Gesund mit Wearables

Fitness Wearables: Krankenkassen fördern die Nutzung

Viele nutzen Apps und Wearables, um ihre sportlichen Leistungen zu protokollieren. Auch Krankenkassen unterstützen dies zunehmend.

Vom Aktivitäts-Tracker über Fitness-Armbänder bis hin zu mit intelligenter Technik ausgestatteten Textilien: Sensorbestückte Gadgets sind längst ein fester Bestandteil unseres Alltags. Eine Studie des IT-Verbands Bitkom ergab, dass in Deutschland bereits jeder Dritte seine Gesundheits- und Bewegungsdaten per Wearable und dazugehöriger App aufzeichnet. Die Technologien, die inzwischen in jedem Smartphone integriert sind, machen die Vermessung unseres Lebensstils so einfach wie noch nie.

Während das Self-Tracking noch vor wenigen Jahren hauptsächlich der Dokumentation von sportlichen Leistungen diente, werden die Daten heute rund um die Uhr erhoben. Kalorientagebuch, Schlaftracker oder Herzfrequenzmesser: Sie alle liefern uns tagtäglich Daten, die unsere Aktivität und unser körperliches Befinden besser greifbar, ja berechenbar machen. Ziel dieses auch unter dem Begriff Quantified Self bekannten Trends ist aber nicht nur die mathematische Abbildung von Lebensstil und Gesundheit, sondern vielmehr die Optimierung derselben. Ganz nach dem Motto „Nur was gemessen wird, kann auch verbessert werden“ sollen die Aufzeichnungen dazu motivieren, sich regelmäßiger zu bewegen, gesündere Lebensmittel zu sich zu nehmen und seine sportlichen Leistungen stetig zu steigern.

Protokoll eines gesunden Lebensstils

Ein aktiver Lebensstil bietet aber nicht nur für den Wearable-Besitzer selbst viele Vorteile. Auch im Gesundheitswesen wird der Trend der Selbstvermessung mit großem Interesse beobachtet. In den USA etwa werden auf einer App basierende Krankenkassen wie das Start-up Oscar immer beliebter, die ihren Mitgliedern für nachgewiesene sportliche Aktivitäten vergünstigte Tarife anbieten. War dies noch vor wenigen Jahren undenkbar, sind heute immer mehr Menschen dazu bereit, ihre persönlichen Daten über Fitness und Gesundheit preiszugeben, um im Gegenzug niedrigere Versicherungsprämien zu bezahlen.

Auch deutsche Krankenkassen sind inzwischen auf den Zug aufgesprungen und bieten für ihre Kunden Programme an, in deren Rahmen auch der Kauf von Fitness-Wearables und Smartwatches unterstützt wird. Bei der AOK Nordost etwa erhalten Mitglieder auf Antrag einen Zuschuss von 50 Prozent (maximal 50 Euro) des Anschaffungspreises – und das alle zwei Jahre. „Es gilt, die Menschen mit unseren Gesundheitsangeboten auch im virtuellen Raum zu erreichen, den sie dank mobilem Internet und Smartphones immer häufiger nutzen“, betont Pressesprecherin Gabriele Rähse auf Anfrage. Auch andere große Krankenkassen wie die DAK, Generali oder die Techniker Krankenkasse fördern die Nutzung von Bewegungs-Trackern. Bei den meisten geschieht dies in Form von Prämien bei Bonusprogrammen, bei denen die Versicherten Punkte sammeln können, indem sie Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen oder Sportkurse besuchen.

Solidarprinzip Durch Wearables in Gefahr

Niedrigere Beitragsätze dürfen sich Versicherte hierzulande jedoch aktuell durch die Verwendung einer Fitness-App nicht erhoffen. Denn solche Bonifizierungsansätze sind den Krankenkassen, die unter der Aufsicht des Bundesversicherungsamtes stehen, gesetzlich verboten. Die Berücksichtigung personenbezogener Daten “würde dem bisher bei Krankenversicherungen gültigen Solidarprinzip zuwiderlaufen“, sagt auch Reinhard Dankert, Vorsitzender der Datenschutzkonferenz von Bund und Ländern.

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Gif: Giphy – Stereopoly

Zweck und Aufgabe der Versicherungen ist es ja gerade, die Risiken unter vielen Kunden auszugleichen und nicht jene Menschen zu benachteiligen, die aufgrund ihres Alters, einer generell schwachen Konstitution oder schlicht aus Zeitmangel weniger Sport treiben können. So hatte auch Justiz- und Verbraucherminister Heiko Maas bereits gefordert, „dass man bei Krankenversicherungen keine Nachteile haben darf, weil man seine Gesundheitsdaten nicht zur Verfügung stellt“. Diese rechtlichen Bestimmungen führen allerdings auch dazu, dass viele Kassen ihren Kunden einen für sie nur schwer zu verstehenden Umstand erklären müssen: Warum nämlich eine Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio, nicht aber die Daten über tatsächlich gelaufene Kilometer als Nachweis für sportliche Aktivität gewertet werden können, so Antje Eckert von der BKK Mobil Oil gegenüber dem iQ Magazin.

Aussagekraft von Daten

Vor diesem Hintergrund drängt sich zusätzlich die Frage auf, wie aussagekräftig die von Wearables generierten Daten in einem medizinischen Kontext wirklich sind. Sagt eine hohe Aktivität automatisch etwas über die Fitness oder gar die Gesundheit einer Person aus? Während diese Annahme im Durchschnitt vielleicht zutrifft, lässt sie sich im Einzelfall nicht halten: Herzfrequenz oder Schlafzeiten sprechen nicht unbedingt für oder gegen ein gesundes Leben.

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Auch ist jemand, der sich am Tag drei Stunden bewegt, nicht zwangsläufig gesünder als jemand, der täglich nur 30 Minuten aktiv ist. Sehr ehrgeizige Sportler können im Gegenteil sogar mehr Verletzungen und Verschleißerscheinungen aufweisen. Diese Ansicht teilt auch Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln: „Wir sammeln im Augenblick Tausende Daten, ohne zu wissen, welche Relevanz sie haben“, so der renommierte Sportwissenschaftler.

Medizinische Standards für wearables

Neben den Fitnessaspekten wird auch das medizinische Potenzial von Wearables für Krankenversicherungen immer interessanter. Viele erhoffen sich durch den Einsatz von vernetzten Geräten neue Lösungsansätze für verschiedene Probleme des Gesundheitssystems. Doch wenn es um Daten wie Herzfrequenz, Blutdruck und andere Vitalparameter geht, stellt sich eine weitere Hürde. Denn nur ein Bruchteil der Apps und Wearables sei als Medizinprodukte zertifiziert, berichtet Sandra Hoyer von Healthcare & Security Solutions der Deutschen Telekom. Sie beklagt, dass die Qualitätsstandards im Bereich Mobile Health insgesamt noch unzureichend seien.

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Bild: Flickr – Martin (CC BY-SA 2.) – Montage

 

Auch Christian Stammel, Gründer und CEO von WT | Wearable Technologies ist der Meinung, dass medizinische Produkte hohen Zertifzierungsstandards gerecht werden müssten, gerade wenn sie rund um die Uhr getragen werden sollen. Die wenigsten der Wearables, die sich zum Erheben von Gesundheitsdaten eignen, hätten auch notwendigerweise eine CE-Kennzeichnung oder eine ähnliche Zulassung. Das bedeute, dass die Daten einem Arzt zwar einen Einblick für die Anamnese geben, er diese aber nicht offiziell zur Erhebung einer Diagnose verwenden dürfe, so Stammel.

versicherung per app auch bei uns?

Ob medizinisch verwertbar oder nicht – dem Trend zur Selbstvermessung vermögen diese Hindernisse vorerst keinen Abbruch zu tun. Denn neben der Gruppe der technikaffinen Digital Natives wird die Nutzung von Wearables auch bei der älteren Generation immer beliebter. Diese können etwa Senioren oder Menschen mit chronischen Krankheiten zusätzliche Sicherheit bieten, indem sie wichtige Körperfunktionen aufzeichnen und beispielsweise Alarm schlagen, sobald sich der Träger überanstrengt.

Dass ein Wearable im Notfall sogar ein Leben retten kann, zeigt diese Geschichte aus Kanada, die vor einiger Zeit publik wurde: Ein Mann überlebte einen Herzinfarkt, weil seine Smartwatch ihn auf den ungewöhnlichen Pulsanstieg aufmerksam machte und er gerade noch rechtzeitig den Notarzt rufen konnte. Auch wenn solche Situationen eher Einzelfälle bleiben dürften, bieten Fitnessarmbänder, Schlaftracker und smarte Uhren unbestritten ein großes Potenzial – sowohl was einen gesunden Lebensstil als auch die medizinische Versorgung betrifft.

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Bild: Facebook – Appsichern

In Deutschland verbuchen die bisherigen Versuche, eine Krankenversicherung per App anzubieten – so wie beispielsweise Appsichern oder Ergo Direkt -, eher mäßigen Erfolg. Einen neuen Anlauf wollen die Gründer des US-Start-ups Oscar starten und ihre App-Versicherung im Frühjahr 2017 auch auf dem deutschen Markt einführen. Ob sie sich damit gegen die etablierten Kassen behaupten können, wird abzuwarten sein. Doch sollten solche neuen Konzepte die Diskussion um die Digitalisierung im Gesundheitssystem anregen und sowohl Versicherer, Gesetzgeber und Hersteller von Wearables dazu motivieren, gemeinsam Innovationen voranzutreiben, wäre allein damit schon viel gewonnen.

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