Musik und Technik

Ohrwurm: Die Repeat-Taste des Gehirns und Strategien dagegen

Es gibt Melodien, die gehen uns nicht mehr aus dem Kopf. Doch es gibt durchaus Mittel und Wege gegen das als Ohrwurm bekannte Phänomen.

„Ah, ha, ha, ha, stayin’ alive, stayin’ alive“ – meist reicht nur eine Textzeile oder eine kurze Tonfolge, die wir irgendwo aufschnappen, und schon ist er drin: der Wurm. Oft stunden-, manchmal auch tagelang läuft er in Endlosschleife in unserem Kopf und lässt sich nicht mehr ausschalten. Die meisten Menschen kennen diese akustische Heimsuchung, doch während sich die einen davon nur wenig stören lassen, treibt ein Ohrwurm andere fast in den Wahnsinn.

Doch warum drückt unser Gehirn immer wieder auf die Repeat-Taste unserer inneren Playlist? Warum sind oft besonders nervtötende Songs oder Werbejingles prädestiniert dafür, sich in unseren Köpfen festzusetzen? Und noch wichtiger: Wie werden wir die hartnäckige Melodie wieder los?

Psychologisches Phänomen

Die Wissenschaft beschäftigt sich erst seit gut einem Jahrzehnt eingehender mit dem Phänomen. Doch noch geben die Forschungsergebnisse keine ausreichenden Antworten auf alle Fragen. Psychologen, Neurologen sowie Gedächtnisforscher versuchen deshalb weiterhin Erklärungen dafür zu finden, warum wir überhaupt Ohrwürmer haben und warum wir sie nur schwer wieder loswerden. In einem Punkt stimmen die Wissenschaftler aber bereits überein: Unser Gehirn ruft die Melodien auf, wenn es sich langweilt. Ohrwürmer seien musikalische Zwangsgedanken, die das Hirn wach halten, sagt Christoph Reuter, Musikwissenschaftler an der Universität Wien.

Ein Ohrwurm entsteht oft, wenn wir uns langweilen.
Ein Ohrwurm entsteht oft, wenn wir uns langweilen.

Das bestätigen auch die Untersuchungen von Musikforscher Jan Hemming von der Universität Kassel. Er beobachtete, dass mehr als 70 Prozent dieser „Involuntary musical imageries“ (INMI) – also der ungewollten Musikbilder, wie Ohrwürmer in der Fachsprache genannt werden – in Alltagssituationen wie etwa beim Abwaschen und Aufräumen oder in Wartephasen entstehen. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch Andréane McNally-Gagnon von der Universität Montreal: „Ein Ohrwurm entsteht häufig dann, wenn ein Mensch positiv gestimmt ist und sich nicht mit schwerer geistiger Tätigkeit beschäftigt.“ Und auch Hemming bestätigt, dass das Phänomen nur selten auftritt, wenn der Betroffene geistig oder seelisch stark angespannt ist.

So willkürlich wie das plötzliche Auftreten eines Ohrwurms ist auch die Dauer, für die ein Lied im Ohr bleibt. In einer Untersuchung am Kasseler Institut für Musik gab ein Teil der Probanden an, dass der Ohrwurm schon nach einigen Minuten wieder verschwand. Andere jedoch wurden von der wiederkehrenden Melodie im Kopf mehrere Stunden oder sogar bis zu drei Wochen verfolgt. Interessant ist auch die Tatsache, dass Musiker häufiger betroffen sind als wenig musikalische Personen, und Männer seltener als Frauen.

Unabgeschlossene Denkprozesse

Doch was ist notwendig, damit Werbejingles oder Lieder überhaupt zum Ohrwurm werden? Viele Befragte geben an, dass eine Melodie sich besonders oft im Kopf festsetzt, wenn ein Lied während des Hörens abgebrochen wird. Dafür spräche auch der Zeigarnik-Effekt, der beschreibt, dass sich das Gehirn besser an unterbrochene und damit unerledigte als an abgeschlossene Aufgaben erinnert.

Frauen haben häufiger Ohrwürmer als Männer.
Frauen haben häufiger Ohrwürmer als Männer.

In Bezug auf Ohrwürmer bestätigte sich diese Erkenntnis allerdings nicht: Auch zu Ende gehörte Lieder blieben den Versuchspersonen häufig im Kopf. Verantwortlich dafür könnte der Umstand sein, dass wir uns meist nur an einen Teil des Textes oder der Melodie erinnern und unser Gehirn diesen deshalb immer wieder abspielt, weil es ihn nicht zu Ende führen kann.

Riffs und Hooklines

Was das Genre betrifft, können entgegen vieler Annahmen nicht nur eingängliche Popsongs zum Ohrwurm werden, sondern Stücke aller Musikrichtungen. Fakt ist, dass sich meist nicht ganze Titel, sondern nur jene markanten Passagen in unser Unterbewusstsein bohren, die die Aufmerksamkeitsspanne und das Kurzzeitgedächtnis des Hörers nicht überfordern. Als wesentliche Grundlage dafür sieht Musikpädagoge Hermann Rauhe ein Motiv aus drei Tönen, das sich unserem Gehirn durch ständige Wiederholung besonders gut einprägt.

Drei prägnante Töne reichen für einen Ohrwurm.
Drei prägnante Töne reichen für einen Ohrwurm. Gif: Ifunny – Alucard233

Daneben spielen für Rauhe auch die Hookline und der Riff eine wichtige Rolle: „Die Hookline ist eine griffige und eingängige Text- und/oder Musikpassage innerhalb eines Musikstückes, die dessen Wiedererkennungswert enorm steigert und dessen Reproduzierbarkeit aus der Erinnerung ermöglicht.“ Der Riff ist eine prägnante instrumentale Klangfigur, die meist schon im Intro eingeführt wird und die sich während des Stücks häufig wiederholt. Auch Jan Hemming erklärt, dass die Faktoren Einfachheit, Wiederholung und Überraschung einen Song besonders gut erkennbar machen und verweist darauf, dass in der Musikindustrie solche Hooks und eingängige Passagen gezielt eingesetzt werden.

Eine Formel für Ohrwürmer ließe sich daraus aber nicht ableiten, betont der Kasseler Forscher. Vielmehr sei anzunehmen, dass sich oft gehörte Lieder auch häufiger zur musikalischen Endlosschleife entwickelten. Diese These unterstützt auch das Ergebnis einer Versuchsreihe von Hemming, in der über 60 Prozent der Ohrwürmer den Probanden bereits bekannt waren. Diesen Eindruck erweckt auch die Ohrwurm-Hitparade, die die Psychologin Andréane McNally-Gagnon in einer Onlinestudie aus 100 Popsongs ermittelte und die von Dauerbrennern wie „Singing In The Rain“ (Gene Kelly), „Live Is Life“ (Opus), „Don’t Worry, Be Happy“ (Bobby McFerrin) und „I Will Survive“ (Gloria Gaynor) angeführt wird.

Strategien gegen den Ohrwurm

Wer von einem dieser Titel oder – noch schlimmer – von den Liedern DJ Ötzis oder Helene Fischers verfolgt wird, hat in seiner Verzweiflung vielleicht schon im Netz nach Gegenmitteln recherchiert. Dort werden unzählige Tipps gegeben, die mehr oder weniger vielversprechend klingen. Ob es gleich solch drastische Maßnahmen wie der Badger Badger Badger-Song sein müssen, den der Definitive Guide To Earworms empfiehlt, ist fraglich.

Im Netz finden sich unzählige Tipps zum Loswerden von Ohrwürmern.
Im Netz finden sich unzählige Tipps zum Loswerden von Ohrwürmern. Bild: Facebook – Earwum

Hilfreicher ist wahrscheinlich die Empfehlung von Psychologen, sich mit einer Beschäftigung abzulenken, die das Gehirn angenehm fordert, etwa leichte Sudokus oder das langsame Rückwärtszählen von Hundert. Auch Kaugummikauen soll helfen: „Die Kaubewegungen suggerieren dem Gehirn nicht nur, dass Nahrung aufgenommen wird, sondern auch, dass der Mensch etwas vor sich hinmurmelt. Diese Subvokalisationen beeinflussen das akustische Kurzzeitgedächtnis und unterdrücken die Erinnerung an andere auditive Reize wie beispielsweise Ohrwürmer“, erklärt Ohrwurmforscher Philip Beaman von der Universität Reading.

Viele Maßnahmen gegen Ohrwürmer sind kontraproduktiv.
Viele Maßnahmen gegen Ohrwürmer sind kontraproduktiv. Gif: Giphy – Primer

Helfen all diese Maßnahmen nicht, kann es sinnvoll sein, das entsprechende Lied nochmals (zu Ende) zu hören oder sich etwa auf der Seite unhearit.com mit anderer Musik abzulenken. Doch Vorsicht: Die Gefahr, sich dabei einen neuen Ohrwurm einzufangen, ist groß. Schlussendlich ist der Angriff vielleicht gar nicht immer die beste Verteidigung und auch Beaman ist der Ansicht, dass Ablenkungsversuche meist kontraproduktiv seien: „Um einen Ohrwurm wieder loszuwerden, sollte man schlicht gar nichts tun“, empfiehlt der Psychologe. Na dann: „Ah, ha, ha, ha, stayin’ alive, stayin’ alive.“

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