Zugang für alle

Essen im Flugzeug: Fließband soll Servicewagen ablösen

Marek Hoffmann Autor, Hemd & Hoodie

„Die Erfindung betrifft ein Flugzeug mit einer Passagierkabine und mit einer Vielzahl an in dieser Passagierkabine angeordneten Passagiersitzen, bei welchem die Passagiersitze in Sitzreihen hintereinander auf einem Kabinenboden angeordnet sind.“ Was so klingt, als würde jemand den Versuch unternehmen, „Passagierraum“ auf möglichst komplizierte Art und Weise zu definieren, ist Teil eines Patentantrags.

Und die Erfindung, von der Eingangs die Rede ist, betrifft „ein Verfahren zum Bedienen von Passagieren in einem Flugzeug, bei welchem den Passagieren an ihren Passagiersitzen Gegenstände, Speisen und/oder Getränke gereicht werden.“ Fiel diese Art des Customer Service bislang in den Verantwortungsbereich mehr oder minder motivierter Flugbegleiter, soll der Job nach Willen des hessischen Unternehmens Sell GmbH im wahrsten Sinne des Wortes bald automatisiert ablaufen: nämlich via Förderband!

Essen am Fließband

Bestellprozess soll nur wenige Klicks erfordern

Dieses Band soll sich unterhalb beziehungsweise innerhalb des Kabinenbodens befinden und zwischen den Sitzreihen entlang führen. Wie aus manchen Sushi-Restaurants bekannt, werden die Lebensmittel darüber einfach und schnell bis an den entsprechenden Sitz befördert – und von dort auch wieder entfernt.sushibar

Ist die Bestellung – neben Speisen und Getränken sollen auf diese Weise später auch Zeitungen und Magazine zum Gast befördert werden -, am richtigen Sitzplatz angekommen, wird sie anhand einer speziellen Vorrichtung des Versorgungssystems aus dem Boden gehievt, woraufhin der Gast sie entgegennehmen kann. Sell plant dabei, den Bestellprozess über eine einfach zu bedienende Computeranwendung abzuwickeln, die mit wenigen Klicks funktioniert. Als Pate für dieses Patent diente dem Unternehmen eigenen Angaben zufolge der Erfinder Martin Limanoff, der eine ähnliche Idee bereits vor ziemlich genau 50 Jahren hatte. In seiner Vision fuhr ein entsprechendes Gebilde allerdings innerhalb einer Schiene im Kabinenboden, vergleichbar den Autos auf einer Carrera-Bahn.

Auslaufmodell: Servicewagen

Nachteil ist die bisweilen lange Wartezeit auf den Service

Woran sich das Unternehmen bei dem bislang üblichen Service-Ablauf stört, dürfte jedem von uns nur zu gut bekannt sein. Während das Bordpersonal mit den Servicewagen unterwegs ist, ist der schmale Gang zwischen den Sitzreihen versperrt – und damit die Einbahnstraße zur Toilette. Da kann die Natur schon mal rufen, bis sie heiser wird. Schmerzen an anderer Stelle, nämlich an in den Gang ragenden Beinen oder Armen von schlafenden Passagieren, sind ebenfalls nicht ausgeschlossen, wenn ein unbeabsichtigter Kontakt mit dem Servicewagen erfolgt.

Weiterer Nachteil, den jeder Fluggast aus eigener Erfahrung kennen dürfte, ist die bisweilen lange Wartezeit. Denn die Versorgung der Passagiere findet aus naheliegenden Gründen nicht nach dem Küken-Prinzip statt, wonach der als erster etwas bekommt, der am lautesten schreit. Vielmehr erfolgt die Lebensmittelausgabe Sitz für Sitz, wobei sie wahlweise bei der ersten oder letzten Sitzreihe beginnt.

Und wer gerade ein anderes Anliegen als die Versorgung seines leiblichen Wohls hat, wird während der Fütterungszeit kaum eine Chance haben, sich Gehör zu verschaffen. Da hilft das mehrmalige Drücken des „Bitte-Kommen“-Buttons am Sitz noch weniger als beim Versuch, mit der Fernbedienung den Kanal zu wechseln, wenn die Batterien fast leer sind.

Risikopotenzial

Besondere Berücksichtigung von Hygiene-Aspekten

So sehr sich auch jeder Fluggast daher über den Fließband-Service freuen könnte, es gibt sicherlich ein paar Aspekte, die gut durchgedacht sein wollen. Da sich das Band ja laut Patentbeschreibung in einem Schacht unterhalb des Bodens befinden soll, müssten Hygiene-Aspekte besondere Berücksichtigung finden. Nichts dürfte ekliger sein, als wenn Schuhdreck, Müll-Reste der Passagiere oder sonstiger Schmutz als Bakterienregen auf das Essen niederrieselt. Auch wenn es durch Plastikdeckel geschützt sein sollte, der Gedanke an die Möglichkeit genügt schon, um für eine Spontan-Fastenkur zu sorgen.

Apropos Müll: Wir mögen zwar in der Summe hoch zivilisiert sein und bald zum Mars fliegen, aber das bedeutet nicht, dass einige Ausnahmen nicht ein wenig aus der Art schlagen. Wer also dazu neigt, Getränkedosen über die Reling ins Meer zu befördern oder im Park seinen Grill-Abfall zu parken, könnte auch das Transportband als mobilen Entsorger für seinen Dreck nutzen. Wenn diese Möglichkeit besteht, wird sie ausgenutzt – garantiert.

sherif

Es stellt sich zudem die Frage, ob es in punkto Ruhe und Entspannung an Bord eines Fliegers förderlich ist, wenn anstelle eines festen Essensplans eine On-Demand-Kultur Einzug hält. Wenn das Transportband keinen Lärm macht, ist das sicherlich schon die halbe Miete. Aber dass selbst das leiseste Rascheln des Sitznachbarn einen zuweilen um den Verstand bringen kann, ist sicherlich von den Nacho-Crunchern aus dem Kino bekannt. Und wenn die Bestellung vom Passagier auf dem Fensterplatz ausgeht, ist die Störung vorprogrammiert und die Stimmung sehr schnell gereizt – wobei diese schlechte Luft nicht mal eben schnell über die Klimaanlage des Fliegers abzieht. Jede Servicekraft, die das Förderband möglicherweise den Job kostet, dürfte dafür durch einen Sky-Sheriff ersetzt werden. Denn es ist ja hinlänglich bekannt, wie schnell manch einer im Flieger in die Luft geht.

Cover-Foto: Sell Gmbh
Bild2: Flickr – Robert Young (CC BY 2.0)

Artikel empfehlen

Zugehörige Themen

Bildungsbereich

Als Nächstes lesen

Read Full Story