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Digitale Amnesie: Wie das Internet unser Gedächtnis ersetzt

„Weiß ich nicht. Ich beschwere mein Gedächtnis nicht mit Tatsachen, die ich in einem Konversationslexikon finden kann“, soll Albert Einstein auf die Frage nach der Schallgeschwindigkeit einst geantwortet haben. Knapp 90 Prozent aller Teilnehmer einer Kaspersky-Studie dürften das gerne hören, da sie nach eigenen Angaben das Internet als Online-Erweiterung ihres Gehirns nutzen. Das als Digitale Amnesie oder Google-Effekt bezeichnete Phänomen bezeichnet den Umstand, dass Internet-Nutzer Informationen lieber schnell online nachschauen anstatt sie sich dauerhaft zu merken. Dadurch verschieben sich die Prioritäten: Nicht mehr das Wissen selbst wird im Gehirn gespeichert, sondern nur noch der Weg, der dorthin führt.

Während das Auswendiglernen von Gedichten früher selbstverständlich zur Schulbildung gehörte, merken sich heute die meisten nicht mal mehr die Telefonnummern von Familienmitgliedern, Partnern oder Freunden. Denn das Smartphone dient als Speicher für Kontaktinformationen, Geburtstagsdaten und Termine. An dieser Stelle ließe sich bereits einwenden, dass es auch schon zu analogen Zeiten Adressbücher und Zeitplaner wie das zeitweise äußerst populäre Filofax gab. Das Mobiltelefon wird aber natürlich noch für viel mehr eingesetzt: Statt sich beispielsweise eine Adresse zu merken, wird schnell die Suchmaschine bemüht. Nicht umsonst nahm der Duden im Jahr 2004 das eingedeutschte Wort „googeln“ in sein Verzeichnis auf. Dass der neue Begriff in die Alltagssprache eingegangen ist, zeigt, welch hoher Stellenwert der damit beschriebenen Tätigkeit und auch der namengebenden Firma heute beigemessen wird. „Das Vertrauen, das wir in unsere digitalen Geräte setzen, kann dem Vertrauen in einer zwischenmenschlichen Beziehung gleichen“, erklärt Dr. Kathryn Mills vom Institut für kognitive Neurowissenschaften am University College London. Wiederholte positive Erfahrungen mit anderen Menschen führten dazu, dass wir diese als verlässlich einstuften – und dieses Prinzip greife eben auch bei den Geräten.

Internet übernimmt Funktion des Freundeskreises

Viele vergessen die gefundene Information sofort wieder

Damit übernehmen Smartphones und die damit besuchten Internetseiten jene Funktion, die zuvor der Freundes- und Bekanntenkreis innehatte und die als transaktives Gedächtnis bezeichnet wird. Dieses Konzept geht auf den Harvard-Psychologen Daniel Wegner zurück beschreibt den Sachverhalt, dass wir durch unsere Beziehungen Zugriff auf Spezialwissen haben, welches wir uns damit nicht selber merken müssen. Wo früher ein bestimmter Freund bei Problemen mit dem Auto und ein anderer zur Unterstützung beim Konfigurieren eines neuen Programms angerufen wurde, reicht heute ein Blick aufs Smartphone.

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„Mit der Entwicklung des Internets hat sich der menschliche Geist von einer unerschöpflichen Quelle zu einem Nebenprodukt entwickelt“, schrieben Wegner und sein Kollege Adrian Ward im Wissenschaftsmagazin Scientific American. Denn das Internet verfügt nicht nur über mehr Wissen als der Freundeskreis, sondern liefert dieses auch noch viel schneller und rund um die Uhr. Zur gestiegenen Ungeduld im digitalen Zeitalter kommt, dass viele eher dem Netz vertrauen als der Leistungsfähigkeit des eigenen Gedächtnisses. Die Hälfte aller Teilnehmer der oben genannten Kaspersky-Studie schaut bei Fragen direkt im Internet nach und versucht gar nicht erst, Wissen aus dem Kopf abzurufen. Fast ein Drittel vergisst die gefundene Information sofort nach ihrer Benutzung wieder. Ähnlich sehen die Zahlen beim europäischen Pendant der Studie aus: Von 6.000 Befragten geben 36 Prozent an, direkt das Internet zu nutzen statt zu versuchen, sich selbst an die Antwort auf eine Frage zu erinnern. Circa ein Viertel vergisst die Information sofort nach deren Benutzung wieder.

Auswirkungen auf das Langzeitgedächtnis

Nutzer nehmen Google als Teil ihrer Kognition wahr

Letzteres kommt umso häufiger vor, je älter die Befragten sind, was unterstreicht, dass nicht nur die Generation der sogenannten Digital Natives von der Digitalen Amnesie betroffen ist. Psychologen sind der Meinung, dass der Unwillen, sich Informationen dauerhaft einzuprägen, Auswirkungen auf das Langzeitgedächtnis haben wird. Denn dieses funktioniert durch Repetition: Je öfter etwas wiederholt wird, desto stärker prägt es sich ein. Alles andere wird vom Gehirn als unwichtig betrachtet und früher oder später vergessen. Smartphones und Internetverbindung übernehmen damit als externe Speicher einen Teil der Gedächtnisleistung ihrer Nutzer und lassen das Konzept der Verschmelzung von Maschine und Mensch zum Cyborg anklingen.

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Erstaunlich ist dabei die Tatsache, dass den Nutzern die Auslagerung des Wissens nicht bewusst ist. Im Jahr 2013 zeigten Wegner und Ward durch eine Testreihe auf, dass Probanden, die während eines Wissens-Quiz Google benutzen durften, hinterher ihre eigene Intelligenz höher einschätzten als diejenigen, die die Fragen ohne Hilfe beantwortet hatten. „Die Benutzung von Google erzeugt in Menschen das Gefühl, dass das Internet Teil ihrer eigenen Kognition ist“, folgerten die Wissenschaftler. Schon 2008 hatte Nicholas Carr die titelgebende Frage seines vielbeachteten Essays „Is Google Making Us Stupid?“ mit Ja beantwortet. Damals vermutete Carr, dass Menschen sich durch die ständige Verfügbarkeit von Wissen nicht mehr richtig konzentrieren könnten.

Mobiltelefone stören die Konzentration

Durch Vergessen wird das Gedächtnis Irrelevantes los

Tatsächlich zeigte eine Studie der Florida State University, dass Mobiltelefone auch dann unsere Konzentration stören, wenn wir Anrufe oder Nachrichten nicht beantworten. Allein das Klingel-, Benachrichtigungs- oder Vibrationsgeräusch führte bei Tests zu einer dreifach höheren Fehlerquote. Um sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren, müsse das Telefon komplett ausgeschaltet werden, folgerten die Autoren der Studie. Eine andere Lösung fand Ed Miliband von der britischen Labour-Partei: Um seine Twitter-Sucht während der Wahlkampf-Phase wenigstens einzudämmen, wechselte er zeitweilig vom iPhone auf ein Blackberry. Denn laut Miliband verfügt dieses über einen eingeschränkten Funktionsumfang und erschwert damit den zu Zugang zu sozialen Medien.

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Das große Ablenkungspotenzial mobiler Geräte sagt allerdings noch nichts darüber aus, ob das Gedächtnis auch tatsächlich darunter leidet. Dr. Maria Wimber vom psychologischen Institut der Universität Birmingham gibt zwar zu bedenken, dass die Suchmaschinen-Omnipräsenz Menschen zu oberflächlichem, nur auf den Moment gerichteten Denken verführe. Gleichzeitig hebt sie jedoch hervor, dass das Vergessen nicht grundsätzlich etwas Schlechtes sei: „Im Gegenteil, Vergessen ist eine Art der Anpassung, die unserem Gedächtnis hilft, wirklich wichtige Informationen zu behalten und die irrelevanten loszuwerden.“ Auf diese Weise verschwindet nutzloses Wissen, das uns andernfalls ablenken würde. Auch Mills betont, dass es nicht vorteilhaft für das Gehirn wäre, unterschiedslos alles abzuspeichern. Relevant seien lediglich Informationen, die uns bei der effektiven Bewältigung des Alltags helfen.

Mehrheit will sich Nummern nicht merken

Freie Gehirnkapazitäten für kreatives Denken nutzen

Da es aber für schwer zu merkende Dinge wie Telefonnummern seit jeher Hilfen wie Adressbücher oder heute eben Smartphones gibt, zählen diese Informationen nicht zu den für das Gehirn relevanten. Ohnehin geben 86 Prozent der europäischen Kaspersky-Studienteilnehmer an, dass sie sich die vielen, häufig wechselnden Kontaktdaten selbst dann nicht merken könnten, wenn sie es wollten. Das Nicht-Merken-Wollen jedoch schließt auch Informationen ein, die früher selbstverständlich im Gedächtnis abgelegt waren, vielleicht sogar zur klassischen Bildung gehörten und nun aus den Köpfen verschwinden.

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Ob Digitale Amnesie allerdings so dramatisch ist, wie ihr Name suggeriert, ziehen Ben Storm und Sean Stone von der University of California in einer Studie in Zweifel. Durch das vom Internet hervorgerufene Vergessen werde der Kopf frei für andere Dinge wie kreatives Denken. „Das (digitale) Abspeichern von Daten, die man sich sonst merken müsste, erleichtert das Lernen neuer Informationen“, schrieben die beiden Forscher im Fachmagazin Psychological Science. Zudem wird auf diese Weise eventuell Gehirnkapazität frei, die sich dazu nutzen lässt, kompliziertere Sachverhalte genauer zu durchdenken. Unter Studenten und Schriftstellern ist das längst bekannt. Während Erstere ihre Informationen in Aktenordnern voller Kopien und auf dicht beschriebenen Blöcken sammeln, nutzten Letztere früher gerne Zettelkästen als Hilfsmittel bei der Erstellung komplexer Werke.

Wichtige Informationen im Kopf speichern

Erinnerungen ungeschützt auf dem Smartphone gespeichert

Welche Daten wichtig genug sind, um sie im Kopf abzuspeichern, ist natürlich eine Ermessensfrage. Dabei gilt es zu bedenken, dass der Akku des Smartphones auch mal leer sein kann oder dass hin und wieder schlicht keine Internetverbindung zur Verfügung steht. Gerade Letzteres vergessen junge Stadtbewohner häufig. Viele von ihnen betrachten einen Netzzugang für so selbstverständlich wie fließendes Wasser und Strom. Einige Teilnehmer der Kaspersky-Studie waren gar davon überzeugt, dass einmal aufgefundenes Wissen für immer an genau dieser Stelle im Internet vorzufinden sein werde.

Ähnlich arglos ist der Umgang mit Erinnerungsstücken wie Fotos: Laut der Studie speichern vor allem jüngere Menschen ihre Kontaktinformationen und Bilder ausschließlich auf dem Smartphone. Durch den Verlust des Geräts wären auch persönliche Erinnerungen unwiederbringlich verloren. Hinzu kommt, dass ein Großteil der Nutzer keinerlei Schutzmechanismen gegen Datendiebstahl eingerichtet hat. Zumindest ein Backup wäre dringend angeraten, denn „Bilder sind eine sehr starke Gedächtnisstütze und können Erinnerungen wachrufen, die wir andernfalls vergessen würden“, sagt Wimber. Dass mit der Vergangenheit auch die Identität eines Menschen weitgehend verschwindet, ist von polizeilichen Hilfeaufrufen bei Amnesiefällen bekannt. Der digitalen Variante des Identitätsverlusts vorzubeugen, bleibt jedem Internetnutzer selbst überlassen.

Cover-Foto: Flickr – Paul Stumpr (CC BY-SA 2.0) (Montage)
Bild 2, 4 & 5: Kaspersky Lab

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