Gesundheit

Rollende Klinik “Aim”: Künstliche Intelligenz auf Hausbesuch

Sabine Berger Autorin, Hemd & Hoodie

Ein autonomer Kleinbus untersucht Patienten vor Ort und fährt sie notfalls direkt ins Krankenhaus. Dabei helfen ihm Sensoren und Künstliche Intelligenz.

Bereits heute entlastet Telemedizin vor allem Menschen mit bekannten chronischen Leiden. Anstatt stundenlang in überfüllen Wartezimmern zu sitzen, können sie ihren Arzt schnell und einfach digital konsultieren. Es könnte aber noch besser kommen. Ein amerikanisches Unternehmen hat einen smarten Ambulanzwagen entwickelt, der Kranke vollständig autonom, also ohne Arzt und Fahrer, aufsucht.

Betritt ein Patient die rollende Praxis “Aim”, wird er vom Robodoc zunächst gebeten, seine Gesundheitsprobleme mündlich mitzuteilen. Während die Sprachaufzeichnung vom Computer analysiert wird, ermitteln zahlreiche Sensoren unterschiedliche Gesundheitsparameter und Vitalfunktionen. Sobald der Patient auf dem Sitz Platz nimmt, werden Atemfrequenz und Herzschlag mittels akustischer Instrumente ermittelt. Per Thermographie wird die Körpertemperatur gemessen, so dass Fieber beispielsweise gleich erkannt wird. Eine Atemuntersuchung zeigt zudem Moleküle an, die auf Stoffwechselprobleme hindeuten.

künstliche intelligenz erkennt krankheiten

Noch während des Check-ups erscheinen in Echtzeit visualisierte, leicht verständliche Diagnosen auf den großen Bildschirmen in der Innenkabine, begleitet von medizinischen Anweisungen. Per Video-Chat können Patienten bei Bedarf auch mit einem Spezialisten sprechen. Sollte ihr Gesundheitszustand bedrohlich sein, werden sie vom rollenden Untersuchungsraum direkt ins Krankenhaus gefahren.

Per Video-Chat können Patienten einen Arzt kontaktieren.
Per Video-Chat können Patienten einen Arzt kontaktieren. Bild: Aim – Artefact Group

Die Technik, die bei Aim zum Einsatz kommt, sei im Einzelnen nicht neu, betont der in Seattle ansässige Hersteller Artefact. Viele der genutzten Anwendungen existierten bereits, doch würden sie durch die systematische Verknüpfung und Auswertung mittels Künstlicher Intelligenz optimiert und Synergieeffekte freigesetzt. Dies helfe auch dem Gesundheitssystem, Ressourcen zu sparen, die es an anderer Stelle weitaus dringender benötigt, betont Artefact.

Artefact will mit moderner Technologie das Gesundheitswesen verbessern.
Artefact will mit moderner Technologie das Gesundheitswesen verbessern. Bild: Aim – Artefact Group

Das Besondere an der smarten Ambulanz ist auch, dass sie über längere Zeiträume erfasste Körperwerte in die Diagnostik einbezieht, die der Patient über Wearables wie Smartwatches oder Fitnesstracker liefert. Diese Daten werden auf einer Cloud-Plattform gesammelt, ebenso wie die Diagnosen aus der fahrenden Ambulanz. Über eine Smartphone-App erhalten Mediziner eine Übersicht über alle verfügbaren Gesundheitsdaten eines Patienten, damit sie ihn gezielter therapieren können.

behandlungskosten für patienten verringern

Ziel von Aim sei es, Patienten bei der richtigen Einschätzung ihres Gesundheitszustands zu unterstützen. Denn auf Basis der in der rollenden Praxis erfassten Daten erhalten diese eine Empfehlung, ob sie ins Krankenhaus müssen oder nicht. Individuelle Gesundheitsreports auf dem Smartphone könnten Patienten zudem motivieren, sich frühzeitig um ihr Wohlergehen zu kümmern, bevor sich ihr Zustand verschlimmert und die Behandlungskosten steigen, hofft Artefact.

Aim erfasst den Gesundheitszustand des Patienten mittels Sensoren.
Aim erfasst den Gesundheitszustand des Patienten mittels Sensoren. Bild: Aim – Artefact Group

In Deutschland wird es voraussichtlich so schnell keine smarten Ambulanzen geben. Zwar kündigte die Bundesregierung jüngst eine Dialog-Plattform Digitale Gesundheit an, die große Datenmengen für die Patientenversorgung auswerten und nutzbar machen soll. Doch der Widerstand von Datenschützern und Medizinern, sensible Patientendaten in der Cloud zu verwalten, ist nach wie vor groß. Folglich wird der autonome Notfallsanitäter, der regelmäßig vor der Haustür parkt, bei uns wohl noch etwas auf sich warten lassen.

Cover-Foto:  Aim – Artefact group

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