Allgegenwärtige Macher-Bewegung

LineFORM: „Shape Changing Interface“ zeigt Zukunft der Interaktion mit Computern

Marek Hoffmann Autor, Hemd & Hoodie

Optisch sieht LineFORM wie eines der vermeintlich besonders sicheren Fahrradschlösser aus, bei denen die Kettenglieder mit einem Kunststoffschlauch ummantelt sind. Tatsächlich verbirgt sich bei dem „Shape Changing Interface“ – zu Deutsch etwa „formändernde Schnittstelle“ – unter dem Schlauch aber Hightech der Tangible Media Group, einem Zweig des renommierten Massachusetts Institute of Technology. Und es handelt sich auch nicht um ein Schloss, sondern um ein Konzept, mit dem der Idee von technischer Interaktion mit Hilfe eines anpassungsfähigen Roboter-Systems nachgegangen werden soll.

Das in seiner Grundposition als „Linie“ konzipierte Interface bietet im Bereich des Interaktionsdesigns, das sich mit der Gestaltung von Mensch-Maschine-Schnittstellen beschäftigt, zahlreiche Besonderheiten. Ähnlich einem Lichtschalter, der weder zum Menschen noch zur Maschine respektive Lampe gehört, kann LineFORM zur Darstellung verschiedener vermittelnder Funktionen zwischen den beiden Polen verwendet werden: so etwa in Bezug auf die Abstraktheit von Datendarstellung, eine Vielzahl von system-inhärenten Interaktionen oder Einschränkungen als Begrenzungen. Was sich nur etwas sperrig beschreiben lässt, wird verständlicher, sobald die Funktionen des Interfaces im Video anhand von Beispielen verdeutlicht werden.

Verknüpfung digitaler Informationen mit physischen Objekten 

Interaktion mit Computern könnte sich radikal ändern

Der mehrsegmentige, mit Aktoren und Gelenken ausgestattete Roboter kann unterschiedlichste Formen annehmen, und je nach Anforderung flexibel oder unbiegsam sein. Jedes der Elemente lässt sich dabei einzeln oder in der Gesamtheit steuern und unterschiedliche Funktionen erfüllen. Als Mobile Device lässt sich LineFORM beispielsweise in Form eines „smarten Armbands“ um das Handgelenk tragen und kann bei entsprechendem Input dem Träger ein haptisches Feedback geben. Wie im Video gezeigt, wäre ein Anruf ein denkbares Szenario, auf den LineFORM statt mit einem Klingelsignal über ein Klopfzeichen aufmerksam macht und nach dem Abrollen vom Handgelenk direkt die Form eines Telefonhörers annimmt. Im Anschluss an das Gespräch könnte sich das Robo-Interface so verwandeln, dass es dem Benutzer möglich wird, auf ihm wie auf einem Display eine Telefonnummer zu wählen.

graphs

Die Frage, der das Team um Hiroshi Ishii mit ihrer Forschung und dem Projekt LineFORM nachgeht, ist: „Wie wird die Verwendung eines solchen Materials unsere Interaktion mit Computern oder Tools verändern“? Die Vorstellung, dass sich beispielsweise ein Mobiltelefon, in dessen Ende ein Leuchtmittel eingesetzt wird, von selbst in einem Lampe transformiert, erscheint faszinierend. Ishii gehört zu den führenden Pionieren auf dem Gebiet der Tangible User Interfaces (TUI), was sich auch im Namen der von ihm geleiteten Media Group widerspiegelt und deren laufendes Forschungsprojekt ist. Bei TUI handelt es sich um eine anfassbare Benutzerschnittstelle, die einem Computerbenutzer die Interaktion mit der Maschine durch physische Objekte erlaubt. Die Vision Ishiis ist es, digitale Informationen mit diesen physischen Objekten zu verknüpfen, die Erstere direkt wahrnehm- und manipulierbar machen.

Von “Tangible Bits” zu “Radical Atoms”

Unsere Fenster zur digitalen Welt sind beschränkt

Bereits in seinem Artikel „Tangible Bits“ aus dem Jahr 1997 beschreibt Ishii ausführlich seine Vorstellung von einem Land der Atome und dem Meer der Bits, in dem wir unsere duale Zugehörigkeit als Bürger der physikalischen und der digitalen Welten in Einklang bringen müssen: „Unsere Fenster zur digitalen Welt sind beschränkt auf flache, rechtwinklige Bildschirme und Pixel – ‚bemalte Bits‘. Aber während unsere visuellen Sinne in das Meer der digitalen Information dringen, bleiben unsere Körper in der physikalischen Welt.“

^noskin

Über die Tangible Bits, also greif- oder fühlbare Bits, sagt er: „Sie geben digitaler Information physikalische Form und machen dabei Bits direkt manipulierbar und wahrnehmbar. Tangible Bits strebt ein nahtloses Zusammenfügen dieser zwei sehr unterschiedlichen Welten der Bits und Atome an, wobei sie die Grenzen zwischen Wissenschaft-Technologie und Kunst-Design verwischen.“ Knapp 18 Jahre später stellte er dann sein Konzept der “Radical Atoms” vor, das nach seiner Auffassung der nächste Schritt in der Entwicklung der TUIs sei. Dabei propagierte er eine Abkehr von Tangible Bits hin zu verformbaren Materialien, die völlig neue Interaktionen ermöglichen – so wie LineFORM.

Bilder: Tangible Media Group – LineFORM

Artikel empfehlen

Zugehörige Themen

Wissenschaft

Als Nächstes lesen

Read Full Story