Musik und Technik

Schallplatten: Totgesagte leben länger

Trotz Streamingdiensten steigen die Verkäufe von Schallplatten. Die Gründe dafür reichen vom warmen Klang bis zur Abgrenzung vom digitalen Mainstream.

„Immer mehr Menschen finden Gefallen am Vinyl-Erlebnis. Denn es bietet einen warmen Klang und keinen toten digitalen“, erklärt Peter Runge, Produktionsleiter des Presswerks optimal media. Tatsächlich sind die Plattenverkäufe in den letzten Jahren so angestiegen, dass der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) sich Ende 2015 dazu entschied, die offiziellen Vinylcharts wieder einzuführen. Sollte die CD Anfang der 1980er-Jahre die LP als physischen Tonträger ablösen, könnte es künftig genau andersherum kommen. Denn während Streamingdienste langsam zum wichtigsten Medium für Musik werden und damit sowohl das Herunterladen als auch die CDs verdrängen, haben Schallplatten unter Liebhabern eine Nische für ihre weitere Existenz gefunden.

So stehen die Schallplattenverkäufe weltweit auf dem höchsten Stand seit 1997. Allein in Deutschland stieg 2015 der Absatz um 31 Prozent auf knapp zwei Millionen verkaufte Exemplare – Gebrauchtes aus Onlinebörsen, von Flohmärkten und kleinen Läden nicht mitgerechnet. Damit macht Vinyl hierzulande zwar lediglich vier Prozent des gesamten Musikgeschäfts aus, doch die steigende Beliebtheit ist beachtlich. Die meisten Musiker veröffentlichen ihre Werke heute auch auf LP, Technics verkündete auf der IFA 2015 die Neuauflage seiner berühmten Plattenspieler und für das erste Quartal 2016 meldet der BVMI einen Absatzrekord von 677.000 LPs. Über die Gründe des Wachstums könne nur spekuliert werden, meint BVMI-Geschäftsführer Florian Drücke. Sicher ist jedoch, dass knapp die Hälfte aller Käufer ihre Schallplatten niemals zum Musikhören benutzt, wie eine ICM-Umfrage ergab.

Schallplatten als Abgrenzungsmöglichkeit

„Die Platten in meinem Zimmer dienen eher als Dekor. Ich spiele sie nicht ab“, erklärt eine von der BBC befragte Studentin. „Sie erzeugen in mir diesen Old-School-Vibe und darum geht es bei Vinyl.“ Doch nicht alle jungen Käufer nutzen ihre Platten als Einrichtungsgegenstand. Bei vielen dienen sie als Möglichkeit, sich vom digitalen Mainstream abzugrenzen und ihre Kennerschaft sowie Wertschätzung von Musik auszudrücken. „Junge Erwachsene, die modern und hip sein möchten, kaufen alte Musik neu auf Schallplatte“, stellt das Goethe-Institut fest. Dabei zeigt die ICM-Umfrage, dass Streamingdienste sogar einen positiven Effekt auf die Vinylverkäufe haben: Viele hören sich Musik erst im Internet an, um sie dann in LP-Form zu kaufen. Edgar Berger, Leiter von Sony Music International, hält das nicht für ungewöhnlich und meint, Streaming diene der Bequemlichkeit und LPs dienten dem Genuss.

Schallplatten dienen jungen Käufern auch dazu, sich vom digitalen Mainstream abzugrenzen.
Schallplatten dienen jungen Käufern auch dazu, sich vom digitalen Mainstream abzugrenzen.

„Ich nehme an, der Reiz liegt für die Generation Y in der Nostalgie und der Tatsache, dass es sich um ein cooles Medium handelt, das Menschen wertschätzen“, erklärt Plattenladenbesitzer Nick Williams. Besonders die Haptik, das größere Format der Plattenhülle und das Ritual des Auflegens und Seitenumdrehens werden von LP-Liebhabern häufig genannt, wenn sie die für sie entscheidenden ästhetischen Qualitäten des Mediums aufzählen sollen. Der einflussreiche deutsche Rockmusiker Michael Rother ist der Meinung, dass Streaming zu einer Entpersonalisierung von Musik und Künstler führe, während Vinyl durch die größere Hülle und den physischen Abspielvorgang mehr Nähe erzeuge. Das Hauptargument vieler Sammler, die schon vor Einsetzen des Trends LPs gekauft haben, ist die bessere Klangqualität gegenüber CDs und Streamingdiensten.

Sammler schwören auf die Klangqualität

Dabei löst die Frage nach der technischen Überlegenheit des einen Mediums über das andere regelmäßig Grabenkämpfe zwischen den jeweiligen Anhängern aus. So machen die einen das Zerhacken des ursprünglich analogen und fortlaufenden Audiosignals in kleine Datenpakete für den weniger räumlichen Klang einer CD verantwortlich. Andere weisen darauf hin, dass eine Schallplatten rein messtechnisch der CD in jeder Hinsicht unterlegen sei. Der Grund dafür, dass einige Menschen den Klang einer Platte als wärmer und angenehmer empfänden, liege vor allem an Hörgewohnheiten, die das Unvollkommene bevorzugten. Da auch Neil Young von Platten überzeugt ist und die Qualität von Streamingdiensten für minderwertig hält, zog er seine Musik von allen Plattformen zurück, um schließlich beim Hi-Fi-Streamingdienst Tidal zu landen. Doch dieser löst ebenso wenig wie Youngs eigener, auf hohe Qualität ausgerichteter Musikdienst Pono das Problem, das viele Vinyl-Anhänger mit solchen Angeboten haben: der Verzicht auf den Besitz eines physischen Mediums.

Vinyl-Anhänger schätzen unter anderem den physischen Besitz von Musik.
Vinyl-Anhänger schätzen unter anderem den physischen Besitz von Musik.

Um Schallplatten-Käufer dennoch in den Genuss eines Klangs zu bringen, der mit seinen Messwerten nicht hinter digitaler Musik zurücksteht, hat das österreichische Unternehmen Rebeat Digital das HD-Vinyl erfunden. Geschäftsführer Günter Loibl verspricht eine „Verbesserung der Schallplatte in jeder Hinsicht“, wozu neben dem größeren Frequenzumfang auch ein bis zu 30 Prozent höheres Fassungsvermögen zählt. Dazu benötigt das zum Patent angemeldete Verfahren allerdings moderne Technik: Statt mit dem üblichen Schneidstichel werden die digital aufbereiteten Audiodaten mit einem Laser auf die Pressmatrize geschrieben. Das geht nicht nur schneller als das mechanische Einritzen, sondern ermöglicht es auch, mit einer Matrize mehr Platten zu pressen, bevor sie verschleißt. Sollte Rebeat Digital Investoren finden, könnte das eine große Entlastung für die wenigen verbliebenen Presswerke sein.

Der Trend zu Schallplatten überlastet die Presswerke

Denn diese haben aufgrund des steigenden Interesses an LPs und der Jagd nach Sondereditionen – zum Beispiel im Zuge des Record Store Days – inzwischen Lieferschwierigkeiten. Neue Plattenpressen werden nicht hergestellt und alte für bis zu 21.000 Euro gehandelt. Besonders kleinere Plattenfirmen, die in ihrer Nische jahrelang treue Abnehmer waren und damit das Format am Leben hielten, müssen nun manchmal Monate auf Bestellungen warten, was ihr Geschäft gefährdet. Michal Štěrba, Leiter des tschechischen Presswerks GZ Media, schlägt daher häufig die Nachfragen großer Konzerne zugunsten kleiner Unternehmen aus, weil diese mit ihrer Treue vor dem Boom seine Existenz sicherten. Das ist allein schon deshalb sinnvoll, weil niemand absehen kann, ob die massenhafte Verbreitung von LPs den Raritätencharakter des Mediums zerstört und damit den Trend beendet.

Die große Nachfrage bereitet den Presswerken Lieferschwierigkeiten.
Die große Nachfrage bereitet den Presswerken Lieferschwierigkeiten. Gif: Giphy – 64hellboy

Ingo Kolasa, Leiter des Deutschen Musikarchivs, wäre hingegen froh, wenn die LP niemals von der CD in eine Nische gedrängt worden wäre. Weil die silbernen Datenträger teilweise nur wenige Jahre halten, bevor sich die aufgedruckten Lacke durch das Medium fressen und es unlesbar machen, wird der gesamte CD-Bestand des Archivs auf Festplatten kopiert. Selbst bei perfekten Lagerbedingungen ließe sich der langsame Zersetzungsprozess einer CD nicht aufhalten, erklärt Kolasa. Das ist besonders für jene interessant, die ihre Lieblingsmusik auch im Alter noch hören wollen und daher die Langlebigkeit von LPs hervorheben. „Im Grunde ist die Haltbarkeit unbegrenzt“, sagt Rainer Bergmann, Vorsitzender eines Vereins zum Erhalt analoger Medien. Bedingung dafür ist allerdings gute Pflege. Diese wird den Voyager Golden Records vorenthalten bleiben. Denn die Kupferscheiben mit Grußbotschaften an Außerirdische fliegen bereits seit 1977 mit Raumsonden durch die Kälte und das Vakuum des Alls. Mit einer geschätzten Lebensdauer von 500 Millionen Jahren könnten die zwei Platten daher in ferner Zukunft das Einzige sein, was von der Menschheit übriggeblieben ist.

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