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Bienen mit Rucksack: Sensoren gegen das Populationssterben

Deb Miller Landau Autorin

Ein australischer Forscher stattet Bienen mit winzigen Tracking-Chips aus. Diese sollen Hinweise über den globalen Rückgang der Insektenart liefern.

Auf der australischen Insel Tasmanien schwirren fast zehntausend Bienen umher, die auf ihrem Rücken kleine „Sensor-Rucksäcke“ in der Größe eines Reiskorns tragen. Diese winzigen Tracker sollen über das bisher unerklärbare Bienensterben Aufschluss geben, das die Nahrungsmittelversorgung der Welt gefährdet. Laut eines Berichts der Vereinten Nationen, der Anfang des Jahres für Aufsehen sorgte, sind etwa drei Viertel der weltweiten Nutzpflanzen – darunter auch Obst und Gemüse – von der Befruchtung durch Bienen, Schmetterlinge, Käfer und andere bestäubende Spezies abhängig. Damit sei die Produktion von Nahrungsmitteln im Wert von 235 bis 577 Milliarden US-Dollar (214 bis 525 Milliarden Euro) auf die Mitwirkung von Bestäubern angewiesen, wozu auch 20.000 verschiedene Bienenarten gehören.

„Allein in den USA verringert sich die Anzahl der Bienenstöcke pro Jahr um etwa 25 Prozent“, konstatiert Professor Paulo de Souza, wissenschaftlicher Leiter der Australischen Commonwealth Scientific and Industrial Research Organization (CSIRO). „Seit den 1940er-Jahren beobachten wir einen kontinuierlichen Rückgang, aber es wird schlimmer.“ Die Auswirkungen davon wären im globalen Ökosystem spürbar, so de Souza. „Ohne Bienen werden wir nicht genug Nahrung produzieren können, um die Weltbevölkerung zu versorgen. Die zentrale Frage lautet: Warum geschieht dies?“

rätselhaftes bienensterben

Biologen gehen davon aus, dass das Bienensterben auf die Kombination verschiedener Stressfaktoren in der Umwelt zurückzuführen ist. Dazu gehören etwa Klimaveränderungen, der verbreitete Einsatz von Pestiziden, Krankheiten und der Verlust von Habitaten. Nichtsdestotrotz bleibt die genaue Ursache für diesen von US-Wissenschaftlern als „Colony Collapse Disorder“ (CCD) bezeichneten massiven Rückgang der Bienenpopulationen ein Rätsel.

Bienen sind auf der ganzen Welt von einem bislang unerklärlichen Aussterben betroffen.
Bienen sind auf der ganzen Welt von einem bislang unerklärlichen Aussterben betroffen.

Eines, das Paulo de Souza und sein Team unbedingt lösen wollen. „Wir wissen nicht genau, welche Schlüsselfaktoren – oder welche Kombination daraus – den Kollaps der Bienenvölker auslösen“, erklärt er. „Aber wir wissen, dass ein existenzfähiger, funktionierender Bienenstock von einem Tag auf den nächsten keine Bienen mehr haben kann oder dass alle tot aufgefunden werden.“

Professor Paulo de Souza untersucht das Bienensterben mittels moderner Sensortechnik.
Professor Paulo de Souza untersucht das Bienensterben mittels moderner Sensortechnik.

 

bienen mit blackbox

Um dem Phänomen auf die Schliche zu kommen, entschied sich de Souza für den Einsatz von Computertechnik. Sein Team stattete Bienen mit RFID-Tags aus, um herauszufinden, wann und wie die Tiere von ihrem normalerweise sehr vorhersehbaren Verhalten abweichen. Er vergleicht die Sensoren mit dem Flugschreiber oder der Blackbox eines Flugzeugs. „Sie liefern uns wesentliche Informationen darüber, was mit den Bienen geschah, bevor das Volk einen Kollaps erlitt.“

Die winzigen RFID-Tags werden auf dem Rücken der Bienen befestigt.
Die winzigen RFID-Tags werden auf dem Rücken der Bienen befestigt.

Die Daten werden an ein Intel-Edison-Modul übermittelt, das in jedem Bienenstock installiert ist, der im Rahmen des Projektes untersucht wird. Dabei handelt es sich um ein leistungsstarkes Entwickler-Mainboard, das bei geringem Energieverbrauch gewaltige Datenmengen erfassen kann. „Die vom Edison-Modul und den RFID-Tags gesammelten Daten helfen uns, besser zu verstehen, warum die Anzahl der Honigbienen abnimmt“, so de Souza. „Und sie liefern Imkern, Primärproduzenten, Branchenvereinigungen und Behörden wertvolle Informationen darüber, wie sich eine Honigbienenpopulation am besten schützen lässt.“

In jedem Bienenstock ist ein Intel Edison-Modul installiert, das die Daten sammelt.
In jedem Bienenstock ist ein Intel Edison-Modul installiert, das die Daten sammelt.

 

gefahr für die globale nahrungsversorgung

Die Edison-Mainboards lassen sich so programmieren, dass sie in verschiedenen Teilen der Welt regionsspezifische Faktoren messen können, wie etwa Temperatur und Luftfeuchtigkeit, Wasserverschmutzung oder Windgeschwindigkeit. Sie können aber auch die Menge des produzierten Honigs und deren Verhältnis zu den obigen Faktoren ermitteln. Die Techniken und Datensammlungen stehen Forschern rund um den Globus zur Verfügung, damit können auch sie einen wichtigen Beitrag zur Lösung des Bienensterbens leisten.

Die Sensoren funktionieren wie eine Blackbox im Flugzeug.
Die Sensoren funktionieren wie eine Blackbox im Flugzeug.

De Souza bezeichnet dieses als eine der größten Gefahren für die globale Nahrungsmittelsicherheit. „Ich mache mir große Sorgen, meinen Kindern nicht die Welt hinterlassen zu können, die wir heute kennen“, sagt de Souza. „Es geht bei dem Projekt nicht um Bienen und Mikrochips. Es geht um die Zukunft unseres Planeten. Wir wissen, dass er ohne Bienen nicht derselbe sein wird.“

Die gesammelten Daten könnten wichtige Hinweise auf das Populationssterben geben.
Die gesammelten Daten könnten wichtige Hinweise auf das Populationssterben geben.

 

Zusätzliche Berichterstattung von Nick Jacobs und Stephanie Ryan.

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