Technikbasierte Bildung

Earthships: Nachhaltige Wohnvisionen vom Wertstoffhof

Rohstoffe wie Holz werden über die Maßen verbraucht, Müll hingegen gibt es immer mehr – eine Entwicklung, die nicht erst seit gestern in Gang ist. Michael Reynolds, gelernter Architekt und populärer Visionär, hat das Problem schon Anfang der Siebzigerjahre erkannt und das erste Haus aus leeren Bierdosen gebaut. Heute stehen in dem kargen Landstrich im amerikanischen Bundesstaat New Mexico gut hundert Earthships, also Erdenschiffe, wie Reynolds seine energieautarken Wohnhäuser aus Abfallprodukten wie Autoreifen oder Glas nennt.

Nachhaltige, autonome Wohnkonzepte gibt es heute viele – von urbanen Baumhäusern über unterirdische Luxustempel bis hin zu futuristischen Wohnkapseln. Die Frage, wie sich umweltverträgliche Gebäude realisieren lassen, ist derzeit allgegenwärtig. In den Siebzigern wurde Reynolds noch für einen Spinner gehalten, heute rennen ihm nicht nur Architekturstudenten aus aller Welt die Türen zu seiner „Academy“ ein, und auch große Unternehmen wollen plötzlich mit ihm kooperieren. Doch mit letzteren möchte er nichts zu tun haben. Denn mit seiner Firma Earthship Biotecture strebt er nicht nach großem Profit, sondern versucht, die Welt ein kleines Stück besser machen.

Das Haus als autarkes Ökosystem

“Brauchen von Menschen geschaffene Systeme nicht“

Vor diesem Hintergrund hat Reynolds sechs Grundbedürfnisse des Wohnens identifiziert: Obdach, Nahrung, Wasser, Strom, Abwasserversorgung und Müllentsorgung. Diese Anforderungen erfüllen seine autarken Häuser, ohne an eine öffentliche Infrastruktur angebunden zu sein. „Energie kommt vom Himmel, Wasser kommt vom Himmel. Wir brauchen all diese Systeme nicht, die die Menschen geschaffen haben“, erklärt der 69-Jährige in einem Kurzfilm.

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Die Earthships sind als passive Gebäude konzipiert, die vollständig autonom sind, also ohne Wasser-, Strom- und Kanalisationsanschluss auskommen. Regenwasser wird in Zisternen gesammelt und aufbereitet, das Abwasser anschließend in einer aus Pflanzen bestehenden und im Haus integrierten Natur-Kläranlage wieder gereinigt. Sonne und Wind werden für die Stromgewinnung genutzt, die Energie soll von Batterien über Nacht gespeichert werden. Das ganze Haus kann als geschlossenes Ökosystem betrachtet werden, das sich an natürlichen Kreisläufen orientiert und alle zur Verfügung stehenden Ressourcen optimal nutzt.

Die Erde als Klimaanlage

Hocheffiziente Isolierung dank ausgedienter Autoreifen

Unabhängig von Außentemperatur und Wetter erlaubt es die spezielle Bauweise der Earthships, in ihrem Inneren das ganze Jahr über ein konstantes Klima zu erhalten. Die Hauswände bestehen größtenteils aus ausgedienten Autoreifen, die mit Erde gefüllt und mit Lehm verputzt werden. Diese zwei bis drei Meter dicke Schicht bildet eine hocheffiziente Isolierung, die die Temperatur sogar bei Frost und Schnee auf einem gleichbleibenden Niveau hält.

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Die Südseite hingegen besteht komplett aus Glas, sodass Sonneneinstrahlung und Raumtemperatur über Jalousien geregelt werden können. Im Sommer sorgt ein Lüftungssystem mit Kühlschächten für Abkühlung. Warme Luft steigt hoch und zieht kühle aus dem Erdreich nach – eine natürliche Klimaanlage.

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Solarenergie und Bio-Kläranlage

Regenwasser wird in Earthships mehrfach verwendet

Zur Stromerzeugung dienen die über der Fensterfront platzierten Solarpaneele und kleine Windräder. Die so generierte Energie läuft in einem „Power Organizing Module“ mit angeschlossenem Batterie-Pack zusammen. Diese sogenannten Earthship-POMs übernehmen die Umwandlung der für die verschiedenen Geräte benötigten Spannungen und können bei Bedarf auch Strom von Generatoren oder Netzstrom verarbeiten. Dadurch können alle Energiequellen unkompliziert miteinander kombiniert werden.

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Das gesammelte Regenwasser wird in den Earthships gleich mehrfach verwendet. Zunächst wird es von einem Filter gereinigt und kann zum Duschen oder Händewaschen verwendet werden. Das so entstandene Abwasser fließt durch ein natürliches Filtersystem in Form von Gemüse- und Kräuterpflanzen und wird anschließend der Toilettenspülung zugeführt. Von dort aus wird es in einem antiseptischen Tank außerhalb des Hauses sowie in weiteren Pflanzenbecken gereinigt und nach drei weiteren Filterdurchgängen wieder in den Wasserkreislauf eingespeist. Die Earthships selbst liefern jedoch kein Trinkwasser, dies muss über einen Brunnen, eine Quelle oder einen normalen Wasseranschluss kommen.

Unterkünfte für Krisengebiete auf der ganzen Welt

Finanzierung der Bauprojekte erfolgt über eigene Akademie

Inzwischen stehen Reynolds Häuser nicht nur in den USA, sondern auf der ganzen Welt. Als ihm die Stadtverwaltung von Santa Fe Mitte der Neunzigerjahre die Bauerlaubnis entzog, da seine Earthships angeblich gegen sämtliche Bauvorschriften verstießen, fand er in anderen Ländern wie Bolivien oder in Südostasien die Möglichkeit, seine Ideen umzusetzen. Dort hatte er auch zum ersten Mal den Gedanken, seine Häuser in Krisengebieten zu errichten. Denn dort werden schnell neue Unterkünfte gebraucht und es sind in der Regel massenhaft Bauschutt und Abfälle vorhanden. So kommt es, dass auch in  Ländern wie Haiti, Malawi, Honduras, Chile und den Philippinen heute Earthships stehen.

Die Finanzierung seiner internationalen Bauprojekte stemmt Michael Reynolds inzwischen über seine vor vier Jahren gegründete Akademie. In Lehrgängen lernen Studenten dort, wie die Earthships gebaut werden, und helfen als Freiwillige bei Bauvorhaben auf der ganzen Welt mit. Dafür sind sie sogar bereit, die Kosten für Anreise und Unterkunft sowie eine Teilnahmegebühr von 1.000 US-Dollar zu bezahlen – Geld, mit dem Reynolds die Kosten des Projektes abdeckt.

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Die Preise für die Earthships variieren je nach Ausführung. Einfachere Häuser gibt es ab 200.000 Dollar, das beliebte “Global Model” kostet 500.000 Dollar. Ein Betrag, den Bauherren in den USA durchaus auch für ein gewöhnliches Haus ausgeben. Inzwischen gibt es auch Interessenten aus Deutschland – darunter eine Aussteigerkommune in Schwaben und eine Ortschaft im Allgäu, die ein Earthship als Bildungs- und Seminarhaus errichten möchte. Da für ihren Bau jedoch kein Müll verwendet werden soll, hat Reynolds kein Interesse an einer Zusammenarbeit – er hat eben seine Prinzipien.

Bilder: Facebook – Earthship Biotecture

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