Technische Innovation

Drive.ai: Selbstfahrende Autos lernen Sozialverhalten

Durch die Technik des Start-ups Drive.ai sollen autonome Fahrzeuge mittels Emojis und Tönen mit anderen Verkehrsteilnehmern kommunizieren können.

Ein Blick, ein Lächeln, ein Nicken – und der Fußgänger mit der Gehhilfe fühlt sich beim Überqueren der Straße sicher. Er weiß nun, dass er es nicht in der Grünphase schaffen muss, weil der Fahrer warten wird. Sitzt die Person hinter dem Steuer aber in einem selbstfahrenden Auto und schaut daher aufs Smartphone statt auf die Straße, entfällt die entscheidende nonverbale Kommunikation. Dieses Problems will sich das kalifornische Start-up Drive.ai annehmen.

„Selbstfahrende Autos sind die ersten sozialen Roboter, mit denen viele Menschen interagieren werden“, erklärt die Geschäftsführerin Carol Reiley. „Wir arbeiten nun an einem Ersatz für all die sozialen Zeichen, die Menschen untereinander austauschen, und wollen dadurch Vertrauen und Transparenz schaffen.“ Zu diesem Zweck hat Drive.ai einen Bausatz entwickelt, mit dem sich jede Art von Kraftfahrzeug nachrüsten lässt. Neben der für das autonome Fahren nötigen Technik wie Sensoren, LiDAR und einer künstlichen Intelligenz (KI) enthält das Paket einen LED-Bildschirm, der aufs Fahrzeugdach montiert wird. Von dort sendet er mittels Text oder Emojis Botschaften an andere Verkehrsteilnehmer und zeigt beispielsweise Fußgängern an, dass das Auto sie registriert hat und stehenbleiben wird.

Schallsignal und künstliche Intelligenz statt Hupe

Hinzu kommt eine Technik, die die herkömmliche Form der akustischen Kommunikation ersetzen soll: „Die Hupe gehört zu den Autoteilen mit dem schlechtesten Design“, sagt Reiley. Denn weder die Lautstärke noch die Schallrichtung lassen sich ändern. So können einzelne Verkehrsteilnehmer nicht gezielt angesprochen werden. Zudem ist nicht immer klar, was Fahrer mit dem Hupen eigentlich sagen wollen. Aus diesem Grund arbeitet Drive.ai an einem variablen akustischen Signal, das sich vom autonomen Fahrzeug auf die jeweilige Straßenverkehrssituation abstimmen lässt. Um diese durchschauen zu können, wird die KI, die analog zu anderen selbstfahrenden Wagen den Kern des Bausatzes bildet, per Deep Learning trainiert.

Deep Learning soll beim Überblicken alltäglicher Verkehrssituationen helfen.
Deep Learning soll beim Überblicken alltäglicher Verkehrssituationen helfen.

Dabei handelt es sich um eine Technik aus dem Bereich des maschinellen Lernens. Statt der KI feste Regeln vorzugeben, werden ihr Beispielsituationen aus dem Straßenverkehr präsentiert, anhand derer sie selbstständig Regeln ableitet. Sie lernt also wie Menschen und Tiere durch Zuschauen. Das ist deshalb sinnvoll, weil es im Alltag immer wieder zu Situationen kommt, die sich nicht in der Straßenverkehrsordnung oder einem anderen starren Regelwerk berücksichtigen lassen. Von Hunden auf Skateboards bis hin zu Personen, die im Kreis um das Auto herumrannten, gab es im Rahmen der Testfahrten auf kalifornischen Straßen laut Reiley eine ganze Menge an Vorfällen, die eine KI durcheinander bringen können. Hinzu kommt, dass sich Verkehrsteilnehmer generell häufig unberechenbar verhalten.

Drive.ai will die Strassen sicherer machen

„Es liegt in der Natur des Menschen, Regeln nicht genau zu befolgen“, sagt Reiley. „Menschen sind furchtbar schlechte Fahrer und verursachen jährlich circa 33.000 Todesfälle allein in den USA.“ Um dies zu ändern, entschied sich die Ingenieurin dazu, ihre 15-jährige Erfahrung auf dem Gebiet der Robotertechnik für den Straßenverkehr nutzbar zu machen. Mit einer Gruppe von Kollegen, die zu einem großen Teil Absolventen des renommierten Labors für künstliche Intelligenz der Universität Stanford sind und bereits jahrelang an der Schnittstelle von Deep Learning und Automobiltechnik arbeiteten, gründete sie 2015 Drive.ai. Zusammen entwickeln sie nun eine gemeinsame Sprache für Mensch und Maschine, um dadurch selbstfahrende Autos sicherer zu machen.

Mit seiner Technik will Drive.ai selbstfahrende Wagen sicherer machen.
Mit seiner Technik will Drive.ai selbstfahrende Wagen sicherer machen. Gif: Drive.ai

Dabei sind sie bei weitem nicht das einzige Unternehmen, das maschinelles Lernen und damit die momentan wachstumsstärkste KI-Sparte setzt. Kürzlich übernahm Intel mit Nervana Systems einen führenden Deep-Learning-Spezialisten, und auch Toyota und Google investieren hohe Beträge in diesen zukunftsträchtigen Bereich. Der Suchmaschinenbetreiber hat zudem ebenfalls ein Patent für ein System angemeldet, das der visuellen Kommunikation zwischen selbstfahrenden Autos und Fußgängern dient. Um wie erhofft einen neuen Industriestandard etablieren zu können, muss Drive.ai sich also beeilen. Das Unternehmen plant, seine Technik noch vor 2020 auf den Markt zu bringen, und möchte nach seinen bisherigen Geschäftskunden künftig auch normale Konsumenten erreichen.

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