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Plastikfressende Raupe: Mottenlarve zersetzt schwer abbaubaren Kunststoff

Marek Hoffmann Autor, Hemd & Hoodie

Der Kampf gegen das globale Müllproblem wird vielleicht bald von einem tierischen Helfer unterstützt, der sich mit Vorliebe von Kunststoff ernährt.

Das aus Erdöl erzeugte Polyethylen (PE) gehört zu den weltweit am häufigsten verwendeten Kunststoffen. Pro Jahr werden beispielsweise rund eine Billion handelsübliche Einkaufstüten aus diesem synthetischen Polymer hergestellt. Seine Popularität in der Industrie ist zugleich aber ein Fluch für die Umwelt, denn es lässt sich biologisch besonders schwer abbauen – die Zersetzung kann mehrere Jahrhunderte dauern.

Ein Zufall könnte nun zu einer Möglichkeit führen, den jährlich um etwa 60 Millionen Tonnen anwachsenden Plastik-Müllberg abzubauen – und zwar mit Hilfe der Larve der Großen Wachsmotte. Die kleinen Tierchen haben offenbar Heißhunger auf PE und weisen dabei eine extrem hohe Zersetzungsgeschwindigkeit auf. Für Entdeckerin Federica Bertocchini birgt das Phänomen daher ein „Potenzial für bedeutende biotechnische Anwendungen“.

Mottenlarve verwandelt kunststoff in Alkohol

Die spanische Biologin hat herausgefunden, dass 100 der Larven nur etwa einen halben Tag dafür benötigen, um rund 92 Milligramm einer handelsüblichen Plastiktüte zu vertilgen. Absolut betrachtet erscheint das wenig, ist im Vergleich mit anderen Lebewesen jedoch ein Spitzenwert. Auch bei den Larven des Schwarzkäfers oder dem erst im letzten Jahr entdeckten Bakterium Ideonella sakaiensis stehen verschiedene Arten von Plastik auf dem Speiseplan. Letzteres benötigt unter optimalen Bedingungen – so etwa Temperaturen um 30 Grad Celsius – allerdings ganze sechs Wochen, um ein winziges Stückchen Polyethylenterephthalat (PET) zu zersetzen, das unter anderem zur Herstellung von Kunststoffflaschen verwendet wird.

Die Larven der Wachsmotte fressen mit Vorliebe Kunststoff.
Die Larven der Wachsmotte fressen mit Vorliebe Kunststoff. Gif: Giphy – Sci News

Unklar war für die Forscherin zunächst, ob die Wachsmotten-Larve das Plastik nur frisst und dann als Mikroplastik wieder ausscheidet, oder ob sie es verdaut – und damit tatsächlich abbaut. Die erfreuliche Antwort lieferte eine spektroskopische Analyse: Ein chemischer Prozess wandelt das Polyethylen in Ethylenglycol um, den einfachsten zweiwertigen Alkohol. „Wir vermuten, dass für diese schnelle Zersetzung ein Molekül oder Enzym verantwortlich ist, das wir zu isolieren versuchen werden“, so Bertocchini.

Sollte das gelingen, könnte es flächendeckend dafür genutzt werden, um Plastik umweltfreundlich zu entsorgen und Müllberge abzubauen. Eine ideale Lösung ist es freilich nicht, denn die bestünde darin, Plastikmüll von vornherein zu vermeiden. Zu viel davon dürfte jedoch auch in Zukunft achtlos weggeschmissen werden und dadurch in der Natur landen, wo es von Fischen, Vögeln und anderen Tieren gefressen wird – mit nicht selten tödlichen Folgen.

Cover-Foto: Flickr – Ralph Aichinger (CC BY 2.0) – (Montage)

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