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Hungersnöte: High-Tech-Zuchtfarm für Insekten soll Lösung bringen

Marek Hoffmann Autor, Hemd & Hoodie

Ein Mensch leidet an chronischem Hunger, wenn seine Energiezufuhr 2.100 Kilokalorien pro Tag dauerhaft unterschreitet. Laut dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nation (WFP) trifft das aktuell auf weltweit rund 870 Millionen Menschen zu, von denen pro Jahr etwa neun Millionen sterben. Die am schlimmsten vom Hunger betroffen Regionen sind dabei Asien, Afrika und Lateinamerika.

Um den Welthunger zu stoppen, werden immer mehr Stimmen laut, auf den Verzehr von Insekten zu setzen. Es existieren über 1.900 essbare Arten, die Bestandteil des Ernährungsplans von bereits mehr als 2,5 Milliarden Menschen sind. Ein von Dror Tamir in Israel gegründetes Start-Up möchte die Verbreitung dieses Nahrungsmittels daher nun großflächig angehen und dazu die weltweit erste Zuchtfarm mit essbaren Insekten aufbauen. Insbesondere der Einsatz von Hightech soll dabei eine schnelle Aufzucht in einem voll durchorganisierten System ermöglichen, das sich durch höchste sanitäre Standards und ein lückenloses Monitoring auszeichnet.

Zukunftsträchtiger Markt mit Insekten

Heuschrecken sind die gesünderen Proteinlieferanten

Dror Tamir sieht vor allem in der Aufzucht von Heuschrecken einen zukunftsträchtigen Markt, da diese Insektenart eine besonders wertvolle Quelle für Proteine darstellt. Diese biologischen Makromoleküle bilden die Grundbausteine im menschlichen Körper und führen dort sehr vielfältige Aufgaben aus – können vom Organismus aber nicht selbst hergestellt werden. Sie müssen daher über die Nahrung aufgenommen werden, was bei einer Weltbevölkerung von über sieben Milliarden Menschen bereits heute schwierig zu bewerkstelligen ist. Das gilt insbesondere in den zuvor erwähnten Krisenregionen.

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Natürlich existieren auch andere Quellen, sie eignen sich aber aus unterschiedlichen Gründen nicht als Alternativen: Pflanzliche Protein-Lieferanten gedeihen in diesen Ländern nicht so gut, als dass sie in ausreichendem Maße geerntet werden könnten. Gentechnisch veränderte Lebensmittel wie etwa Mais oder Lachse sind entweder (noch) verboten oder werden vom Konsumenten nicht angenommen. Synthetisch hergestelltes In-vitro-Fleisch ist viel zu teuer. Und im Vergleich zu Rindern sind Heuschrecken nicht nur gesünder, ihre Aufzucht ist zudem wesentlich einfacher, günstiger und deutlich umweltschonender. So lassen sich beispielsweise 68 Prozent der Emissionen des giftigen Gases Ammoniak auf Viehhaltung zurückführen.

Kommerzialisierung birgt Gefahr 

Fang-Saison dauert nur etwa vier bis sechs Wochen

Mit seinem Unternehmen Steak TzarTzar – was übersetzt so viel wie Steak-Grille heißt – möchte sich Tamir zunächst auf Ost-Afrika als Markt konzentrieren. Dort gelten Heuschrecken, die zu den für den Verzehr am besten geeigneten Insekten gehören, als Delikatessen – haben aber ihren Preis. Und der ist hoch.

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Das liegt unter anderem daran, dass sie über Jahrs hinweg nur in einem Zeitfenster von etwa vier bis sechs Wochen eingefangen werden können – und das nicht maschinell, sondern mit den Händen. Tamirs Plan ist es daher, die Insekten selbst zu züchten und sie ganzjährig und zu einem deutlich verringerten Preis anbieten zu können. Hierdurch könnte aber möglicherweise ein Übel – der Hunger – durch ein anderes ersetzt werden.

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Denn mit einer deratigen Kommerzialisierung könnten die örtlichen Heuschreckenverkäufer mitunter ihrer Existenzgrundlage beraubt, die Herausbildung eines kleinen Wirtschaftszweigs wie beispielsweise in Thailand verhindert werden. Dort betreiben über 15.000 Menschen auf einfachste Weise kleine Insektenzuchten, das Geschäft wächst seit 1999 und ermöglicht einigen Familien ein kleines Nebeneinkommen. Tamir argumentiert jedoch, dass er mit seinem Projekt Arbeitsplätze schafft und eine stabile Nahrungsversorgung bereitstellt. Es bleibt abzuwarten, in welche Richtung sich die Geschichte entwickeln wird.

Mit Sportlernahrung zum Erfolg 

Akzeptanz bei den Konsumenten fehlt noch

Bei seiner Unternehmung setzt Tamir vor allem darauf, dass bereits ein Markt mit zweieinhalb Milliarden potenziellen Kunden existiert, die an das Essen von Insekten gewöhnt sind. Dass die Eintrittshürde in die Industrienationen allerdings schwieriger zu nehmen sein wird, ist ihm durchaus bewusst. Nicht nur, dass die Konkurrenz dort größer oder überhaupt vorhanden sein dürfte – die Akzeptanz bei den Konsumenten fehlt noch weitestgehend.

Eine aktuelle Studie aus der Schweiz hat diesbezüglich recht eindeutige Umfrageergebnisse präsentiert: Wenn dort ab dem kommenden Jahr der Verkauf von Insekten für die menschliche Ernährung zugelassen wird, werden unsere europäischen Nachbarn dafür im Geschäft sicherlich nicht Schlange stehen – um es einmal vorsichtig zu formulieren. Aber Tamir hat bereits eine Idee, wie er aus der Not eine Tugend machen und aus der Nische heraus die Popularität seines „Produkts“ steigern könnte: in Form von Sportlernahrung.

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Heuschrecken bestehen zu 70 Prozent aus Protein. Sie sind nahezu frei von Kohlenhydraten, sehr fett- und daher cholesterinarm und reich an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen. Sie könnten für Athleten daher eine überaus interessante Energiequelle darstellen. Schockgefroren und anschließend zerrieben, möchte Tamir sie in Pulverform schon bald auf den Markt bringen.

Weltweite Partnerschaften 

Erste funktionsfähige Anlage Ende 2016

Hierzu hat er bereits Kontakte zu möglichen Kooperationspartnern in Abu Dhabi, Frankreich und den USA geknüpft. Sie sollen ihm nicht nur bei der Herstellung helfen, sondern vor allem dabei unterstützen, mittels ihrer Netzwerke dieses Pulver zu vertreiben. Mit mit der kenianischen Regierung hat er sogar bereits einen Vertrag über den Aufbau einer Test-Anlage vor Ort in der Tasche.

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Doch davor muss Tamir zunächst mit seiner eigenen Insekten-Farm an den Start gehen. Spätestens Ende 2016 möchte der junge Unternehmer dieses Ziel erreicht und eine voll funktionsfähige Anlage aufgebaut haben. Zeit genug für die Konkurrenz, sich auf einem Markt zu positionieren, der sicherlich nicht jedermanns Geschmack ist – aber aus kommerzieller Sicht enormes Potenzial hat.

Cover-Bild: Flickr – Richard Allaway (CC BY 2.0)
Bild 2: Flickr – Shankar S. (CC BY 2.0)
Bild 3: Youtube – Dror Tamir
Bild 5: Wikipedia – Takoradee (CC BY-SA 3.0)

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