Zugang für alle

Die verborgene Welt der Unterseekabel

In den Großstädten merkt kaum jemand, wie sehr die globalisierte Menschheit eigentlich mit dem Meer verbunden ist – heute mehr denn je. Rund 99 Prozent der gesamten digitalen Kommunikation kommt aus den Ozeanen, genauer gesagt aus dem gigantischen Unterseenetz, das alle Kontinente miteinander verbindet. Ihm verdanken wir zu großen Teilen die Entwicklung der Echtzeitgesellschaft, denn in Sachen Latenzzeit und Datenvolumen können Kabeltransmissionen jeden heute aktiven Satelliten schlagen. Ob IP-Sprachtelefonie, Videotelefonie, Internetverkehr, Finanzdaten, Mails oder Fernsehen – alles wird per Glasfaser durch die Meere geschossen. Wer hierzulande ein YouTube-Video anschaut, kann davon ausgehen, dass die Bilddaten zuvor über tausende Kilometer den Atlantik unter dessen Oberfläche bereisten.

Dabei werden Seekabel beständig leistungsfähiger. Die Unterwasser-Verbindung zwischen Australien und Südostasien, ein etwa armdicker Datenschlauch, ist beispielsweise in der Lage, 20 Millionen Telefonanrufe gleichzeitig zu übertragen.

Die Gefahr flacher Gewässer

Schiffsanker und Schleppnetze hinterlassen ihre Spuren an der Hardware

Rund 300 Seekabel liegen heute auf dem Grund der Meere, einige schlängeln sich offen den Boden entlang, andere sind leicht mit Sand bedeckt. Dabei durchkreuzen sie spektakuläre Gewässerlandschaften, Unterwasserberge und -täler. Das Kabel mit den größten Abgründen wurde zwischen den USA und Japan versenkt und liegt in rund 8.000 Metern Tiefe. Zum Vergleich: Der Mount Everest misst rund 8.800 Meter. In Bezug auf ihre Länge gibt es nicht weniger Rekorde zu vermelden. Einige Seeleitungen überbrücken Distanzen von über 21.000 Kilometern – das ist einmal um die halbe Welt. Da die Kabelleger-Schiffe aber nicht die Kapazitäten an Bord haben, werden sie zumeist in 3.000-Kilometer-Abschnitten verlegt und später manuell miteinander verbunden.

Das System der Unterseekabel ist fragil. Sorgen machen den Ingenieuren dabei weniger die tiefen Unterseeschluchten als vielmehr die seichten Gewässer, denn hier ist die Gefahr für Beschädigungen am größten. Schiffsanker und Schleppnetze hinterlassen ihre Spuren an der Hardware, weshalb immer mehr Unternehmen dazu übergehen, ihre Kabel in flacheren Gewässern mit Hilfe großer Grund-Pflüge zu vergraben. Das ist zwar mit höheren Kosten verbunden, zahlt sich langfristig aber aus. Zeitgleich wächst die Dicke der Schutzschicht der Kabel, die im Schnitt drei mal breiter sind als jene, die in der Tiefsee verwendet werden. Außerhalb des Wassers könnte man letztere mit einem gewöhnlichen Gartenschlauch verwechseln.

Hai-Hunger auf Glasfaser

Als Reaktion auf die Angriffe verstärkte der Suchriese die Ummantelung mit Kevlar

Doch nicht nur die Seefahrt birgt Gefahren, sondern auch die Bewohner der Meere hinterlassen ihre Spuren. Google, ziemlich neu im Geschäft mit Seekabeln, hat zwei private Netze in Betrieb, die den nordamerikanischen mit dem asiatischen Kontinent verbinden. Im vergangenen Jahr kam es dabei immer wieder zur Störung der Kommunikation. Als Wissenschaftler auf Tauchgang gingen, fanden sie den Grund heraus: Haie bissen mit Genuss in die Glasfaserleitungen und rissen dabei die Kabel auf.

Als Reaktion auf die Angriffe verstärkte der Suchriese die Ummantelung mit Kevlar, einem Material, das sonst bei schusssicheren Westen zum Einsatz kommt. Dabei ist der Appetit der Haie auf Hardware nicht neu. Schon in den Achtzigern kämpften Telefonunternehmen unter Wasser mit hungrigen Tieren.

Glasfaser auf Kupfer, dicht an dicht

Die zum Teil Jahrhundert alten Leitungen folgen dem Kurs gesetzter Handelsrouten

Das Netz der Unterseekabel ist die Lebensader der digitalisierten Gesellschaft. Doch erst ein Blick auf das große Ganze offenbart die kompletten Ausmaße. TeleGeography hat kürzlich im feinsten Vintage-Stil eine neue Seekarte der Kabelnetzwerke aufgesetzt. Im augenfälligen Sepia-Design wird aufgezeigt, über welche Wege und Umwege Kontinente miteinander in Verbindung treten und sich austauschen. Die Verteilung der Leitungen folgt dabei keinem zufälligen Muster. Tatsächlich nehmen viele Kabel auch nach Generationen immer wieder dieselben, bewährten Verläufe – oft liegt neue Glasfaser dicht an dicht neben altem Kupfer am Grunde des Meeres. Die zum Teil Jahrhunderte alten Leitungen folgen wiederum dem Kurs gesetzter Handelsrouten, die Schiffe schon zum Beginn des 20. Jahrhunderts nutzen.

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Was man als Internetnutzer für selbstverständlich hält, sorgt im Hintergrund nicht selten für technische, aber auch ökonomische, ökologische und politische Herausforderungen. Nehmen wir den Fall des britischen Geheimdienstes GCHQ, der im Fahrwasser der Snowden-Enthüllungen für weltweites Aufsehen sorgte. Demnach sollen die Briten die leistungsfähigste Verbindung zwischen den USA und Europa angezapft haben, das TAT-14 (Transatlantisches Telefonkabel Nr. 14), das vor allem Deutschland mit Daten versorgt.

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Um den Blick der Öffentlichkeit für die Bedeutung der verletzlichen Systeme zu schärfen, hat die Wissenschaftlerin Nicole Starosielski von der New York University erst kürzlich eine vielbeachtete Buchdokumentation zum Thema veröffentlicht und dazu eine begleitende Infoseite ins Netz gestellt. Hier haben Besucher die Möglichkeit, in Form eines personifizierten Datensignals die lange Reise unter dem Meer anzutreten und mehr über die sonst verborgene Welt der Seekabel und ihre technischen und kulturellen Implikationen zu lernen.

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