Technische Innovation

Coradia iLint: Der weltweit erste Wasserstoffzug fährt in Deutschland

Mit dem Coradia iLint hat der weltweit erste Wasserstoffzug seine Jungfernfahrt absolviert. Damit könnte eine neue Ära des Bahnfahrens anbrechen.

Der deutsche Schienenverkehr ist eher weniger dafür bekannt, regelmäßig mit technischen Innovationen zu glänzen. Da darf die flächendeckende Ausstattung von Personenzügen mit WLAN schon mal als kleines Highlight betrachtet werden. Doch vergangene Woche wurde im niedersächsischen Salzgitter eine Entwicklung vorgestellt, die ein neues Kapitel in der Geschichte der Zugfahrt aufschlagen könnte und Journalisten aus aller Welt anlockte: Mit dem Modell Coradia iLint absolvierte der weltweit erste mit Wasserstoff betriebene Personenzug erfolgreich seine Jungefernfahrt.

Der Niederflurzug des französischen Bahntechnikanbieters Alstom ist komplett emissionsfrei. Auf den Dächern der Waggons, die Platz für bis zu 300 Fahrgäste bieten, befinden sich Brennstoffzellen und Wasserstofftanks. Reagiert der Wasserstoff mit dem Sauerstoff aus der Umgebungsluft, wird Energie für den Antrieb des Zuges erzeugt – einzige Abfallprodukte dieses Vorgangs sind Wasserdampf und Wasser. Die Idee, Brennstoffzellentechnologie auf die Schiene zu bringen, ist zwar nicht vollkommen neu. Jedoch litten bisherige Modelle stets an Kinderkrankheiten wie zu geringer Reichweite oder niedrigen Höchstgeschwindigkeiten, die einen wirtschaftlichen Einsatz verhinderten.

umweltfreundlicher Wasserstoffzug

Mit seinem smarten Management von Antriebskraft und verfügbarer Energie ist der Coradia iLint der erste erfolgversprechende Prototyp. Überschüssiger Strom wird in den Batterien im Boden des Zuges gespeichert und kann dort beispielsweise für die Versorgung der Bordsysteme wie Türen oder Klimaanlage genutzt werden. Die Reichweite beträgt laut Hersteller rund 800 Kilometer pro Tankladung Wasserstoff.

Der Wasserstoffzug Coradia iLint ist komplett emissionsfrei.
Der Wasserstoffzug Coradia iLint ist komplett emissionsfrei. Bild: Alstom – Coradia iLint

Für die Testfahrten wurde in Salzgitter eine mobile Tankstelle errichtet, die den gasförmigen Wasserstoff in den Druckspeicher des Zuges pumpt. Da auch dieser nur unter Energiezufuhr hergestellt werden kann, würde ausschließlich überschüssiger Wasserstoff eines industriellen Prozesses weiterverwendet, gibt Alstom an. Langfristig werde die Wasserstoffgewinnung aus Windkraft unterstützt.

lautlose alternative zu dieselloks

Der Coradia iLint ist besonders für den Einsatz auf nichtelektrifizierten Strecken geeignet, auf denen bisher hauptsächlich Diesellokomotiven zum Einsatz kommen. Im Gegensatz zu den Verbrennungstriebwagen weist der Wasserstoffzug eine deutlich bessere Umwelt- und Lärmbilanz auf: Dank des nahezu lautlosen Elektromotors sind lediglich noch das Abrollgeräusch der Räder und der Luftwiderstand während der Fahrt zu hören.

Der Niederflugzug bietet Platz für bis zu 300 Fahrgäste.
Der Niederflugzug bietet Platz für bis zu 300 Fahrgäste. Gif: Alstom – Coradia iLint(Montage)

Aber auch für das elektrische Streckennetz könnte der Coradia iLint künftig durchaus interessant sein. Denn – wer häufig Bahn fährt, weiß das – die dafür benötigte Infrastruktur ist besonders störungsanfällig. Ob ein verheddertes Kabel, ein umgekippter Baum oder ein anderweitig verursachter Kurzschluss: Durch eine defekte Oberleitung kann der komplette Zugverkehr für mehrere Stunden lahmgelegt werden. Nach der Jungfernfahrt mit bis zu 80 Kilometern pro Stunde sollen in den kommenden Wochen weitere Tests stattfinden, bei denen die Maximalgeschwindigkeit von 140 km/h erreicht werden soll. Verlaufen diese erfolgreich, darf der Wasserstoffzug Anfang 2018 auf der Strecke Buxtehude–Bremervörde–Bremerhaven–Cuxhaven seine ersten Fahrgäste befördern.

Cover-Foto: Alstom – Coradia iLint (Montage)

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