Lebensverändernde Technik

Internet als Grundbedürfnis: Warum digitaler Entzug so schwerfällt

Ohne Zugang zum Internet sind die meisten von uns heute ziemlich hilflos. Eher würden wir auf Süßigkeiten oder Alkohol verzichten, wie eine Umfrage zeigt.

Wer kennt das nicht: Auf der Straße läuft jemand fast in uns hinein, weil er auf sein Handy starrt, anstatt nach vorne zu schauen. Oder ein Freund bricht mitten im Satz die Unterhaltung ab, weil er uns ein besonders witziges Facebook-Posting zeigen will – das er dann allerdings auf die Schnelle nicht findet und stattdessen noch zwei neue Nachrichten liest. Und wenn er mit seiner Aufmerksamkeit wieder bei uns ist, hat er vergessen, worüber wir uns soeben unterhalten haben.

Mobiltelefone gehören zu den größten Ablenkungsfaktoren in unserem heutigen Alltag. Das gilt nicht nur im Straßenverkehr, wie aktuelle Unfallstatistiken belegen, sondern in allen unseren Lebensbereichen. Im Rahmen einer Umfrage des Reiseveranstalters Intrepid Travel gaben ganze 77 Prozent der befragten Handynutzer zu, durch die Nutzung ihres Mobilgeräts regelmäßig unaufmerksam zu sein.

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14 Prozent sind schon einmal gestolpert, hingefallen oder irgendwo gegen gelaufen, weil sie mit ihrem Smartphone beschäftigt waren. Und fast ein Drittel der Befragten sind der Meinung, dadurch wichtige oder besondere Momente in ihrem Leben verpasst zu haben. Das können zum Beispiel ein besonders schönes Feuerwerk, aber auch die ersten Schritte des eigenen Kindes sein. Eine Frau etwa erzählte, dass sie die Seebestattung ihrer Mutter versäumt hat, weil sie damit beschäftigt war, mit dem Handy die auf dem Wasser schwimmenden Blütenblätter zu fotografieren.

Mobiltelefone gehören zu den größten Ablenkungsfaktoren.
Mobiltelefone gehören zu den größten Ablenkungsfaktoren. Bild: Interpid Travel – Digital Detox

Überhaupt haben Fotos mit den sozialen Medien eine ganz neue Bedeutung erlangt. Sie sind nicht länger nur schöne Erinnerungsstücke für den Fotografen und die beteiligten Personen. Im Zeitalter von Facebook, Instagram und Pinterest sind Handyfotos immer mehr dazu da, um Aufmerksamkeit im Netz zu erregen, weswegen auch knapp die Hälfte der Umfrageteilnehmer angaben, ihre Erlebnisse in den sozialen Medien teilen zu wollen. 15 Prozent tun dies dabei, um möglichst viele Likes und Kommentare zu bekommen, sechs Prozent wünschen sich, ihre Freunde damit neidisch zu machen.

Viele wollen ihre Erlebnisse in den sozialen Medien teilen.
Viele wollen ihre Erlebnisse in den sozialen Medien teilen. Bild: Interpid Travel – Digital Detox (Montage)

 

Grundbedürfnis Internet

Auch unterwegs geht ohne Internet inzwischen nichts mehr. Über ein Drittel der Befragten gibt zu, dass sich ihr Smartphone immer in Reichweite befindet. Wenn der Internetempfang aber unerwartet ausfällt, weckt das in den wenigsten positive Emotionen. Während bei den einen Langeweile aufkommt, fühlen sich andere plötzlich orientierungslos, ein Viertel wird sogar wütend oder nervös. 27 Prozent der Befragten geben immerhin an, die auftretende Funkflaute als willkommene Pause zu nutzen und sich mit anderen Dingen zu beschäftigen.

Die wenigsten würden freiwillig einen Monat auf das Internet verzichten.
Die wenigsten würden freiwillig einen Monat auf das Internet verzichten. Bild: Interpid Travel – Digital Detox

Einen ganzen Monat auf Internetempfang zu verzichten, kommt aber für die wenigsten infrage. Anstatt eine Surf-Pause einzulegen, würde über ein Drittel der Befragten einen Monat lang auf Alkohol, Fastfood oder Süßigkeiten verzichten, etwa ein Fünftel sogar auf Sex oder Ausgehen. Diese Zahlen zeigen auf, was vielen vielleicht gar nicht so bewusst ist: Der Zugang zum Internet – und das von überall – ist längst ein wichtiges Grundbedürfnis in unserer Gesellschaft.

Digital Detox

Während vier von zehn nie ohne Smartphone in den Urlaub fahren und 25 Prozent kein Hotel ohne WLAN auswählen würden, ist laut Studie dennoch über die Hälfte – zumindest in der Theorie – bereit dazu, eine mehrtägige Smartphone-Pause einzulegen. „Die positiven Effekte eines solchen ‚Digital Detox‘ auf die Gesundheit sind erwiesen“, so Leigh Barnes, Managing Director von Intrepid Travel Nordamerika. „Dazu gehören nicht nur besserer Schlaf und ein besseres Erinnerungsvermögen, sondern auch die Fähigkeit, bedeutungsvollere Gespräche zu führen.“

Urlaub ohne Internetzugang ist heute kaum noch vorstellbar.
Urlaub ohne Internetzugang ist heute kaum noch vorstellbar. Bild: Interpid Travel – Digital Detox

Auch wenn – oder gerade weil – das Internet längst ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens ist, kann ein bewusster Umgang damit und hin und wieder eine kleine Pause davon wohl kaum schaden. Ein ‚Digital Detox‘ sei eine Erinnerung daran, dass unser Leben nicht in unseren Smartphones stattfindet, betont Leigh Barnes. In einer Welt, in der uns scheinbar nichts mehr schocken kann, wird ein Wochenende ohne Internet vielleicht wieder zum richtigen Abenteuer.

Cover-Foto: Flickr – Matthew G (CC BY 2.0)

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