Gesundheit

Schlaganfall: Neue Stammzellentherapie heilt Hirnschäden

Sabine Berger Autorin, Hemd & Hoodie

Bislang galten Verletzungen des Gehirns etwa nach einem Schlaganfall als irreversibel. Die Stammzellentherapie macht Patienten nun neue Hoffnung.

Durch das Implantieren von Stammzellen in beschädigte Gehirnareale könnten Schlaganfallpatienten verlorene Fähigkeiten wiedererlangen. Das legen die Ergebnisse mehrerer solcher Eingriffe durch Mediziner der kalifornischen Universität Stanford nahe. Vom Erfolg dieser Stammzellentherapie sind die beteiligten Forscher selbst überrascht, denn Patienten, die bereits mehrere Jahre im Rollstuhl saßen, erlangten innerhalb kurzer Zeit ihre Gehfähigkeit zurück.

Bisher lautete eine Grundannahme der Neurowissenschaft, dass zerebrale Schäden grundsätzlich irreversibel, also unheilbar seien. Sollten die amerikanischen Forscher dieses Paradigma widerlegen können, bezeichnete das einen großen medizinischen Durchbruch. Denn dadurch würde auch die Behandlung von Alzheimer, Rückenmarksverletzungen oder Parkinson möglich.

kleiner eingriff, grosse Hoffnung

An der nun veröffentlichten Studie, die ursprünglich nur darauf ausgelegt war, die Sicherheit des Verfahrens zu belegen, nahmen lediglich 18 Patienten teil. Sie alle hatten einen Schlaganfall erlitten, der mindestens sechs Monate zurücklag. Das Erreichen dieser kritischen Zeitmarke bildete einen für die Studie grundlegenden Faktor, denn ab diesem Zeitpunkt ist keine körpereigene Regeneration von Schaltkreisen im Gehirn mehr möglich. Durch den Hirninfarkt verlorene motorische Fähigkeiten können dann in der Regel nicht mehr zurückgewonnen werden.

Bislang galten die Folgen eines Schlaganfalls meist als unheilbar.
Bislang galten die Folgen eines Schlaganfalls meist als unheilbar.

Die Eingriffsmethode selbst gehört laut den Medizinern zu den einfachsten im Bereich der Neurochirurgie. Unter Lokalanästhesie wird ein kleines Loch in die Schädeldecke gebohrt, durch das die Stammzellen direkt in das beschädigte Gehirnareal implantiert werden. Der Patient bleibt dabei die ganze Zeit bei Bewusstsein und kann noch am selben Tag die Klinik verlassen. Für die Therapie werden Stammzellen mit der Bezeichnung SB623 verwendet, die aus fremdem Knochenmark stammen. Für die 18 Teilnehmer der Studie reichte das Material von nur zwei Spendern aus.

genesung nach schlaganfall

Die Nebenwirkungen der Operation fielen vergleichsweise gering aus – drei Viertel der Probanden litten an Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Die Beschwerden klangen jedoch bereits nach wenigen Tagen ab und sind laut den Medizinern eher auf den Eingriff selbst zurückzuführen. In den darauffolgenden zwölf Monaten zeigten alle Patienten signifikante Zeichen der Erholung: Ihre motorischen Fähigkeiten verbesserten sich und einige konnten wieder deutlich besser sprechen.

Nach einem Schlaganfall reicht vielleicht bald ein kleiner invasiver Eingriff.
Nach einem Schlaganfall reicht vielleicht bald ein kleiner invasiver Eingriff.

Laut Studienleiter Gary Steinberg war das Ausmaß der Regeneration erstaunlich. „Ein 71-jähriger Mann, der zuvor im Rollstuhl saß, konnte plötzlich wieder gehen“, berichtet der Chef der Neurochirurgie an der Universität Stanford. Auch eine junge Frau, die mit 31 Jahren einen Schlaganfall erlitten hatte und seither im Rollstuhl saß, erlangte ihre Gehfähigkeit vollständig zurück.

unbekannter auslöser

Was den Auslöser für die Erholung betrifft, geht Steinberg nicht von der Bildung neuer Neuronen durch die Stammzellen aus, wie Experten bislang glaubten. Er vermutet, dass die eingesetzten Stammzellen biochemische Prozesse anstoßen, die die Selbstheilungsfähigkeit des Gehirns unterstützen. „Eine Theorie ist, dass sie erwachsene in neonatale Zellen umwandeln, die deutlich besser regenerieren“, so Steinberg.

Gif-neurons
Gif: Giphy – Lifesajoke

Die Ergebnisse machten selbst Steinberg und seine Kollegen sprachlos. „Im Normalfall erwarten wir sechs Monate nach einem Schlaganfall keine Genesung mehr“, so der Neurochirurg. Die Verbesserungen seien sowohl statistisch signifikant als auch von unbestrittener klinischer Bedeutsamkeit. Dennoch warnt er aufgrund der kleinen Studiengröße vor einer vorschnellen Überhöhung des Erfolgs.

Repräsentative Studien geplant

So vielversprechend diese Ergebnisse der Stammzellentherapie sind, so wenig sind sie bisher wissenschaftlich belegt. Auch unabhängige Experten geben zu bedenken, dass bei einer so kleinen Studiengröße noch keine final gültigen Schlüsse gezogen werden können. Um Placebo-Effekte auszuschließen, muss die Methode im Rahmen einer randomisierten kontrollierten Studie getestet werden – dem Goldstandard der klinischen Forschung.

giphy2
Gif: Giphy – UCResearch

Eine solche Studie ist laut Steinberg bereits in Planung. 156 Patienten werden dabei nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt: Die eine erhält die neue Stammzellentherapie, die Vergleichsgruppe wird nach dem aktuellen Standard oder mit einem Placebo behandelt. Erst danach wird sich zeigen, ob die Methode tatsächlich eine medizinische Sensation darstellt.

Artikel empfehlen

Zugehörige Themen

Gesundheit Wissenschaft

Als Nächstes lesen