Selbstfahrende Autos: So verändert sich der Fahrzeuginnenraum

by Deb Miller Landau
iQ Managing Editor

Wie und warum wird sich der Fahrzeuginnenraum in selbstfahrenden Autos verändert – das untersucht Intel gemeinsam mit Experten von BMW und der CMU.

In nicht allzu ferner Zukunft werden Autos autonom, das heißt ohne Fahrer, auf unseren Straßen unterwegs sein. Dies wird die Art und Weise, wie Menschen von A nach B gelangen, radikal verändern. In der Folge wird eine „Passenger Economy“ entstehen, die Annehmlichkeiten bietet, wie sie bislang noch nicht einmal in Luxusautos der absoluten Spitzenklasse angetroffen werden.

Gemäß einer von Intel und dem Marktforschungsunternehmen Strategy Analytics durchgeführten Studie soll das zu realisierende wirtschaftliche Potenzial, das durch unbeschäftigte Fahrgäste entsteht, geradezu explodieren. Wird der „Passenger Economy“ für das Jahr 2035 noch ein Wert von 800 Milliarden US-Dollar vorausgesagt, soll sie sich 2050 bereits auf sieben Billionen US-Dollar belaufen. Doch wie werden Autos der Zukunft wohl aussehen, wenn niemand mehr auf dem Fahrersitz Platz nehmen muss?

Der Fahrzeuginnenraum wird zum Wohnzimmer

Die kommende Revolution des autonomen Autos treibt Forscher dazu an, den Fahrzeuginnenraum so umzugestalten, dass er Wohnzimmern, Büros oder Schlafkabinen ähnelt. Hans-Joachim Faulstroh, Leiter von Interior, HMI and User Experience bei BMW Research in München, arbeitet mit seinem Team an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Zu diesem Zweck untersucht er Beziehungen, die Fahrer mit ihren Autos unterhalten. „Wir lieben unsere Autos, weil sie mit Emotionen besetzte Besitztümer sind“, sagt er. „Wir kümmern uns um sie und sie kümmern sich um uns.“

Innenansicht der BMW-Konzernzentrale
BMW-Konzernzentrale in München

Ein Beispiel dafür, wie Autos in der Zukunft aussehen könnten, zeigt die Skulptur BMW i Inside Future. Hier sind Bücher in eingebauten Regalen verstaut. Die Vordersitze sind um 360 Grad drehbar und besitzen jeweils eigene Audioanlagen – so kann jeder Fahrgast die Musik hören, auf die er gerade Lust hat. Darüber hinaus werden die Bedienelemente des Fahrzeugs – einschließlich Temperatur, Musik und das Telefon – über BMW HoloActive Touch verwaltet, ein schwebendes Hologramm, das überall im Auto zugänglich ist.

Fahrer haben die Wahl zwischen unterschiedlichen Modi

„BMW HoloActive Touch ist eine Art Schaltersystem für die Zukunft“, sagt Faulstroh. „Es befindet sich nicht wie heute im Cockpit. Da es frei schwebt, kann man darauf zugreifen, auch wenn man nicht nach vorn blickt“. Geht es nach ihm, werden BMW-Fahrzeuge künftig zudem über verschiedene Modi verfügen.

Hans-Joachim Faulstroh von BMW
Hans-Joachim Faulstroh von BMW glaubt, dass sich der Fahrzeuginnenraum von autonomen Autos zu einem modernen Wohnraum entwickeln wird.

So könnte der Fahrer auf einem langen, abwechslungslosen Streckenabschnitt beispielsweise in den „Bequemlichkeitsmodus“ schalten und ein Nickerchen halten. Will er hingegen auf einer kurvenreichen Strecke durch den Wald das Fahrgefühl erleben, könne er den „Boost-Modus“ wählen und im Fahrersitz die Kontrolle übernehmen. Ziel von BMW sei es noch immer, Fahrern – abhängig von ihren individuellen Bedürfnissen – das bestmögliche Fahrgefühl zu geben. „In einem BMW sind Sie der ultimative Fahrer. Wir helfen Ihnen nur dabei, das Beste aus beiden Welten zu bekommen“, so Faulstroh.

Traum vom selbstfahrenden Auto nicht neu

Die in autonomen Fahrzeugen eingesetzte Technik mag neu sein, der Traum vom selbstfahrenden Auto ist es laut Dr. Stan Caldwell, Associate Professor an der Carnegie Mellon University (CMU), nicht. Der Executive Director des Traffic21 Institutes der CMU, das sich mit der Entwicklung intelligenter Transportsysteme befasst, erklärt: „General Motors kündigte seine Vision für das erste autonome Fahrzeug auf der World‘s Fair 1939 an“.

BMW Fahrzeuginnenraum-Design
BMW erkundet die persönliche Beziehung zwischen Menschen und ihren Autos.

Ähnlich wie Züge auf Schienen sollten fahrerlose Autos dem ursprünglichen GM-Konzept zufolge auf mit elektromagnetischen Streifen gepflasterten Straßen navigieren. Den großen kommerziellen Schub in Sachen autonomer Fahrzeuge hätte es allerdings erst im Jahr 2009 gegeben. Denn damals engagierte Google Absolventen der DARPA Grand Challenge. Das Ziel: Bis zum Jahr 2020 sollten sie das erste öffentlich verfügbare fahrerlose Auto entwickeln. Bislang hat die fahrerlose Waymo-Flotte bereits mehr als 4,8 Millionen selbstgefahrener Kilometer auf öffentlichen Straßen zurückgelegt.

Übergang verläuft fließend

Ähnlich wie beim Wechsel von Festnetztelefonen zu Handys, Schreibmaschinen zu Computern oder von Pferdekutschen zu herkömmlichen Automobilen, wird der Übergang zu selbstfahrenden Autos wohl schrittweise verlaufen. „Ich glaube, eines Tages werden wir zurückblicken und uns fragen, wann wir aufgehört hatten zu fahren, und wir werden es wirklich nicht wissen,“ erläutert Caldwell. „Es wird allmählich geschehen, wenn die Technik kostengünstiger und von breiteren Bevölkerungskreisen akzeptiert wird.“

Jack Weast von Intel
Der Fahrzeuginnenraum sowie die darin verfügbare Software werden eine wesentlich größere Bedeutung erlangen.

Dass ein grundsätzliches Interesse an selbstfahrenden Autos besteht, zeigt eine Umfrage der Consumer Technology Association. Demnach waren 70 Prozent der Befragten daran interessiert, ein fahrerloses Auto zu testen. 62 Prozent sagten sogar, dass sie ihr vorhandenes Fahrzeug durch eine selbstfahrende Alternative ersetzen würden. Allerdings gibt es laut einer Studie des amerikanischen Automobilverbands AAA derzeit zumindest in den USA auch noch jede Menge Zweifler: Ganze 78 Prozent gaben an, sich davor zu fürchten, in einem autonomen Auto zu fahren.

Die Kontrolle abzugeben ist Vertrauenssache

Laut Jack Weast, Chief Systems Architect der Autonomous Driving Group von Intel, ist das Vertrauen der Passagiere entscheidend für die Zukunft selbstfahrender Fortbewegungsmittel. „Wir können ein technologisch noch so perfektes Auto bauen, das perfekt fährt und Sie jederzeit sicher ans Ziel bringt“, sagt er. „Wenn wir uns aber psychologisch unsicher fühlen, werden wir weder einen solchen Fahrservice nutzen, noch eines dieser Fahrzeuge kaufen.“

Aus diesem Grund erforscht Weast, wie die Gestaltung des Fahrzeuginnenraums dazu beitragen kann, das Vertrauen von Fahrgästen in autonome Autos zu erhöhen. „Heutzutage werden Sie sich wahrscheinlich den Fahrgastraum nicht einmal anschauen, wenn Ihnen das Äußere eines Autos nicht zusagt“, erklärt er. Allerdings geht er davon aus, dass sich dies in Zukunft ändert und sich Interessenten verstärkt auf diesen fokussieren werden. Letztlich besteht die Intel Vision für das autonome Fahren in der Erstellung eines vollständigen End-to-End-Ökosystems – von Unterhaltungs- und Sensorsystemen bis zu Netzwerkkonnektivität und Big Data-Verwaltung.

Artikel empfehlen

Read Full Story