Selbstdarstellung im Netz: Die Psychologie hinter der Inszenierung

Die Selbstdarstellung in den sozialen Medien führt zu einem idealisierten Abbild der Nutzer, auf das sie immer stärker durch die Augen anderer schauen.

Dass Selbstdarstellung ein wesentliches Element menschlichen Daseins ist, zeigte der kanadische Soziologe Erving Goffman 1959 in seinem Werk „Wir alle spielen Theater“. Heute werden die Inszenierungen der eigenen Persona immer professioneller, weil die meisten Menschen Zugang zu digitalen Aufnahme-, Nachbearbeitungs- und Verbreitungstechniken haben. Dabei führt die ständige Angst vor staatlicher Überwachung aber dazu, dass viele Internetnutzer Selbstzensur betreiben. Durch die Omnipräsenz von Digitalkameras und sozialen Medien überträgt sich dieses selbsteinschränkende Verhalten mittlerweile sogar auf den Alltag, wie eine Studie zeigt.

Im Internet „haben wir anders als im wahren Leben Kontrolle über unsere Selbstdarstellung“, erklärt die Cyberpsychologin Catarina Katzer. Zwar spielen Menschen auch im Alltag ihre verschiedenen Rollen vor Familie, Freunden und Kollegen. Allerdings sind diese Aufführungen viel komplizierter zu arrangieren. Die Illusion muss über einen gewissen Zeitraum hinweg so perfekt sein, dass niemand einen Blick hinter die Maske werfen kann. Fotos und Videos bieten im Gegensatz dazu einen viel größeren Gestaltungsspielraum. Denn die aufnehmende Person bestimmt den Blickwinkel, kann Aufnahmen vielfach wiederholen und diese schließlich digital nachbearbeiten. Ergebnis ist ein idealisiertes Abbild, das nicht die Realität darstellt.

Selbstdarstellung und Karriereende eines Instagram-Modells

Dieser Umstand dürfte auch im Falle des Instagram-Modells Essena O’Neill bekannt gewesen sein. Trotzdem klärte die Australierin nach ihrem selbstgewählten Karriereende letztes Jahr die Fans darüber auf, dass ihre Fotos mit viel Aufwand inszeniert und teilweise von Unternehmen bezahlt worden waren. Statt der suchthaften Jagd nach Likes und neuen Followern wolle sie sich nun lieber dem echten Leben widmen, was auch ihr neuer Profilname „Social Media Not Real Life“ unterstreicht. Zudem beklagte sie, dass junge Nutzerinnen sich in ihrem Drang nach Aufmerksamkeit an die auf Instagram vorherrschende, sexualisierte Darstellungsweise von Frauen anpassten.

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Bewusstes Ende einer erfolgreichen Selbstdarstellung im Social Web. Bild: Instagram – @essenaoneill (Screenshot)

Katzer sagt, dass Menschen sich von Selbstdarstellungen im Internet beeinflussen ließen, obwohl sie wüssten, dass diese nicht der Realität entsprechen. Dabei ist die Macht der Bilder kein neues Phänomen: Auch Kinobesuchern ist klar, dass sie eine Inszenierung sehen. Das hält sie jedoch nicht davon ab, sich mit den dargestellten Figuren zu identifizieren und sich vorzustellen, genauso schön, stark oder souverän zu sein. Entstammen die Schauspieler wie im Fall der sozialen Medien auch noch dem eigenen Freundes- und Bekanntenkreis, fällt das Phantasieren noch leichter. Denn die Tatsache, dass die Nutzer die meisten ihrer Online-Freunde im Gegensatz zu Hollywood-Stars persönlich kennen, schafft ein Echtheitsversprechen. Dieses wiederum erzeugt den Willen, daran zu glauben, dass das Gezeigte tatsächlich tatsächlich wie dargestellt aussieht oder wirklich so passiert sein könnte. Schließlich sind in der Regel keine Explosionen, Verfolgungsjagden oder ähnlich Elemente populärer Filmerzählungen zu sehen.

Hollywood als Ursprung der Selbstdarstellung

Trotzdem bilden Hollywoodfilme und die für Hochglanzmagazine typische Fotografie Ursprung und Bezugsrahmen der Selbstdarstellung im Netz – auch wenn das vielen Nutzern vielleicht gar nicht mehr bewusst ist. Konnten früher nur Profis mit teurer Ausrüstung und dem Geld ihrer Auftraggeber hochwertige Bilder produzieren, ist dies heute aufgrund günstiger Digitalkameras und Bearbeitungssoftware auch der Allgemeinheit möglich. Während der Umstand, dass etwas im Kino vorgeführt oder in einem Magazin veröffentlicht wird, leichter erkennen lässt, dass das Gezeigte gestellt ist, fehlt dieser Hinweis in den sozialen Medien natürlich. Letztere hätten im Zusammenspiel mit der digitalen Fotografie zu einem Exzess der Selbstbilder beigetragen, erklärt Ramón Reichert, Medientheoretiker und Lehrbeauftragter für Digitale Medienkultur an der Universität Wien.

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Viele User kennen für ihre Selbstdarstellung keine Grenzen.

Dabei wirkt ein Zurichtungseffekt auf die Nutzer: Sie lernen durch positive Reaktionen, welche Art von Bildern am besten ankommt und produzieren dann mehr davon. So betrachteten sie das eigene Leben immer stärker durch die Augen anderer, weil die Außenwirkung das Allerwichtigste sei, sagt Diplom-Psychologin Heike Kaiser-Kehl. „Wer sich für Facebook und Co ein zweites Ich erschafft, kann in seiner Eigenkreation gefangen bleiben.“ Dann hilft vielleicht nur noch der komplette Ausstieg wie im Falle von O’Neill. Dass der Wettbewerb um das spektakulärste Bild sogar zum Tod führen kann, zeigt die Tatsache, dass letztes Jahr mehr Menschen beim Aufnehmen von Selfies gestorben sind als durch Haiangriffe. Auch wenn diese Fälle von Sucht nach Online-Selbstdarstellung sicher nicht die Regel sind, achten die meisten doch sehr genau auf das Bild, das sie im Internet von sich abgeben.

Staatliche Überwachung führt zur Selbstzensur

Zur Inszenierung gehört dabei immer auch ein Weglassen. Das gilt nicht nur für den Zuschnitt und die Nachbearbeitung von Porträts oder die Tatsache, dass Nutzer peinliche Partyfotos löschen, um nicht bei künftigen Arbeitgebern anzuecken. Seit Bekanntwerden der Überwachung durch die NSA und andere staatliche Stellen üben viele Nutzer auch Selbstzensur bezüglich ihrer Meinungsäußerung im Netz aus, wie eine Studie zeigt. Auf Basis der Schweigespirale-Theorie wies Studienleiterin Elizabeth Stoycheff einen sogenannten Chilling Effect nach: Fühlen sich Menschen permanent überwacht, unterdrücken sie aus Angst vor künftigen Repressionen ihre eigenen Ansichten, wenn sie diese als von der öffentlich vorherrschenden Meinung abweichend betrachten. Stoycheff äußerte sich besorgt über diese Ergebnisse, da es für die öffentliche Diskussion wichtig sei, auch die Stimmen von Minderheiten zu hören: „Demokratie gedeiht durch Ideenvielfalt, Selbstzensur lässt sie verkümmern.“

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Eine der populärsten Formen der Selbstdarstellung: Das Selfie. Gif: Giphy – Ethan Barnowsky

Während eine Studie des Vodafone-Instituts zeigt, dass auch rund 50 Prozent der Europäer wegen der staatlichen Überwachung Selbstzensur in E-Mails und Textnachrichten betreibt, belegt eine Untersuchung der Universität Bath, dass junge Internetnutzer sogar in der Realität ihr Verhalten einschränken. Beim Extended Chilling Effect geht es allerdings nicht um staatliche Überwachung, sondern um die Omnipräsenz der eigenen Familie und Freunde. Weil ständig Fotos geschossen und direkt über soziale Netzwerke verbreitet werden, stehen die Nutzer unter dauernder Beobachtung. Einige Studienteilnehmer gaben daher an, beim Aufnehmen von Fotos Zigaretten aus Angst vor Kritik zu verstecken oder Abstand zu bestimmten Personen zu halten, um Eifersuchtsanfälle des Partners zu vermeiden. „Was ursprünglich ein Werkzeug war, um mehr Wärme in unsere Beziehungen zu bringen, übt inzwischen einen Chilling Effect auf unser Verhalten aus“, sagt Dr. Ben Marder, einer der Studienleiter. „Zwar beobachtet uns kein Big Brother, dafür beobachten uns aber unsere Facebook-Freunde – und das beschränkt unsere Freiheiten.“

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