolgen jener ab, die die Abschaffung des Bargelds verhindern wollen. Wenn aber immer mehr Staaten und vielleicht auch die EU bargeldlose Verfahren favorisieren, wird Deutschland sich dem Trend nicht entziehen können. Ohnehin ist es ähnlich wie beim Datenschutz: Die Überwachung wird nicht ausschließlich von oben durchgesetzt, sondern zu einem großen Teil von den Nutzern selbst. Jenes Verfahren, das ihren Alltag möglichst bequem macht, etabliert sich. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich dabei um eine App handeln wird.

 

Bild 2: Flickr – Sean MacEnthee (CC BY 2.0)
Bild 3: Wikipedia – HLundgaard (CC BY-SA 3.0)
Bild 4: Wikipedia – Richard Tanzer (CC BY-SA 3.0)
Bild 5: Flickr – BTC keychain (CC BY 2.0)

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