Zugang für alle

Freies WLAN statt Telefonzellen: Deutschland will aufholen

Wurden die Gelben jahrzehntelang rege besucht, verwaisen und verschwinden die Magentafarbenen heute. Denn in den 1990er-Jahren bekamen Telefonzellen nicht nur eine neue Farbe, sondern auch immer stärkere Konkurrenz durch Mobiltelefone. Die Stadt New York tauscht nun ihre öffentlichen Fernsprecher – deren Design natürlich nicht von Deutscher Post oder Telekom stammt – gegen Stationen für kostenfreies WLAN aus. Damit kommt dort eine Entwicklung zum Abschluss, die in Deutschland aufgrund rechtlicher Auseinandersetzungen noch stockt.

Bis Mitte 2016 sollen den Bewohnern und Besuchern des Big Apple bereits 500 Hotspots zur Verfügung stehen. Insgesamt werden 7.500 öffentliche Telefone gegen fast drei Meter hohe WLAN-Säulen ausgewechselt. Diese verfügen über eine Funkreichweite von rund 120 Metern sowie USB-Anschlüsse zum Aufladen mobiler Geräte. Mit einer Übertragungsgeschwindigkeit von bis zu 1.000 Megabit pro Sekunde sind die Stationen 100 Mal schneller als gängige WLAN-Netze. Während die großen Bildschirme auf den beiden Seiten der Säule für Anzeigen genutzt werden, bleiben die eingeloggten Geräte werbefrei. Betrieben wird das Projekt mit dem Namen LinkNYC von CityBridge, einem Zusammenschluss von Smartphone-Chip-Hersteller Qualcomm, dem Netzwerkunternehmen CIVIQ Smartscapes und der Firma Intersection, die finanziell von Google unterstützt wird. Laut CityBridge betragen die Investitionskosten für das Projekt über 200 Millionen US-Dollar, was etwa 185 Millionen Euro entspricht. Da New York jedoch der größte regionale Markt der USA ist, könnten sich die Ausgaben lohnen. Craig Moffett, leitender Forschungsanalyst von MoffettNathanson, ist der Meinung, dass die Nutzer bei einem solchen Angebot seltener auf andere Drahtlos-Dienste von beispielsweise Verizon oder AT&T zurückgreifen werden.

Störerhaftung verhindert offene Netze

Im internationalen Vergleich ist Deutschland WLAN-Wüste

Während die New Yorker demnächst fast überall kostenlos Zugang zum Internet haben, gehen in Deutschland laut einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom nur 39 Prozent aller Internetnutzer außerhalb der eigenen vier Wände per WLAN ins Netz. Der Grund dafür ist eine weltweit einmalige Gesetzesregelung: die sogenannte Störerhaftung. Durch diese kann der Betreiber eines Hotspots für alles verantwortlich gemacht werden, was dessen Nutzer im Netz treiben. Setzt sich also jemand mit seinem Laptop in ein Café und lädt dort über das WLAN illegal einen Film herunter oder geht sonstigen verbotenen Tätigkeiten im Internet nach, ist der Cafébetreiber haftbar. Aus diesem Grund scheuen viele Geschäftsinhaber davor zurück, ihren Kunden freien Zugang zu ihrem Netz zu gewähren.

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Touristen sind daher häufig überrascht, wie schlecht die Versorgung mit öffentlichem WLAN hierzulande ist. Kostenlose Hotspots sind heute nahezu überall auf der Welt selbstverständlich. In Estland bietet fast jede Stadt ihren Bewohnern freien Internetzugang und ein Drittel aller Moskauer Metro-Linien ist bereits mit freiem Netz ausgestattet. Während es in Großbritannien und Südkorea rund 200.000 Hotspots gibt, ist Deutschland mit 15.000 freien öffentlichen Zugängen WLAN-Wüste und belegt im OECD-weiten Vergleich einen der hinteren Plätze.

Reformen für den Netzausbau

Cafés und Geschäfte als Provider für ihre Kunden

In Zeiten starker internationaler Vernetzung und mobiler Arbeitsplätze ist dieser Umstand ein wirtschaftliches Hemmnis. Daher beschäftigt sich die Politik momentan mit Reformen, um den Ausbau öffentlicher Netze voranzutreiben. Zwar wurde die Störerhaftung in der ursprünglichen Form bereits gestrichen, allerdings ist die Neufassung des Telemediengesetzes mit einem Passus zur Haftung für „gefahrengeneigte Dienste“ schwammig formuliert. EU-Kommission, Bundesrat und Internetverbände fordern deshalb Nachbesserungen.

Der Verein Digitale Gesellschaft beispielsweise beschäftigt sich schon lange mit dem Thema und hat bereits 2012 einen Gesetzesvorschlag eingebracht, der aber von der Regierung abgelehnt wurde. Das Hauptargument des Vereins gegen die Störerhaftung und ähnliche Regelungen lautet, dass es auch keine Providerhaftung gibt. Weder Telekom noch andere Anbieter können für das Surfverhalten ihrer Nutzer verantwortlich gemacht werden. Cafés und Geschäfte seien aber für ihre Gäste eine Art Provider.

Kampf gegen Abmahnungen

Kostenloses WLAN würde durch Präzedenzurteil möglich

Auf die gleiche Weise argumentieren die Anwälte von Tobias McFadden. Der Veranstaltungstechniker aus Oberbayern kämpft bereits seit Jahren gegen eine Abmahnung von Sony. Weil eine unbekannte Person im Jahr 2010 illegal ein Musikalbum über McFaddens offenes Firmen-WLAN herunterlud, soll er 800 Euro zahlen. Das Bayerische Landgericht gab den Fall aufgrund seiner Tragweite an den Europäischen Gerichtshof weiter. Dort wird der Generalanwalt am 16. März dem Gericht einen Vorschlag unterbreiten, der den Fortgang des Verfahrens bestimmt. Sollte zugunsten McFaddens entschieden werden, wäre dies ein Präzedenzurteil, da die Vorlage sich nicht auf Gewerbetreibende beschränkt. Dem Ausbau des öffentlichen WLANs stünde damit nichts mehr entgegen.

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Mobilfunkanbieter allerdings wären nicht erfreut, weil sie dann – ähnlich wie künftig wohl in New York – weniger Datenvolumenpakete verkaufen könnten. Da Deutschland mit seiner bisherigen Politik zudem das Geschäft mit Massen-Abmahnungen lukrativ macht, vermutet Alexander Sander, Geschäftsführer von Digitale Gesellschaft, dass Lobbyverbände der Urheberrechtsindustrie die Abschaffung entsprechender Gesetze blockieren. Für die Bedenken von Sicherheitspolitikern bezüglich des Missbrauchs offener Netze zur Kommunikation unter Terroristen gebe es jedenfalls keine Belege und die vorgebrachten Argumente seien schlicht unsinnig. Aus der jetzigen Situation erwachse jedoch ein Standortnachteil für Deutschland, der beispielsweise digital arbeitende Menschen treffe und nicht bestehen bleiben dürfe.

Nutzer müssen sich registrieren

Auch die Städte bauen nun ihr WLAN-Angebot aus

Cafés, Hotels und andere Gewerbe behelfen sich momentan damit, nur geschlossenes WLAN anzubieten und ihren Gästen eine Registrierung oder zumindest eine Zustimmung zu den Nutzungsbedingungen abzuverlangen. Laut EU-Recht ist die Überwachung einzelner Geräte aber eigentlich nicht erlaubt, wie die Piratenpartei hervorhebt. Freifunkinitiativen bieten ihren Nutzern kostenlosen Internetzugang und leiten dafür ihre Daten über andere Länder, womit sie das Problem der Störerhaftung umgehen. Der Förderverein Freie Netzwerke hingegen verfolgt einen komplizierteren Ansatz: Seine Mitglieder bieten bundesweit offene Hotspots an und lassen sich unter bürokratischem Aufwand bei der Aufsichtsbehörde Bundesnetzagentur als Internetanbieter registrieren, um nicht mehr unter die Störerhaftung zu fallen.

Zwar wächst das WLAN-Angebot der großen Festnetz- und Mobilfunkbetreiber inzwischen stark, doch richtet es sich entweder nur an deren Kunden oder ist mit zusätzlichen Kosten beziehungsweise dem Speichern der Nutzerdaten verbunden. Doch auch Städte bauen mittlerweile in Zusammenarbeit mit lokalen Unternehmen ihr WLAN-Angebot aus und verlangen dafür keine Gebühren. In München gibt beispielsweise es seit Oktober vergangenen Jahres 21 kommunale Hotspots und das offene WLAN in der Kölner Innenstadt wird täglich von 30.000 Nutzern in Anspruch genommen. Allerdings kann Deutschland in Sachen freies WLAN erst dann zu anderen Ländern aufschließen, wenn die rechtliche Lage geklärt ist. Damit künftig neben der Suche nach einem freien Internetzugang auch die Suche nach einer Stromquelle ein Ende hat, bieten Unternehmen wie chargifi kabellose Ladetechnik an. Zu Kaffee und WLAN erhalten Kunden dann einen Adapter, der den Akku des mobilen Geräts mit einer im Tisch eingelassenen Technik verbindet und damit auflädt.

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Menge der Telefonzellen nimmt ab

Versorgungsauftrag erschwert Abbau öffentlicher Telefone

Während die WLAN-Abdeckung wächst, nimmt die Telefonzellen-Dichte ab. Zurzeit betreibt die Telekom noch circa 35.000 öffentliche Fernsprecher, was weniger als einem Drittel des ursprünglichen Bestands entspricht. Wurden im Jahr 1999 noch rund eine Milliarde Gespräche von öffentlichen Telefonen geführt, waren es 2010 nur noch 120 Millionen. Seitdem dürfte die Zahl weiter zurückgegangen sein. Auch das Äußere der Telefonzellen hat sich im Laufe der Jahre an manchen Standorten reduziert. Wegen Vandalismusschäden und Reinigungskosten wurden einige Zellen durch sogenannte Telestationen ersetzt, die nur noch aus einer Säule bestehen und daher keinen Schutz mehr vor Lärm und Wetter bieten.

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Bringt eine Zelle weniger als 50 Euro Umsatz pro Monat, ist das für die Telekom ein Indiz dafür, dass der Apparat von der Bevölkerung nicht mehr benötigt wird. Da der Konzern aber aufgrund seines öffentlichen Versorgungsauftrags die Pflicht hat, dafür zu sorgen, dass flächendeckend Telefonzellen bereitstehen, lassen sich unrentable Standorte nicht einfach abbauen wie in New York. Stattdessen muss die Telekom für jede Demontage das Einverständnis der Bundesnetzagentur und der betroffenen Kommune einholen. Verweigert letztere den Abbau, darf die Zelle durch ein Basistelefon ersetzt werden, das nur noch mittels Calling Cards oder 0800-Rufnummern funktioniert und wesentlich günstiger im Unterhalt ist. Stefan Zaum, der 2013 die „Arbeitsgemeinschaft zum Erhalt der deutschen Telefonzelle“ gegründet hat, braucht sich also noch keine großen Sorgen machen: Telefonzellen verschwinden in Deutschland so langsam wie kostenloses WLAN eingeführt wird.

Cover-Foto: Link NYC (Montage)
Bild 1: Flickr – Tony Webster (CC BY 2.0)
Bild 3: Flickr – Acid Pix (CC BY 2.0)
Bild 4: Facebook – Chargifi

Bild 5: Flickr – Alessio Milan (CC BY-SA 2.0)

Bild 6: Flickr – Tekke (CC BY-ND 2.0)

 

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