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Joan Murray und die Codeknackerinnen von Bletchley Park

Einige Britinnen trugen im Zweiten Weltkrieg zur Dechiffrierung wichtiger Nachrichten bei. Die Kryptoanalytikerin Joan Murray war eine von ihnen.

Es waren düsterste Tage im zu großen Teilen zerstörten London, als sich das Blatt für Großbritannien wendete. Einer Gruppe von Verschlüsselungsspezialisten gelang es erstmals, den Code der vom Deutschen Reich eingesetzten Enigma zu entschlüsseln. Dass der Mathematiker Alan Turing, der „Vater des modernen Computers“, an diesem Durchbruch beteiligt war, ist langehin bekannt. Doch dass mit Joan Murray (geb. Clarke) auch eine Frau in jenem Team mitarbeitete, wissen viele erst seit dem Kinofilm The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben.

Murray spielte bei der Dechiffrierung des „nicht knackbaren“ Codes eine entscheidende Rolle. Neben ihr waren noch weitere Frauen in das streng geheime Projekt „Government Code and Cipher School“ (GCCS) involviert, das 70 Kilometer nordwestlich von London auf dem viktorianischen Landsitz Bletchley Park durchgeführt wurde. Insbesondere drei Frauen – Murray, Margaret Rock und Mavis Batey (geb. Lever)  – durchbrachen die traditionellen Rollenbilder jener Zeit und wurden Kryptoanalytikerinnen.

Bletchley Park – Bildrechte: Shaun Armstrong ©www.mubsta.com
Bletchley Park – Bild: Shaun Armstrong ©www.mubsta.com

 

arbeiten mit absoluter präzision

„Ohne seine Mitarbeiterinnen hätte Bletchley Park nicht funktionieren können“, ist David Kenyon überzeugt. „Über 6700 Frauen arbeiteten 1945 in Bletchley und dessen Außenstellen, was über 75 Prozent der gesamten Belegschaft entsprach“, erklärt der Geschichtsforscher beim Bletchley Park Trust, der heute ein Museum ist. Viele Frauen bedienten die für die Entschlüsselung verwendeten Maschinen und Geräte. Kenyon zufolge handelte es sich dabei um Fernschreiber, Chiffriermaschinen, Hollerith-Lochkartenanlagen, riesige kryptoanalytische Maschinen sowie „Colossus“, den Vorgänger des heutigen Computers.

Colossus – Bildrechte: ©Crown. Reproduktion mit freundlicher Genehmigung des Director, GCHQ
Colossus – Bild: ©Crown. Reproduktion mit freundlicher Genehmigung des Director, GCHQ

Diese Arbeit sei sowohl körperlich als auch geistig sehr anspruchsvoll gewesen, betont Kenyon. „Sie erforderte trotz der langen Schichten, äußerst widrigen Arbeitszeiten und häufig unangenehmen Arbeitsbedingungen absolute Präzision.“ Murray, Rock und Batey waren echte Stars: Sie entwickelten die Methoden, mit denen die Codes und Chiffren entschlüsselt werden konnten.

Der Durchbruch

Murray machte ihren Mathematik-Abschluss in Cambridge mit „Double Firsts“, das bedeutet, dass sie in einem Fach bei zwei aufeinanderfolgenden Prüfungen die Bestnote erzielte. Akademische Grade wurden Frauen am College jedoch erst ab 1948 verliehen. Obwohl Murray anfangs nur mit Büroarbeiten betraut wurde, war nach kurzer Zeit offensichtlich, dass ihre Fähigkeiten ihren Aufgabenbereich und ihre Bezahlung bei weitem überstiegen. Daher wurde sie als Kryptoanalytikerin in Turings „Hut 8“-Team aufgenommen. Da Frauen diese Position jedoch offiziell nicht ausüben konnten, wurde Murray als „Linguistin“ angestellt, wodurch sie zumindest etwas besser entlohnt wurde als zuvor.

Vorderansicht einer Standard-„Bombe“ – Bildrechte: ©Crown. Reproduktion mit freundlicher Genehmigung des Director, GCHQ
Vorderansicht einer Standard-„Bombe“ – Bild: ©Crown. Reproduktion mit freundlicher Genehmigung des Director, GCHQ

Die Enigma, eine elektromechanische Maschine, die das deutsche Militär für die Ver- und Entschlüsselung von Nachrichten einsetzte, sah aus wie eine Schreibmaschine, hatte aber neben einer Tastatur auch ein Glühlampenfeld, drei eingebaute Walzen (jede davon mit 26 elektrischen Kontakten) und ein Steckerbrett mit Kabeln. Dank dieser Komponenten ermöglichte die Enigma über „159 Millionen Millionen Millionen“ Code-Kombinationen. Um den Alliierten eine Dechiffrierung der Nachrichten unmöglich zu machen, wurden die Einstellungen täglich geändert. Darüber hinaus erweiterten die Deutschen einige Maschinen während des Kriegs um weitere Walzen, was die Anzahl der möglichen Kombinationen weiter vergrößerte.

entschlüsselung der superlative

Da Turing erkannte, dass es unmöglich sein würde, die Nachrichten im Wettlauf gegen die Zeit von Hand zu entschlüsseln, entwickelte er die „Bombe“ (die Welchman später weiterentwickelte). Diese gigantische elektromechanische Maschine war in der Lage, die Aktivitäten von 10 Enigmas zu replizieren. Die Bombe war zwar um ein Vielfaches schneller, benötigte aber dennoch Zeit, um Billionen möglicher Einstellungen zu durchforsten und letztendlich die Nachricht entschlüsseln zu können. Um die Menge der Alternativen zu verringern, nutzten die Kryptoanalytiker ihren Verstand und ihren Einfallsreichtum.

Sie suchten mithilfe der als „Cribbing“ bezeichneten Methode nach Textmustern, die auf wahrscheinliche Phrasen hindeuteten, etwa „Wetterbericht“ oder „Angriff im Morgengrauen“. Murray war nicht nur eine Expertin im Cribbing, sondern auch im Banburismus. Mit dieser Technik wurden die wahrscheinlichsten Positionen der rechts und mittig einbauten Enigma-Walzen ermittelt, wenn ein bestimmter Codeschlüssel erstellt wurde. Während einige ihrer Kollegen und Kolleginnen die Arbeit als mühsam empfanden, war sie für Murray „spannend“.

Bild: Flickr - Floeschie (CC BY 2.0)
Bild: Flickr – Floeschie (CC BY 2.0)

Eine der wichtigsten Aufgaben der Kryptoanalytiker der „Hut 8“ war es, Codes zu knacken, die zu und von den deutschen U-Booten gesendet wurden. Denn diese stellten für die Alliierten eine besondere Bedrohung dar. Dank des Durchbruchs bei der Entschlüsselung waren die Alliierten in der Lage, die Route der U-Boote zu verfolgen und sie entweder anzugreifen oder zu umschiffen. Daneben knackte Murray auch Codes, die von der Deutschen Reichsbahn verwendet wurden, sowie komplexe Offiziersnachrichten. Ihre Beförderung zum „Deputy Head of Hut 8“ im Jahr 1944 zeigt deutlich, wie viel Respekt die männlichen Kollegen ihr entgegenbrachten, da nur wenige Frauen mit Führungspositionen betraut wurden.

„Dilly’s Girls“

Rock und Batey waren ebenfalls als „Linguistinnen“ in Bletchley beschäftigt, obwohl Rock mit mathematischen Aufgaben betraut war, während Bateys Spezialbereich die deutsche Sprache war. 1941 entschlüsselten die als „Dilly’s Girls“ bekannten Frauen den Code der vom deutschen Geheimdienst eingesetzten „Abwehr-Enigma“. Danach knackten sie auch den italienischen Chiffrierschlüssel, was den Alliierten in der Schlacht bei Kap Matapan zum Sieg verhalf und die italienischen Seestreitkräfte nachhaltig schwächte.

Bild: Flickr - Andy L (CC BY 2.0)
Bild: Flickr – Andy L (CC BY 2.0)

Um Mitternacht erreichte das Team in Bletchley eine Nachricht von der obersten Kommandobehörde: „Sagen Sie Dilly, dass wir im Mittelmeer einen großen Sieg errungen haben, und dass wir dies ihm und seinen Mädchen zu verdanken haben.“ Batey meinte später, dass sie und andere Frauen diese Geschichten wahnsinnig gerne ihren Familien erzählt hätten, aber an Geheimhaltung gebunden waren. 1941 erhielten sie von Churchill anlässlich eines Besuchs in Bletchley den inzwischen berühmten Beinamen „die Gänse, die die goldenen Eier legten, aber nie schnatterten“.

Ein Platz in der Geschichte

Bevor der Krieg zu Ende war, wurde in Bletchley auch der „Colossus“ eingesetzt, der als der weltweit erste programmierbare, digitale Elektronenrechner gilt. Mit ihm gelang es, die von der deutschen Militärführung verwendete Lorenz-Schlüsselmaschine SZ 40 zu knacken. Historiker gehen davon aus, dass die in Bletchley geleistete Arbeit den Krieg letzten Endes um zwei bis drei Jahre verkürzte und damit tausenden Menschen das Leben rettete.

Murray wurde 1947 für ihre Leistungen mit dem britischen Verdienstorden „Member of the Most Excellent Order of the British Empire (MBE)“ ausgezeichnet. Zudem werden die Geschichten dieser Frauen nun endlich bekannt gemacht, da Historiker und Autoren vor kurzem veröffentlichte Kriegsdokumente und andere Schriftstücke erhielten, die von den Familien der Frauen zur Verfügung gestellt wurden.

Bild: Flickr - Tris Linnell (CCB Y 2.0)
Bild: Flickr – Tris Linnell (CCB Y 2.0)

„Frauen wie Margaret Rock, Joan Clarke [Murray] und Mavis Lever [Batey] sind fabelhafte Beispiele für Frauen, die ihre Fähigkeiten in Krisenzeiten nutzten und die Tür zu langen Karrieren im Bereich der Kryptoanalyse öffneten, mit der sie vor dem Krieg nie konfrontiert gewesen wären“, sagte Kerry Howard, eine Autorin und Forscherin, die sich mit Bletchley Park befasst. „Sie sind inspirierende Vorbilder für junge Frauen, die eine Karriere in MINT-Fächern in Betracht ziehen, wo mehr Möglichkeiten offenstehen, als sich die Bletchley-Frauen je hätten erträumen können.“

Cover-Foto: ©Crown. Reproduktion mit freundlicher Genehmigung des Director, GCHQ

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