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iNaturalist: Das Soziale Netzwerk für Pflanzen und Tiere

Mit der App iNaturalist können unbekannte Tier- und Pflanzenarten bestimmt werden. Dahinter steckt eine riesige, von der Community erstellte Datenbank.

Es ist dieser Tage nichts Ungewöhnliches, wenn Leute mit gezücktem Smartphone durchs Gebüsch streifen. Doch nicht alle davon sind zwangsläufig auf Pokémon-Jagd, sondern wollen echte Wildtiere entdecken. Denn mit der Biologie-App iNaturalist können Naturfreunde Fotos von sämtlichen Tier- und Pflanzenarten hochladen und diese mit Nutzern rund um die Welt teilen.

Die App kann als Notiz- und Logbuch für die persönlichen Entdeckungen in der Natur genutzt werden, denn jedes Bild wird automatisch mit den genauen Standortdaten hochgeladen. Wer das jeweilige Tier oder die Pflanze kennt, gibt den Namen in der Beschreibungsmaske mit an. Ist das fotografierte Objekt hingegen unbekannt, wird das Feld leer gelassen oder zumindest die Familie oder Gattung angegeben. Das gibt auch den Bio-Laien unter uns die Chance, mehr über den seltsamen Käfer herauszufinden, der gerade über die Terrasse krabbelt.

unbekannte Arten per app bestimmen

Um die gesuchte Art anschließend zu bestimmen, kann in der App nach ähnlichen Bildern gesucht werden. Die auf der Plattform zusammengetragene Datenbank umfasst inzwischen rund drei Millionen Beiträge. Diese können nach Reich – Tier, Pflanze, Pilz – sowie nach weiteren Klassen wie Säugetieren, Insekten oder Reptilien gefiltert werden. Um die Ergebnisse weiter einzugrenzen, lässt sich die Suche zudem geografisch einschränken, da die meisten Tier- und Pflanzenarten ein lokal spezifisches Vorkommen aufweisen.

Die App iNaturalist ist das Soziale Netzwerk der Natur.
Die App iNaturalist ist das Soziale Netzwerk der Natur. Bild: iNaturalist (Screenshot Montage)

Wer auf diese Weise nicht fündig wird, hat noch die Möglichkeit, einen Guide zu konsultieren. Diese ausführlichen, von Experten erstellten Dokumentationen gibt es zu verschiedenen Gattungen für bestimmte Regionen, wie zum Beispiel zu wilden Orchideen am Flussufer des Po im italienischen Piemont. Hilft auch der Guide nicht weiter und der User tappt bei der Bestimmung seines Fundes weiter im Dunkeln, können andere „Naturalisten“ und Experten direkt kontaktiert werden.

inaturalist verdeutlicht Biodiversität

Der Nutzen von iNaturalist geht aber weit über die individuelle Bestimmung von pflanzlichen und tierischen Spezies hinaus. Die App hilft dabei, die Biodiversität unseres Planeten zu dokumentieren und zu verstehen. Zwar mag ein Foto allein keine große Leistung sein – und es gibt leider auch keine PokéCoins dafür. Doch jeder einzelne Eintrag trägt wie bei einem Mosaik ein kleines Stück zum Gesamtbild bei. „Ein aus der Nähe betrachteter Punkt sagt vielleicht noch nicht viel aus“, macht auch Sam Kieschnick, Biologe bei Texas Parks & Wildlife, deutlich. „Doch je weiter man zurücktritt und das Ganze aus der Ferne betrachtet, desto deutlicher zeigen sich die Muster.“

Jedes Foto wird mit genauem Standort hochgeladen.
Jedes Foto wird mit genauem Standort hochgeladen. Bild: iNaturalist (Screenshot)

Dieser Fernblick sorgte in der Vergangenheit bereits dafür, dass dank iNaturalist einige erstaunliche Entdeckungen gemacht werden konnten. Zum Beispiel wurden ganz neue Tierarten entdeckt, wie im Fall eines rot-schwarzen Frosches, dessen Foto ein Nutzer aus Columbia hochgeladen hatte. Auf dieses stieß ein Experte für Giftfrösche aus Washington D.C., der die Sensation erkannte. Die beiden veröffentlichten die gemeinsame Entdeckung im renommierten Biologiejournal Zootaxa.

Neben bekannten Arten wurden dank iNaturalist auch schon seltene Tiere entdeckt.
Neben bekannten Arten wurden dank iNaturalist auch schon seltene Tiere entdeckt.

An eine anderen erstaunlichen Fund erinnert sich auch Scott Loarie, einer der Entwickler von iNaturalist: „Ein User, der gerade durch Vietnam reiste, lud ein Foto einer Schnecke hoch. Einige Wochen später entdeckte dies ein vietnamesischer Biologe, der sich daran erinnerte, das Tier schon irgendwo einmal gesehen zu haben.“ Es stellte sich schließlich heraus, dass es sich dabei um eine Schnecke handelte, die als Zeichnung in einer von Capitain Cooks Reisen im späten 18. Jahrhundert abgebildet war, bis dahin jedoch nie fotografiert wurde.

Blumenerkennung mit Deep Learning

Leider hat die ursprünglich von drei Studenten entwickelte und 2014 von der California Academy of Sciences gekaufte Plattform noch nicht die Möglichkeit, fortschrittliche Technologien wie automatische Bilderkennung zu nutzen. Diese setzt seit kurzem aber Microsoft, einer der großen Vorreiter im Bereich Künstlicher Intelligenz und Deep Neural Networks, zur Erkennung von Pflanzen ein. Dabei war es eher ein Zufall, der den Wissenschaftler Yong Rui von Microsoft Research Asia auf die Idee brachte, die hauseigene Bilderkennung auf Pflanzen anzuwenden.

Botaniker der Chinesischen Wissenschaftsakademie, vor denen Rui einen Vortrag hielt, suchten verzweifelt nach einer Möglichkeit, ihr 2,6 Millionen Blumenfotos umfassendes Archiv zu sortieren. Also wurde das neuronale Netzwerk namens “Deep Residual Learning for Image Recognition” mit den Bildern trainiert. Anschließend war es in der Lage, 90 Prozent der abgebildeten Pflanzen zu erkennen. Aus diesem noch andauernden Forschungsprojekt entstand das Smart Flower Recognition System, das Microsoft nun weiter ausbauen will.

Mit iNaturalist können Biologiefans ihre Funde dokumentieren und mit anderen teilen.
Mit iNaturalist können Biologiefans ihre Funde dokumentieren und mit anderen teilen.

Garantiert würden sich nicht nur Biologiefans darüber freuen, wenn die Erkennungssoftware bald auch als App bereitgestellt würde. Bis dahin wird iNaturalist hoffentlich dafür sorgen, dass wir mit unseren Smartphones nicht nur virtuelle Wesen wie Pikachus, sondern auch Schnappschüsse von echten Tieren und Pflanzen einfangen. Vielleicht sollten es die Entwickler doch einmal mit Bällen beziehungsweise Bonuspunkten als Belohnung für jedes Bild probieren – dann würden die aktuell rund 250.000 User zählende Community bestimmt schnell auf einige Millionen anwachsen.

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