Die Zukunft der Wearables

Ein Topmodel macht Mode: Technischer Pioniergeist inspiriert neue Modeschöpfer

Anina Net schaffte es vom Model zur Schöpferin tragbarer Technologie und ebnete den Weg für eine nächste Generation technikbegeisterter Mode-Designer.

Nach Ihrer Modekampagne für Gas Jeans lief das Model Anina durch die Straßen von Mailand. Ihr Konterfei schien ihr überall zu begegnen: auf den Titelseiten von Zeitschriften, auf Plakatwänden, sogar auf Bussen. In diesem Moment hatte sie eine Eingebung. „Ich hatte dieses immense Medienpotenzial. Aber es war bedeutungslos, es gab keine Botschaft“, sagte Anina. „Ich dachte mir also: ‚Was könnte ich tun, um etwas in der Welt zu bewirken?‘ Ich schicke keine Menschen auf den Mond – ich bin halt ein Model.“

Doch in nicht allzu langer Zeit vollzog Anina eine Wandlung von einem Fotomodell zu einer Pionierin der Modeindustrie. Sie verstand schnell, wie Modeschauen und Installationen von Technologie profitieren könnten. So startete sie zunächst einen auf Mobiltelefone ausgerichteten „Insider-Scene“-Blog. Später entwickelte sie Roboterkleider, die von Intel Curie-Modulen angetrieben wurden und ihre Form veränderten. Ihre Handschuhe mit bewegungssensitiven LEDs wurden sogar im nationalen chinesischen Fernsehen bei einer speziellen Tanzaufführung zum chinesischen Neujahrsfest vorgestellt.

Anina Net
Mode-Technik: Anina präsentiert einen Roboterkleid, das sie mit einem Tech-Kit angefertigt hat. Foto: Hanep Creative Studio.

Eine neue Generation von Designern

Anina bündelte ihr Wissen und ihre Computertechnik zu Kits, um Designer und „Maker“ bei der Kreation ihrer eigenen Modetechnik-Prototypen zu unterstützen. Für all dies schrieb sie allerdings keinen einzigen Code, baute keinen Servomotor ein und musste auch keine elektrischen Drähte löten. Sie ebnet auf diese Weise den Weg für andere, die eine Karriere in der Mode-Technologie starten wollen – eine Option, die vor wenigen Jahren kaum denkbar gewesen wäre. Sie gehört zu einer neuen Generation von Designern, die Scifi-Mode mit 3D-Druckern auf den Laufsteg bringen und das Cocktailkleid neu erfinden: als erstaunliches, nahezu fatales Outfit.

Früher, lange bevor Anina ein Star auf dem Laufsteg wurde, war sie eine hochgewachsene, deutschsprachige Außenseiterin, die mit ihren beiden Brüdern im Norden von Michigan aufwuchs. Ihr Vater war Mathematiklehrer an einer Privatschule und wollte, dass seine Kinder später einmal Ingenieure werden. Während andere Kinder den Sommer draußen verbrachten, lernten Anina und ihre Brüder alles über Computer. „Ich war schon immer vertraut mit Technik“, sagte sie. „Wenn meine Brüder ins Code Camp fuhren, musste ich auch dorthin. Wenn mein Computer nicht lief, ließ uns mein Vater gemeinsam die Festplatte ausbauen. Das Technische wurde mir niemals vorenthalten, weil ich ein Mädchen war.“

Diese Unterschiede – die körperlichen ebenso wie die kulturellen – zwangen sie, ein starkes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Das half ihr auch dabei, ihre wahre Leidenschaft zu verfolgen, die sie vor ihrer technikbegeisterten Familie verborgen hielt: Modeln. „Als ich mich entschied, Model zu werden, hat mich meine Familie fünf Jahre lang abgelehnt“, sagte Anina. „Keiner sprach mehr mit mir. Sie versuchten mir ihren Willen aufzuzwingen und mich dazu zu bringen, Ingenieurin zu werden. Aber das sollte einfach nicht sein.“

Rückkehr zur „Techie“-Vergangenheit

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – und die Computer waren nun mal Teil ihres Lebens. Als sich Anina später auf ihre Technik-Wurzeln besann und die erste Model-Bloggerin, wurde, nahm ihre Karriere an Fahrt auf. Der Blog vermittelte anderen Menschen einen Insider-Blick in die Modebranche: von der Präsentation ihres Portfolios bis hin zur Offenlegung dessen, was sich hinter den Kulissen der Laufstege abspielte. Damit war Anina ihrer Zeit zweifelsohne voraus.

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Anina zeigt, wie der von RFactory mit einem Tech-Kit erschaffe Motion-Dress aufleuchtet, wenn sich die Person darin bewegt. Foto: Hanep Creative Studio.

Die Modebranche reagierte jedoch mit Ablehnung. Trotz der Innovation, die von den Laufstegen ausgeht, seien sich die meisten Insider nicht bewusst gewesen, wie stark Technologie die Zukunft der Mode verändern würde. „Keiner in der Modebranche wollte Technik verwenden, wirklich niemand. Sie stellten mir idiotische Fragen, wie ‚Wer würde jemals dafür eine App für ein Handy herunterladen?‘ oder ‚Warum willst Du überhaupt LEDs in Deine Kleidung integrieren?‘ oder ‚Warum sollte jemand eine 3D-Version von sich selbst anziehen wollen? Du bist wirklich narzisstisch.‘“

Jedes Mal, wenn sie versuchte, es ihnen zu demonstrieren – gleichgültig ob es sich nun um erweiterte Realität (AR), virtuelle Realität (VR) oder etwas noch komplizierteres handelte –, wollte niemand etwas damit zu tun haben. Heute ist die Technik allgegenwärtig. Die Modebranche konnte sich ihrem Einfluss nicht verwehren. Von VR-Modeschauen, in denen Geräte für Remote-Viewing direkt neben dem Laufsteg stehen, oder Kleidern, die auf das Eindringen in einen persönlichen Bereich reagieren: die Designer sind voller Enthusiasmus auf der Suche nach den neuesten Methoden, um Lichter, Sensoren und knopfgroße Module in ihre Kleidungsstücke einzubauen.

Chinas Techie-Topmodel

Trotz des anfänglichen Gegenwinds blieb Anina weiterhin kreativ. Sie entwickelte gemeinsam mit Adobe das Mode-Dress-Up-Spiel Anina Dress Up und brachte die App-Plattform MobileMags für Mode zum Selbermachen auf den Markt. Schließlich fand sie ein dankbares Publikum auf der anderen Seite der Welt: in China.

„Es fühlte sich an wie ‚So, das war’s. Ich bin dann mal weg!‘ Ich gehe dahin, wo 1,3 Milliarden Menschen mit Mobiltelefonen leben, die wissen, was Blogs sind, Avatare von sich selbst haben und für sie Kleidung herunterladen wollen‘“, erklärt sie. „China ist eine aufblühende Wirtschaft. Ich gehe einfach dorthin, werde Chinas fremdes Topmodel, und eröffne dann mein eigenes Unternehmen. Ich werde die Technologie einfach von oben nach unten einführen.“

Sobald Anina in China ankam, lief alles wie am Schnürchen. Sie gründete 2005 in Paris das 360Fashion Network als ein Echtzeitportal für Modeneuigkeiten, dessen Erfolgsgeheimnis die Bilder waren, die hinter den Kulissen mit Mobiltelefonen aufgenommen wurden. 2008 entstand ihr Unternehmen 360Fashion Network in den USA, und ein Jahr später eröffnete sie eine Tochterfirma in China. Sie arbeitete mit der China National Garment Association zusammen und präsentierte verschiedene Technologien, die für Mode angewendet werden können.

Technik cooler und modischer machen

Anina schloss sich auch mit führenden Technologieherstellern zusammen, um innovative Ideen zu realisieren. Dazu gehören auch ihre mit Intel Curie-Modulen betriebenen Handschuhe mit 162 bewegungssensitiven LEDs, die harmonisch in eine Live-Tanzaufführung eingebunden wurden. Anina hat nicht nur alle ihre Ziele erreicht, sie hat auch herausgefunden, welche Botschaft sie den Menschen überbringen möchte: „Wenn mehr Frauen zu technischen Mitteln greifen, wird sich das Spektrum der Dienstleistungen erweitern“, erklärt sie. „Wir werden neue Blickwinkel einnehmen. Alles wird anders aussehen und vielleicht auch verschiedene Dinge bewirken.“

Der Grundgedanke war, Technik an sich cooler und modischer zu machen. Wenn sie es als „Techie-Model“ schaffte, Mädchen und Frauen zu begeistern, konnte sie auch für eine breitere Vielfalt in Branchen wie Ingenieurwesen, Fertigung und Programmierung sorgen. Ihre neuen 360Fash Tech Kits bieten einen einfachen Ausgangspunkt. Diese zwölf Kits bieten Designern alles, was sie benötigen, um Technologie zu integrieren und ihre Kreationen ohne Programmier- oder Lötarbeiten einen ganzen Schritt weiterzubringen. Mit Drag-und-Drop-Software kann jeder seine Vision individuell befördern – gleichgültig in welcher Form.

Ein innovativer Gestalter verwendete das „Proximity Kit“ für den Entwurf eines Hochzeitskleides, das aufleuchtet, wenn die Braut neben ihrem Bräutigam steht. ROMASTER entwarf unter Zuhilfenahme des „Gesture Kit“ den „Qi Suit“, einen maßgeschneiderten Anzug, der Tai Chi-Bewegungen in Lichtmuster umsetzt. Derzeit ist ein Kit in Arbeit, das auf den Handschuh mit sensitiven LEDs Bezug nimmt. Anina zufolge senken Kits die Hemmschwelle und lassen den Kreativen so viel Spielraum für ihren Ideenreichtum, wie sie sich wünschen.

Inspiration und Weiterbildung für Designer

„Wenn wir den Menschen die Technik nicht schmackhaft und zugänglich machen, werden wir keine technische Trendwende erleben“, erklärt Anina. „Wenn wir die Schlüssel vergessen und in Eile sind, gehen wir trotzdem zurück, um sie zu holen. Wenn wir spät dran sind, und unseren Fitness-Tracker vergessen haben, holen wir ihn wahrscheinlich nicht.“ Neumodische Technologien sind vielleicht etwas ungewöhnlich, aber mit ihrem Medienpotenzial kommt Anina ihrem Ziel, Frauen zu inspirieren, ein ganzes Stück näher.

Azrael YM
Mode und Technik auf der Beijing Fashion Week: Azrael YM erschuf einen kristallenen, intelligenten Unisex-Handschuh.

„Mode ist ein wundervolles Medium, um mehr Frauen für Wissenschaft und Technik zu begeistern. Denn sie spricht Fähigkeiten an, die sie bereits besitzen, wie etwa Handarbeiten oder Nähen“, sagte sie. „Die größte Erfüllung ist es, wenn junge Mädchen sagen ‚Ich möchte ein Roboterkleid herstellen‘ oder ‚Ich möchte das LED-Band für mein Ballkleid verwenden.‘“

Anina Net wünscht sich eine nächste Generation von Innovatoren, die Neinsager einfach links liegen lassen. „Schaut nach vorn, statt darauf zu achten, was die anderen machen“, sagt sie. „Gebt eure Träume niemals auf! Da draußen gibt es einen Zauber für jeden von uns, und wenn ihr euch dahinterklemmt, werden sich der Himmel und das Universum zusammentun, um euch zu helfen.“

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