Italienische Indie-Entwickler im Rampenlicht

Da die Entwicklung von Videospielen für den PC immer geringere Investitionen in die Technik verlangt, wächst die Zahl der Indie-Entwickler.

In den letzten Jahren hat sich der Zugang zum PC-Gaming verbessert. Dies beruht nicht nur auf der Preisgestaltung des wichtigsten digitalen Einzelhändlers, Steam by Valve, sondern auch auf der höheren Leistungsfähigkeit von Computern mit niedriger und mittlerer Ausstattung. Von der verbesserten Verfügbarkeit performanter Computer profitieren zunächst Endverbraucher, gleiches gilt aber auch für Entwickler. Denn das Entwickeln eines Videospiels für den PC ist heute einfacher als jemals zuvor und erfordert weitaus geringere Investitionen in die Technik als noch vor einigen Jahren.

Beim Umherstreifen auf den Gaming-Messen oder den Entwicklertreffen der „Indies“ (für Independent, unabhängig) trifft man überall auf junge Menschen, die ihre Spiele auf einem einfachen Laptop vorführen. In vielen Fällen fehlen dagegen die üblichen Giganten, die sonst in der Gaming-Branche üblich waren. Heute ist keine Rede mehr von der überfrachteten 2D-Puzzle-Plattform mit schwarzen Silhouetten (ohne die Brillanz des unvergesslichen „Limbo“ in Abrede stellen zu wollen). Stattdessen werden viele Spiele mittlerweile mit polygonalen Grafiken angeboten. Sie bedienen sich der Technologie der Software-Häuser, die Grafik-Engines entwickeln, wie beispielsweise Epic Games mit seiner Unreal Engine 4  oder Unity Technologies mit seinem gleichnamigen Produkt „Unity“.

Strahlende Indie-Entwickler beim Drago D’Oro Italiano 2017

Vier Preiskategorien für italienische Indie-Entwickler von Videospielen

Eine derartig bedeutsame Entwicklung veranlasste die AESVI, die Vereinigung der italienischen Entwickler von Videospielen, ihre jährliche Auszeichnung zu unterteilen. Es wurden vier Kategorien geschaffen, die unter dem Namen Drago D’Oro Italiano (Goldener Drache Italiens) zusammengefasst sind. Ein Blick auf die Nominierten und Gewinner ermöglicht einen schnellen Überblick über die gegenwärtige Situation in Italien und zeigt, welche Entwicklungen die nächsten Jahre bringen könnten.

Die Auszeichnung „Best Italian Video Game“ für das beste italienische Videospiel beispielsweise gewann das Team 34BigThing aus Turin mit dem Spiel „Redout“, das eine ausgeprägte Ähnlichkeit mit Klassikern wie „F-Zero“ und „Wipeout“ hat. Das Spiel hat von Gamern weltweit viel Aufmerksamkeit erhalten, sowohl aufgrund des mitreißenden Spieleerlebnisses als auch wegen seiner besonders beeindruckenden Grafik. Dank der Unreal Engine und der Arbeit der Designer zaubert „Redout“ atemberaubende Kulissen auf den Bildschirm und garantiert gleichermaßen eine flüssige Darstellung als auch eine sehr hohe Auflösung, ohne dass dafür die neueste Hardware notwendig wäre. Als wäre dies nicht schon genug, kann man Redout auch noch mit Virtual Reality-Headsets spielen, die mit SteamVR kompatibel sind.

Valentino Rossi fährt Auszeichnung für beste technische Umsetzung ein

Der Gewinner der Auszeichnung für „Best Technical Realization“ (die beste technische Umsetzung), eine weitere Kategorie des Drago D’Oro Italiano, war Valentino Rossi – nein, nicht der Mensch selbst, sondern natürlich „Valentino Rossi: Das Spiel“. Der Entwickler ist in diesem Fall die bekannte Firma Milestone, die sich im Laufe der Jahre von der Masse abgesetzt hat, indem sie kostenaufwändige Videospiele ohne die Unterstützung eines Verlegers kreierte. Diese bedeutende Entscheidung zwingt das Mailänder Unternehmen, einen großen Teil seiner Einkünfte in andere Produkte zu investieren, die garantierte Ergebnisse versprechen, beispielsweise das genannte MotoGP 16-Spiel, das Valentino Rossi und seinem Lebenswerk gewidmet ist. Dies ermöglicht es Milestone, neuen „Intellectual Properties“ Leben einzuhauchen, die intern geboren werden und ohne den Einfluss äußerer Faktoren wachsen können.

Hierbei geht es um die beiden Fahrspiele, die sich dadurch auszeichnen, dass die Spieler einen freien Zugang erhalten – ein Merkmal, das seit „Tourist Trophy“ von Polyphony Digital nicht mehr vorgekommen ist. Darüber hinaus hat Milestone kürzlich seine Pläne für „Gravel“ vorgestellt: Dieses Spiel wird das erste große Projekt sein, das den Übergang von ihrer bisherigen intern entwickelten Grafik-Engine zu einer personalisierten Version von „Unreal Engine“ realisiert.

Little Briar Rose erhält Preis für bestes Gamedesign

Während der Preisverleihung beim Festival „Let’s Play Video Games“ in Rom betraten auch Fabiola Allegrone und Piero Dotti, die Gründer und Entwickler von Elf Games Works, die Bühne. Sie nahmen den Award in der Kategorie „Best Game Design“ für Ihr Spiel „Little Briar Rose“ entgegen. Dieses Spiel, inspiriert durch das Märchen von Dornröschen, erhielt die Anerkennung für das Spieleerlebnis im klassischen Abenteuerstil, bei dem auch eine sogenannte „Roguelike Mechanik“ zum Tragen kommt.

Durch diese werden die negativen Ergebnisse zu einem integralen Bestandteil des Spiels. Besonders sticht allerdings der einzigartige grafische Stil heraus: Jedes einzelne Element, sei es nun der Hintergrund oder eine der beweglichen Figuren, wird als ein buntes Mosaik aus Glas dargestellt. Little Briar Rose ist der einzige Gewinner, bei dem handgezeichnete, zweidimensionale Grafiken eingesetzt wurden. So erhält das Game einen wahrhaft einzigartigen Stil, der gänzlich neu ist im Bereich der Videospiele.

Preis für beste künstlerische Darstellung geht nach Florenz

Die letzte Auszeichnung für die „Best Artistic Realization“ (beste künstlerische Umsetzung) ging an LKA. Das preisgekrönte Spiel „The Town of Light “ (die Stadt des Lichts) des Florentiner Studios beeindruckte Gamer weltweit mit seiner Reproduktion einer psychiatrischen Klinik in Volterra. Die bis vor einigen Jahren relativ unbekannte toskanische Stadt errang Berühmtheit als Schauplatz für die Twilight-Serie und als Kulisse für die nachfolgende Verfilmung der Manga-Serie „Fullmetal Alchemist“.

Bereits vor seiner Veröffentlichung wurde „Die Stadt des Lichts“ mit Spielen wie beispielsweise „Dear Esther“, „Outlast“ und „Sanitarium Tour“ verglichen. LKA befasst sich mit psychischen Erkrankungen und Störungen auf eine tiefgreifende, narrative Art und Weise, ohne sich dabei von der gruseligen Atmosphäre des Spiels zu lösen. Die Auszeichnung würdigt jedoch insbesondere die Umsetzung mit der „Unity Engine“. Mit deren Hilfe wurde eine realitätsgetreue Umgebung mit kontinuierlichen Sprüngen zwischen der heutigen Zeit und den Tagen des faschistischen Italiens der 1930er Jahre innerhalb der Spielwelt geschaffen. Dabei handelt es sich um eine akribische Arbeit, wie sie früher kaum von einem relativ kleinen Entwicklungsteam hätte bewältigt werden können.

Spieleentwicklung entgegen gängiger Konventionen

Das Jahr 2017 begann mit dem Paukenschlag der Veröffentlichung des mit viel Spannung erwarteten „forma.8“ von MixedBag. Komplett von Hand gezeichnet, übernimmt dieses zweidimensionale Action-Adventure-Spiel auf einzigartige Weise das Metroidvania-Genre der Super Nintendo-Ära. Für den Nachfolger von „Gemini_X“ und „Futuridium EP Deluxe“ erntete das Entwicklerteam aus Turin von Öffentlichkeit und Kritikern gleichermaßen viel Lob.

The Way of Life (Der Weg des Lebens) ist ein weiteres leuchtendes Beispiel für ein Spiel, das entgegen dem Trend des Fotorealismus die polygonale Grafik kreativ nutzt. Es entstand während der Global Game Jam 2014 mit dem Thema: „Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen Sie, wie wir sind.“ In diesem Spiel werden Gamer mit gleichen Lebenserfahrungen aus drei verschiedenen Blickwinkeln konfrontiert: als Kind, als Erwachsener und als alter Mensch. Diese drei Kategorien ändern nicht nur die narrative Struktur des Spiels, sondern durch Modifikationen der Grafik und des Spielerlebnisses auch die Art der Identifizierung mit dem Spiel.

Drago D’Oro Italiano 2018 im März

Ein weiteres, in Italien entwickeltes, ehrgeiziges Projekt ist „Voodoo“, von den in Turin ansässigen Entwicklern von Brain in the Box. Sie haben eine interessante Mischung kreiert, die man vielleicht als eine Kombination aus „DayZ“ mit „Shadow of the Colossus“ und einem afrikanischen Stamm beschreiben könnte. Vor dem Hintergrund einer trockenen, sonnigen Savanne müssen die Gamer ihre eigenen Waffen gestalten, um Jagd auf Tiere und andere Mitspieler machen zu können. Darin ist es dem Spiel „DayZ“ von Bohemia Interactive nicht unähnlich. Bei „Voodoo“ wird jedoch starkes Gewicht auf die Schaffung einer Gemeinschaft gelegt, die sich zusammenfindet, um einen Angriff durch andere Spieler abzuwehren oder um riesige Feinde zu jagen, die erklommen werden müssen, um ihren Schwachpunkt zu treffen. Es handelt sich hier nicht nur in Bezug auf das Spieleerlebnis um ein wichtiges Projekt, sondern auch in technischer Hinsicht, da es das Vorhandensein eines Servers voraussetzt.

Die genannten Beispiele zeigen: Videospiele auf PC-Plattformen sind weiter auf dem Vormarsch. Einen entscheidenden Anteil daran hat Italien und seine Indie-Entwickler. Und so wie bereits die Preisverleihung für die Video Game Awards im vergangenen Jahr, wird sicherlich auch der Drago D’Oro Italiano 2018 am 14 März Teatro Vetra in Mailand wieder ein voller Erfolg werden.

Von Tommaso Valentini

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