Umweltbewusst leben

Lebensmittel: Massnahmen gegen das Wegwerfen

Jedes Jahr landen tonnenweise genießbare Lebensmittel im Müll. Konzepte gegen die Verschwendung reichen vom Foodsharing bis zum Mülltauchen.

„Im Schnitt werfen wir in Deutschland jede Sekunde 313 Kilogramm genießbare Lebensmittel weg, während weltweit fast eine Milliarde Menschen Hunger leidet“, sagt Christoph Heinrich, Vorstand Naturschutz beim WWF Deutschland. Niedrige Preise, Handelsnormen und das Mindesthaltbarkeitsdatum sind einige der Gründe für diese immense Verschwendung. In ihrem Kampf für die Rettung von ungerechtfertigt Entsorgtem kommen Aktivisten wie Mülltaucher oder die Nutzer der Plattform foodsharing.de immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Während Erstere in einer rechtlichen Grauzone agieren, müssen sich Letztere momentan mit den Regelungen des Lebensmittelrechts auseinandersetzen.

Die im Juni 2015 vorgestellte WWF-Studie “Das große Wegschmeißen” stellt fest, dass sich ein Großteil des Nahrungsmittelausschusses allein durch bessere Organisation der Produktion und Änderung der Konsumgewohnheiten vermeiden ließe. Da 40 Prozent des Mülls in Privathaushalten anfällt, kann zudem jeder Konsument etwas zur Verbesserung der Lage beitragen. In Dänemark zum Beispiel, wo die Verschwendung vergleichbare Ausmaße erreicht, können Kunden jetzt im Supermarkt WeFood abgelaufene Lebensmittel mit einem Preisnachlass von bis zu 50 Prozent kaufen. Geführt von Freiwilligen und beliefert von verschiedenen Einzelhändlern, landen die Einnahmen bei der Hilfsorganisation DanChurchAid. Auch Frankreich hat dem Wegwerfen den Kampf angesagt und große Supermärkte nun per Gesetz zum Spenden übriggebliebener Lebensmittel an karitative Einrichtungen verpflichtet. In Deutschland, wo bei noch größerer Verschwendung kein entsprechendes Gesetz existiert, arbeiten verschiedene Gruppen und Einrichtungen gegen das Entsorgen von essbarer Nahrung an.

Die Tafeln als traditionelle Abnehmer überschüssiger Lebensmittel

Traditionell nehmen hierzulande die über 900 Tafeln jene Lebensmittel ab, die der Handel aufgrund von Überproduktion, Verpackungsbeschädigungen oder eines bald ablaufenden Mindesthaltbarkeitsdatums als unverkäuflich deklariert. Allerdings finden die Spenden auf freiwilliger Basis statt und der Löwenanteil der aussortierten Waren landet nach wie vor im Müll. Hinzu kommt, dass die Tafeln sich ausschließlich an finanzschwache Menschen richten, die mittels eines Ausweises ihre Bedürftigkeit nachweisen müssen. Regulär Verdienende haben verständlicherweise keinen Zugang zum Angebot der Hilfsorganisation, die in manchen Gegenden aufgrund des hohen Spendenaufkommens selbst Essen wegwerfen muss. Zwar richten sich die Tafeln mit ihrem Motto „Essen, wo es hingehört“ auch gegen die Verschwendung und vermitteln beispielsweise durch Kinderkochkurse Wertschätzung für Nahrung, doch ihre Hauptaufgabe ist die Versorgung Notleidender.

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Über die Foodsharing-Plattform lassen sich Lebensmittel gratis anbieten. Bild: Facebook – Foodsharing DE

Das Projekt foodsharing.de hingegen hat sich der Rettung von Lebensmitteln verschrieben. Im Rahmen der Vorbereitungen zum Dokumentarfilm Taste the Waste entstanden, setzt die kostenlose Plattform auf die Mitarbeit möglichst vieler Freiwilliger. Diese können nach der Anmeldung Essen an alle anderen Netzwerkmitglieder verschenken. Fährt also beispielsweise ein Nutzer in den Urlaub und will vorher verderbliche Ware loswerden, kann er sie über die App des Projekts gratis anbieten. Darüber hinaus betreibt der Foodsharing e. V. deutschlandweit sogenannte Fairteiler – frei zugängliche Regale und Kühlschränke, in denen neben privaten Essensspenden auch jene Lebensmittel deponiert werden, die freiwillige Helfer bei kooperierenden Supermärkten und anderen Betrieben abholen.

Öffentliche Kühlschränke als Begegnungsorte

„Die Fairteiler fungieren als sozialer Begegnungsort, denn sie geben im Unterschied zu den Tafeln allen Bevölkerungsschichten die Möglichkeit, Lebensmittel unkompliziert weiterzugeben“, erklärt der Foodsharer Rico Kranz. „Gerade im Bereich kleinerer Mengen, die hier und da anfallen, aber in der Summe eben doch einen großen Teil der Lebensmittelverschwendung ausmachen, sind die Fairteiler als kleine, dezentrale Übergabestationen nützlich.“ Doch die Behörden der Stadt Berlin haben bezüglich der Hygiene Bedenken und stufen die öffentlich zugänglichen Kühlschränke daher nun genau wie die Tafeln als Lebensmittelunternehmen ein.

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Sogenannte Fairteiler sollen der täglichen Verschwendung entgegenwirken. Bild: Facebook – Foodsharing DE

Dadurch unterliegen sie den verschiedenen Bestimmungen des Lebensmittelrechts. So müssen sie in Geschäftsräumen und unter ständiger Aufsicht stehen. Die Zuständigen müssen sich bei Anlieferungen mittels Sicht- und Geruchsprüfung davon überzeugen, dass die Waren sicher sind. Gleichzeitig besteht Dokumentationspflicht: Die Anliefernden müssen sich in eine Liste eintragen, damit sich im Falle von verdorbenen Lebensmitteln schnell die Herkunft zurückverfolgen lässt, um Gegenmaßnahmen ergreifen zu können. All das steht nicht nur der Idee von der freien Zugänglichkeit entgegen, sondern lässt sich auch unmöglich von den ehrenamtlichen Helfern bewältigen. Trotz einer Online-Petition für den Erhalt der Kühlschränke mussten bereits einige aufgrund einer Bußgeldandrohung von 50.000 Euro geschlossen werden.

Behörden wollen Verbraucher schützen

Das hat dafür gesorgt, dass auch in Essen vorsorglich der Betrieb eines Fairteilers eingestellt wurde, obwohl bisher nur die Berliner Behörden Probleme machen. Diese betonen, dass sie Maßnahmen gegen Lebensmittelverschwendung generell unterstützten, darüber aber nicht den Schutz der Verbraucher vernachlässigen könnten. Im Baskenland gibt es bereits Lösungen für das Problem: So hat der Bürgermeister der Stadt Galdakao dem öffentlichen Kühlschrank des Orts kurzerhand einen rechtlichen Sonderstatus verliehen, damit die Stadt nicht verklagt werden kann. Kontrolle und Säuberung übernehmen Freiwillige. Selbstgemachtes Essen muss mit Herstellungsdatum versehen und nach vier Tagen entsorgt werden. Dass sogar Schulen Tagesausflüge zum Kühlschrank unternehmen, um den Kindern Maßnahmen gegen Verschwendung beizubringen, liegt auch an der traditionell hohen Wertschätzung von Essen in der Region.

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Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist kein Verfallsdatum. Bild: Flickr – vizzual (CC BY 2.0)

In Deutschland hingegen landet unter anderem deshalb viel im Müll, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum häufig für ein Verfallsdatum gehalten wird. Viele Lebensmittel werden aber mit Überschreiten der aufgedruckten Angabe nicht automatisch schlecht, sondern bleiben bis weit darüber hinaus verzehrbar. Nur wenn ein Verbrauchsdatum angegeben ist, sollten sich die Käufer genau daran halten. Denn die Formulierung „zu verbrauchen bis“ weist auf schnell Verderbliches hin, das – wie zum Beispiel Hackfleisch – anfällig für Keimbefall ist. Der Glaube, dass Ware mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum nicht mehr im Supermarkt verkauft werden darf, ist dagegen ein Irrtum. Weil viele Kunden aber trotzdem vor einem Kauf zurückschrecken, werfen die Läden regelmäßig große Mengen einwandfreier Nahrung auf den Müll. Mehrere EU-Länder haben deshalb vorgeschlagen, noch mehr Produkte als bisher von der Haltbarkeits-Kennzeichnungspflicht zu befreien.

Auf die eigenen Sinne vertrauen

„Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist in meinen Augen Verbrauchertäuschung und dient nur den Produzenten. Lebensmittel werden nicht von einem Tag auf den anderen schlecht“, meint ein Mülltaucher, der sich hinter dem Pseudonym Pedro verbirgt. „Meine Oma hat mir beigebracht, dass man auf seine Sinne vertrauen soll. Das hat jahrhundertelang gut geklappt. Das Mindesthaltbarkeitsdatum gibt es erst seit den Achtzigern.“ Viele Mülltaucher, die nachts die großen Container von Supermärkten nach unnötigerweise entsorgten Lebensmitteln durchsuchen, handeln aus Idealismus. Sie begreifen ihre Aktionen, die auch als Containern oder Dumpster Diving bezeichnet werden, als Konsumkritik. Allerdings begeben sie sich damit in eine rechtliche Grauzone.

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Mülltaucher agieren oftmals in einer rechtlichen Grauzone. Bild: Flickr – Berner International (CC BY 2.0)

Denn in Deutschland ist Müll bis zur Abholung Eigentum desjenigen, der ihn wegwirft. Zudem begehen Mülltaucher bei Betreten des Geländes Hausfriedensbruch. Solange die Aktivisten allerdings keine Schlösser aufbrechen oder sonstige Sachbeschädigungen verursachen, sehen die meisten Supermärkte von Anzeigen ab. Zumal die Sympathie der Öffentlichkeit häufig bei denjenigen liegt, die sich gegen die Verschwendung einsetzen. Kommt es doch zu Anklagen, werden diese oft wegen Geringfügigkeit eingestellt. Ein Risiko bleibt aber trotzdem, wie das Beispiel eines Münchners zeigt, der nach einer Container-Tour wegen bewaffneten Diebstahls verurteilt wurde, nachdem die Polizei Tierabwehrspray in seiner Tasche gefunden hatte.

Restekochen gegen die Verschwendung

In Österreich hingegen ist es aufgrund der weniger strengen Gesetzeslage noch nie zu einem Prozess im Zusammenhang mit Mülltauchen gekommen, wie David Groß weiß. Der gelernte Koch, Regisseur und Lebensmittelaktivist ist Initiator der Wastecooking-Bewegung. Ihm geht es genau wie vielen Mülltauchern darum, Essen zu retten.

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Wastecooking ist eine Form des Protests gegen die Verschwendung. Bild: Facebook – Wastecooking

Deshalb veranstaltet er Koch-Shows, um anderen Menschen zu vermitteln, wie sie mit einfachen Rezepten und gemeinsam mit Freunden Gerichte aus den Resten zubereiten können, die sie im eigenen Kühlschrank oder auch auf Feldern finden. Denn Handelsnormen für Obst und Gemüse sorgen dafür, dass nach der Ernte meist eine große Menge an Essbarem auf den Äckern liegenbleibt. „Wir tun es nicht, um Geld zu sparen, sondern um auf diese skandalöse Lebensmittelverschwendung aufmerksam zu machen“, erklärt Groß.

Cover-Foto: Flickr – US Departement of Agriculture (CC BY 2.0)

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