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„Last-in-first-out”-Prinzip: Wer zuletzt kommt, sollte zuerst bedient werden

Levin Thiel Writer

„Die Letzten werden die Ersten sein.“ – Diese Redewendung, die wohl auf eine Stelle im Matthäus-Evangelium zurückgeht, könnte dank Lars Peter Østerdal und Trine Tornøe Platz bald eine völlig neue Bedeutung erhalten. Denn die beiden dänischen Forscher haben herausgefunden, dass das weltweit vorherrschende Warteschlangen-Prinzip, nach dem der Erste zuerst und der Letzte zuletzt bedient wird, die denkbar schlechtesten Ergebnisse liefert.

Eine deutlich schnellere Abfertigung aller Wartenden könnte hingegen erreicht werden, wenn der Letzte in der Schlange zuerst an die Reihe käme. Doch auch wenn ihre an der University of Southern Denmark erstellte Abhandlung in der Theorie sehr erfolgversprechend ist, wird sie in der Praxis vermutlich nur sehr selten zum Einsatz kommen.

Erfolgversprechend im geeigneten Kontext 

Serielle statt parallele Verarbeitung eines Anliegens

Das liegt in erster Linie an den besonderen Rahmenbedingungen, die zum Gelingen des neuen Systems erforderlich sind. Die beiden Forscher haben für ihre Zwecke Situationen analysiert, in denen ein Service von einem Dienstleister erst zu einer bestimmten Zeit angeboten wird beziehungsweise von einem Kunden ab dieser erst in Anspruch genommen werden kann. Dazu gehörten unter anderem Online-Ticketverkäufe oder die telefonische Sprechstunde beim Arzt.

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In diesen Kontexten kommt es immer zu einer Art Flaschenhals, der dadurch entsteht, dass nicht alle Kunden zur gleichen Zeit, sondern nacheinander bedient werden können. Ihnen ist dabei mehr oder minder deutlich bewusst, dass sie es gleichsam mit einer seriellen, nicht einer parallelen Verarbeitung ihres Anliegens zu tun haben – und entscheiden, wann sie sich in die virtuelle Warteschlange einreihen wollen. Diese Entscheidung basiert zum Teil auch auf ihrer (aus der Erfahrung abgeleiteten) Einschätzung, wie lange die Wartezeit nach dem von ihnen frei gewählten “Eintrittszeitpunkt” sein wird.

Frühes Anstehen, langes Warten

“Von allen möglichen Optionen ist das die Schlechteste”

Diese Situationen sind unter anderem aus Vergnügungsparks bekannt, wo kleine Schilder darauf hinweisen, wie lange die Wartezeit ab einem bestimmten Punkt voraussichtlich noch dauern wird. Modernere Call-Center bieten einen ähnlichen Service und teilen dem Anrufer mit, wie viele Personen sich vor ihm noch in der Warteschleife befinden und wie lange er sich in etwa noch gedulden muss.

Der Clou ist nun der: Nach dem „First-in-first-out”-Prinzip wird derjenige zuerst bedient, der ganz vorne in der Schlange steht – und damit bis zur Öffnungszeit am längsten gewartet hat. Viele dürften die Warteschlangen vor den Apple Stores vor Augen haben, vor denen die Enthusiasten bereits Tage vorher in Zelten campieren, um als erste an ein neues i-Device zu gelangen. Laut Østerdal hat dieses System nicht nur zur Folge, dass viele die längstmögliche Zeit in der Schlange warten, sondern sich auch viel zu früh in die Wartschlange einreihen. „Viele Menschen haben den Antrieb, sich frühzeitig in einer Warteschlange anzustellen. Das bedeutet, dass sie dort eine lange Zeit stehen. Von allen möglichen Optionen, die sich ihnen bieten, ist das die Schlechteste“, so der Wissenschaftler.

Lösung nicht praxistauglich

Kein Anreiz mehr, der Erste in der Schlange sein zu wollen

Sein Lösungsvorschlag: Ein „Last-in-first-out“-Prinzip, nach dem der zuerst bedient wird, der zuletzt zur Warteschlange hinzukommt. Das habe sich in den untersuchten Kontexten als effizienteste Methode erwiesen, weil die Menschen ihr Verhalten an die Art und Weise anpassen, wie die Warteschlangen abgearbeitet werden. Wenn die Letzten zuerst dran kommen, gibt es keinen Anreiz mehr, der Erste in der Schlange sein zu wollen: die Auffassung darüber, wann eine Warteschlange betreten werden sollte, ändert sich. Auch das ist eine Erfahrung, die manch einer bereits aus der Praxis kennt: Wenn im Supermarkt die Kassen alle belegt sind, drehen viele noch eine Extrarunde durch die Gänge und kaufen etwas mehr ein, um später noch mal zu checken, ob der Ansturm auf die Kassen vielleicht schon etwas abgeklungen ist.

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Østerdal zufolge agieren wir in solchen Kontexten recht strategisch. Wenn das Prinzip der Warteschlange vorsieht, dass der Letzte zuerst bedient wird, passen wir unser Verhalten daran an. Der Teufel steckt nun aber im Detail: „Wenn jeder als Letzter dazu käme, würden einige profitieren, die früher in der Warteschlange stehen. Wir können also keine Situation haben, in der tatsächlich alle erst in der letztmöglichen Minute dazu kommen“, erklärt Østerdal.

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Und er führt weiter aus: Beim „First-in-first-out”-System stellen sich typischerweise viele Menschen direkt in die Schlange. Dann folgt eine Zeit, wo sich niemand anstellt, gefolgt von einer Periode, in der die Menschen wieder langsam hinzustoßen.“ Beim „Last-in-first-out”-Prinzip hingegen „gibt es immer Menschen, die bedient werden. In diesem System gibt es keine großen Sprünge, die Menschen stoßen etwas schneller dazu als sie bedient werden“, so Østerdal. Doch so gut das in der Theorie klingeln mag: Weder Østerdal noch seine Forscher-Kollegin glauben daran, dass sich ihr System im Alltag durchsetzen wird. Das hängt in erster Linie mit der sozialen Akzeptanz zusammen: Niemand dürfte sich daran erfreuen, wenn ein „Späterkommer“ früher bedient wird.

Cover-Foto: Flickr – upto2011 (CC BY 2.0)
Bild 1 : Flickr – Steve Bowbrick (CC by 2.0)
Bild 2: Flickr – Teegarin (CC BY 2.0) & Alexandre (CC BY-SA 2.0)
Bild 3: Flickr – oddharmonic (CC BY-SA 2.0)
Gif: Giphy

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