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Die Zukunft der Musik: VR-Technik macht Klang zum dreidimensionalen Erlebnis

Kristin Houser Writer & Editor, LA Music Blog

Anhand von unbekannten Klangräumen und Weltallkonzerten zeigte das South by Southwest 2017, wie virtuelle Realität die Produktion von Musik verändert.

Von Beyoncés „Lemonade“ bis hin zu Frank Oceans „Endless“: Visuelle Alben entwickeln sich zu einem festen Bestandteil der Musikindustrie. Das qualitativ hochwertige Videomaterial erhält dabei ebenso viel Aufmerksamkeit wie die Musik. So erweitern Multimedia-Veröffentlichungen die Klangdimension um eine bedeutsame visuelle Note. Die nächste Generation von Musikliebhabern kann die Erwartungen an ihre Lieblingsalben sogar noch höherschrauben.

Denn BjörkThe Weeknd und Run the Jewels haben bereits Musikvideos aufgenommen und veröffentlicht, die für die virtuelle Realität (VR) optimiert sind. Einen etwas anderen Ansatz nutzt Musiklegende Paul McCartney, der VR-Technik einsetzt, um Fans auf der ganzen Welt das Gefühl zu vermitteln, sich direkt in seinem Aufnahmestudio zu befinden. Offenbar verfügt heute jedes Musikfestival, das seinen Eintrittspreis wert ist, über eine VR-Komponente und nutzt die vielgepriesene Underground-Plattform Boiler Room. Auf dieser werden täglich neue Live-Mitschnitte übertragen und die Verantwortlichen haben sogar angekündigt, 2017 den weltweit ersten VR-Musikclub zu eröffnen.

Die Zukunft der Musik liegt in Texas

„Diese beeindruckend realistische Technik ist noch nicht im Mainstream angekommen“, erklärt Marcus Behrendt von der VR-Plattform Vrtify in einem BBC-Interview. „Aber sie entwickelt sich schnell und wird schon bald eine wichtige Einnahmequelle für die Musikbranche sein, denn sie verändert die Art, in der Fans Musik konsumieren.“ Auf dem texanischen South-by-Southwest-Festival 2017 konnten Computertechnik- und Musik-Fans direkt von den Personen, die diesem Trend Dynamik verleihen, mehr erfahren. Dazu fand eine Podiumsdiskussion mit dem Titel The Future of Music is Space statt.

Virtuelle Realität verleiht der Musik eine visuelle Dimension.
Virtuelle Realität verleiht der Musik eine visuelle Dimension. Bild: Maya Dondonyan

„Klang wird erst seit 140 Jahren aufgezeichnet“, erklärt Sarah Stevenson, eine der Diskussionsteilnehmerinnen und Mitgründerin der VR-Produktionsfirma REVRIE Immersive Works. „Musikaufzeichnungen sind eine fantastische Errungenschaft, die es uns gestattet, Musiktitel immer und immer wieder anzuhören – zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten“, fügt sie hinzu. „Sie sind jedoch keine Nachbildung dessen, was wir im echten Leben hören, wo die uns umgebenden Klänge aus unterschiedlichsten Richtungen kommen.“ Die heutige Computertechnik verändert diesen Umstand: Künstler können nun die Grenze zwischen aufgezeichneten Klängen und Live-Musik verschwimmen lassen.

Klang erhält durch Technik lebensechte Tiefe

„Die neuesten Fortschritte erlauben es uns, sowohl die Tiefendimension als auch große Datenmengen präziser aufzuzeichnen und zu verändern“, so Stevenson. Dies sei eine Möglichkeit, um Musik mehr Tiefe zu verleihen und das reale Leben zu simulieren. So könnten sich Menschen von einem Punkt zu einem anderen bewegen und dabei in jeder Richtung Objekte sehen und hören, sagt Stevenson. „Die kontinuierlichen Verbesserungen der Technik werden uns Möglichkeiten eröffnen, Musik so aufzuzeichnen und wiederzugeben, wie es bislang nicht möglich war.“

Neueste Technik eröffnet Klangdimensionen mit bisher ungekannter Tiefe.
Neueste Technik eröffnet Klangdimensionen mit bisher ungekannter Tiefe. Bild: Maya Dondonyan

Ein weiterer Podiumsgast war Ryan Origin, Mixed-Reality-Entwickler, Musiker und Pädagoge. Er verfügt über praktische Erfahrungen, da er selbst Virtual- und Augmented-Reality-Technik als Bestandteil seines kreativen Prozesses einsetzt. „Ich verwende regelmäßig Raumklangtechnik in meinen Kompositionen. Häufig nur, um schöne Effekte zu erzielen“, erklärt er. „Die klugen Köpfe von Oculus haben zum Beispiel das kostenlose Plug-in Oculus Spatializer entwickelt. Damit lässt sich eine Tonquelle in einem 3D-Raum nach Belieben bewegen“, sagt Origin. „Zudem kann es in einer digitalen Audio-Workstation automatisiert werden und Animationen liefern, die sich natürlich oder auch äußerst fremdartig anfühlen.“

Kostenlose Plug-ins für ein magisches Klangerlebnis

Als Beispiele für weitere Tools, die einfache Offline-Audio-Bearbeitungen in Echtzeit ermöglichen, zählt Origin Sound Particles und Panagement auf. Der Wow-Faktor dieser Technik erweitert seine Lehrmittel-Sammlung um weitere Werkzeuge. „Ich zeige diese Tools auch meinen Studenten: Töne fühlen sich damit auf eine neue Art lebendig und überzeugend animiert an“, sagt er. „Es ist schwierig, inspiriert und aufmerksam zu bleiben. Wenn ich meinen Schülern ein wenig Audio-Magie vorführe, ist das eine großartige Methode, damit sie eine Lektion im Gedächtnis behalten.“

Die virtuelle Realität ist jedoch nicht nur etwas für Künstler und Pädagogen. Podiumsgast Adam Arrigo ist Mitgründer und Geschäftsführer des auf Musiktechnik spezialisierten Start-ups TheWaveVR, das die weltweit erste Plattform für VR-Musikkonzerte entwickelt. Damit setzt Arrigo die VR-Technik dafür ein, das Musikerlebnis für Zuhörer und Künstler zu erweitern. „Die VR-Technik ist so gut, dass sie das Gehirn täuscht und uns glauben lässt, wir seien direkt an einem bestimmten Ort“, erklärt Arrigo. „Dies hat unterschiedlichste Auswirkungen auf neue Content-Typen, einschließlich Raumklang und der Konstruktion virtueller Orte, an denen Menschen Musik auf neue Art und Weise erleben und aus der Ferne an echten Konzerten teilhaben können.“

Konzerte im Weltall statt auf einer Bühne

TheWaveVR gibt Künstlern Werkzeuge an die Hand, um virtuelle Räume für Konzerte zu gestalten, die die Fans anschließend mit einer VR-Brille erleben können. Über die Firmen-Plattform können Zuhörer weltweit mit den Künstlern interagieren, zu ihrer Musik tanzen und mit Freunden Zeit verbringen. Da diese Welten virtuell sind, haben auch die Künstler mehr Möglichkeiten für das Arrangement ihrer Liveshows. Sie können auf eine typische Bühne verzichten und stattdessen beispielsweise ein Konzert im Weltraum veranstalten oder mit kleinem Budget eine Lichtshow kreieren, die weit über das hinausreicht, was sie in der echten Welt auf die Beine stellen könnten.

Durch das South-by-Southwest-Festival 2017 hatte das Publikum Gelegenheit, einen Blick auf die neuesten Entwicklungen der Musikbranche zu werfen und zu sehen, wie Computertechnik das Musikerlebnis für Komponisten und Zuhörer grundlegend verändert. Die kreativen Köpfe hinter dem VR-Trend sind der Ansicht, dass durch die Technik künftig jedes beliebige Szenario denkbar ist. „Ich möchte Musik, die ich bislang noch nie gehört habe, gespielt von Instrumenten, die ich bislang noch nie gesehen habe, an Orten, an denen ich bislang noch nie gewesen bin“, sagt Origin. „Über die Details können wir gerne reden.“

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