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Smartwatches: Was erwartet die heutige Generation?

Die Apple Watch schlägt hohe Wellen. Seit der gestrigen Keynote, bei der gleich mehrere verschiedene Modellvarianten der Smartwatch vorgestellt wurden, überschlägt sich die Techpresse: Stehen Preis und Leistung noch in einem anständigen Verhältnis (immerhin kostet das teuerste Exemplar 18.000 Euro)? Kann Technologie als Luxusgut überhaupt herhalten, wenn ein konsequenter Wertverlust damit einhergeht? Und vielleicht die wichtigste Frage: Braucht man heutzutage überhaupt eine Smartwatch? Es ist nicht leicht, auf Anhieb darauf eine Antwort zu finden, denn das Feld entwickelt sich in diesen Tagen rasant weiter. Sicher ist, dass Smartwatches sich in eine lange Tradition der menschlichen Kultur einreihen.

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Seit dem frühen 15. Jahrhundert verfügen Menschen über die Möglichkeit, die Zeit mit tragbaren Uhren zu messen. Eine Weiterentwicklung blieb seither im Großen und Ganzen aus. Klar, Uhren wurden kompakter, wandelten sich von Taschenuhr zur Armbanduhr – aber im Kern handelte es sich dabei immer um Zeitmessgeräte.

(Flickr: Forgemind ArchiMedia - CC BY 2.0)
(Flickr: Forgemind ArchiMedia – CC BY 2.0)

Während Chronographen früher analog waren, und es auch heute noch oft sind, kam 1970 die erste digitale Armbanduhr auf den Markt. In den 90ern wurde sie sogar mit coolen Zusatzfunktionen wie Taschenrechner oder Fernbedienung ausgestattet. Diese Uhren waren eigentlich die ersten Smartwatches, auch wenn sie nicht wirklich smart waren, sondern einfach nur „uhrenfremde“ Technik in einem kleinen Gehäuse verpackten.

Warten auf das richtige Package

Wie ist eine Smartwatch eigentlich definiert?

Jetzt haben wir das Jahr 2015 und es existiert bereits eine breite Auswahl an Smartwatches. Sie zeigen zwar auch immer noch die Zeit an, sollen aber durch zusätzliche Daten und diverse Sensoren einen Mehrwert zur klassischen Uhr bieten. Allerdings scheinen sie es noch sehr schwer zu haben: Analysten zufolge wurden im vergangenen Jahr nur 720.000 Android Wear Smartwatches ausgeliefert. Angesichts ihrer großen Auswahl eine doch eher geringe Zahl.

(Flickr:  Maurizio Pesce CC BY 2.0)
(Flickr: Maurizio Pesce CC BY 2.0)

Es stellt sich daher die Frage, ob wir als Nutzer überhaupt keine Handgelenk-Gadgets brauchen oder ob die Technik einfach nur noch nicht so weit ist? Daran schließt sich die Frage an: Wie ist eine Smartwatch eigentlich definiert? Mittlerweile nennen sich ja viele digitale Armbänder Smartwatches, ein „Smart-Sein“ ist bei vielen aber nicht recht zu erkennen. Es gibt welche zum Tracken von Fitness-Aktivitäten, andere zeigen Benachrichtigungen vom Smartphone an, wieder andere sind Überwachungsgadgets, mit deren Hilfe Eltern stets wissen, wo ihre Kinder sich herumtreiben. Technisch ist bereits vieles möglich, richtig verpackt hat es aber bisher noch kein Hersteller.

(Flickr: Kārlis Dambrāns CC BY 2.0)
(Flickr: Kārlis Dambrāns CC BY 2.0)

Monochrom und kurzlebig 

Die heutige Generation trägt kaum noch Armbanduhren

Generell wird Smartwatches vor allem die kurze Akkulaufzeit angekreidet, was auch im Fall der jetzt vorstellten Apple Watch zutrifft. Gerade einmal 18 Stunden hält sie im Betrieb durch, ehe sie wieder ans Ladekabel muss. Ein Gadget, das jeden Abend einen leeren Akkustand anzeigt, kann keine Armbanduhr ersetzen, die zum Funktionieren nur alle Jubeljahre eine neue Batterie benötigt – falls sie denn überhaupt mit Strom läuft. Denn hochwertige Armbanduhren verfügen über ein Automatik-Uhrwerk, das die benötigte Energie aus den Bewegungen des Trägers bezieht. Hinzu kommt, dass die heutige Generation kaum noch Armbanduhren trägt, die Zeit lässt sich schließlich auch auf dem Smartphone ablesen, das man sowieso ständig bei sich hat und oft genug anschaut.

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In Sachen Akku gibt es aber eine Smartwatch, die vorgemacht hat, wie es geht: Pebble. Eine Laufzeit von einer Woche ist mit der über Crowdfunding ins Leben gerufenen Uhr kein Problem – schön sehen die Geräte mit ihren klobigen Gehäusen allerdings nicht aus. Von Schmuckstück keine Spur. Wer eine Armbanduhr aus modischen Gründen trägt, wird wohl nicht zu einer Pebble-Smartwatch greifen.

Ähnlich verhält es sich mit der Basis Peak, einer Smartwatch, die sich als ultimativer Fitness- und Schlaftracker positioniert. Vier Tage Akkulaufzeit, zudem werden Puls, Körpertemperatur und Schlafqualität überwacht. Interessant ist allerdings, dass diese Uhr gar nicht als Smartwatch bezeichnet wird – sondern eben als Fitnesstracker. Aber auch sie ist für die meisten Menschen kein Ersatz für eine echte Armbanduhr. Schön zu sehen, ist an diesem Beispiel jedoch, dass die Geräte auch Nischen bedienen.

262.000 Farben im Normalmodus

Farbige Displays lassen sich nicht mit einer langen Akkulaufzeit vereinbaren

Eine weit verbreitete Behauptung lautet, dass sich farbige Displays nicht mit einer langen Akkulaufzeit vereinbaren lassen. Aber auch das ist nicht ganz korrekt. Denn Mirasol-Displays, die sich bereits im Einsatz befinden, sind E-Ink-Displays sehr ähnlich, benötigen aber wenig Strom und können Farben darstellen. Sie weisen allerdings zwei große Mankos auf: Zum einen stellen sie die Farben leider nicht so kräftig dar, wie man es von OLED-Displays gewohnt ist. Und zum anderen überzeugen sie auch nicht wirklich in Bezug auf die Darstellung. Die Augen der Nutzer sind durch Smartphone-Displays verwöhnt: Pixel sind nicht mehr zu erkennen, die Farben leuchten übertrieben bunt – so lassen sich Kunden gewinnen. Doch das schafft auch kein Mirasol-Display.

(Flickr: Jan-Erik Finnberg CC BY 2.0)
(Flickr: Jan-Erik Finnberg CC BY 2.0)

Die Zukunft wird neue Smartwatch-Displays bringen, die sowohl Farben gut darstellen können als auch eine längere Akkulaufzeit bieten. Japan Display scheint in diesem Bereich aktuell die Nase vorn zu haben und kündigte an, in der zweiten Jahreshälfte ein Display auf den Markt bringen, das diese Anforderungen erfüllt.

Die Technik dahinter nennt sich „reflective color liquid crystal display module“ und mit ihr kann das Display in verschiedenen Modi betrieben werden: Im Normalmodus werden 262.000 Farben dargestellt – vergleichbar mit den ersten Farbdisplays bei Handys. In einem speziellen Energiespar-Modus werden dann nur noch ausgewählte Farben – nämlich Schwarz, Weiß, Rot, Grün, Blau, Gelb, Cyan und Magenta – dargestellt, was die Laufzeit noch einmal erhöhen und dennoch Farben kontrastreich darstellen soll.

Zögerliche Versuche auf Premium-Level

Noch Jahre bis zum ultimativen Smartwatch-Display

Betrachtet man die Entwicklung von Displays analog zu der von Smartphones, könnte es vielleicht noch ein paar Jahre dauern, bis das ultimative Smartwatch-Display vorhanden ist und die Uhren den Erwartungen der Nutzer entsprechen: Eine lange Akkulaufzeit, ein optisch ansprechendes Gehäuse und Funktionen, die tatsächlich einen Mehrwert bieten.

(Flickr: Edvvc CC BY 2.0)
(Flickr: Edvvc CC BY 2.0)

Die klassischen Uhrenhersteller haben bisher noch keine Smartwatch auf den Markt gebracht. Es gibt aber zögerliche Versuche, klassische Uhren mit modernen Funktionen zu verbinden. Kunden dieser Hersteller kaufen Uhren oft als Schmuckstücke oder Statussymbole und sind dafür – und für die präzise verbaute analoge Technik – auch bereit, tief in die Tasche zu greifen. Jemand, der sich eine Uhr von Omega, Rolex, Tag Heuer oder einem anderen Premium-Hersteller kauft, tut das nicht, weil er damit die Zeit genauer ablesen kann.

Jede Smartwatch ein Kompromiss

Wie die Hersteller das Problem angehen, dürften wir schon bald zu sehen bekommen

Wenn diese Hersteller damit beginnen, ihre Uhren smart zu machen, wird das ganze Feld “Smartwatches” einen Boom erfahren. Doch auch hier könnte die Technik den Verantwortlichen einen Strich durch die Rechnung machen. Prozessoren, Sensoren, Akkus – all diese Komponenten einer Smartwatch sind nach kurzer Zeit veraltet und müssen ausgetauscht werden. Eine analoge Uhr kann auch in zwanzig Jahren noch die Zeit anzeigen, teure Armbanduhren sind kein Wegwerf-Produkt.

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Wie die Hersteller dieses Problem angehen werden, dürften wir schon bald zu sehen bekommen. So hat Swatch beispielsweise eine Smartwatch angekündigt, die nicht geladen werden muss. Und Montblanc lässt die Uhr an sich in Ruhe und setzt auf ein Armband-Attachment, das den Träger auf der Unterseite des Handgelenks mit Benachrichtigungen versorgt. Die Hersteller befinden sich aktuell in einer Phase des Ausprobierens. Sie müssen herausfinden, wie man klassische Uhrenkunden mit smarten Funktionen versorgt, ohne Kompromisse einzugehen. Denn jede heute erhältliche Smartwatch ist ein Kompromiss, den der Nutzer eingeht. Diese dürften in den nächsten Jahren aber kleiner werden, wenn die technische Entwicklung weiter voranschreitet.

Erfolgreich durch Differenzierung

Die Generation Smartphone muss erst überzeugt werden, wieder Uhren zu tragen

Die neue Produktgruppe der Smartwatches wird erst dann so richtig an Fahrt aufnehmen, wenn Uhrenhersteller einen Weg gefunden haben, smarte Funktionen in ihren Produkten unterzubringen. Die Generation Smartphone muss zudem erst überzeugt werden, wieder Uhren zu tragen. Wie eingangs schon erwähnt, sind die Handgelenke junger Menschen heute kaum noch mit Armbanduhren belegt. Nicht jeder Mensch will seine Aktivitäten überwachen und viele sehen keinen Mehrwert darin, Benachrichtigungen vom Smartphone auf dem Handgelenk ablesen zu können.

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Vielleicht werden Smartwatches künftig auch differenzierter aufgestellt. Eine für das Fitness-Tracking, eine weitere für Benachrichtigungen und eine als Schmuckstück für das abendliche Ausgehen. Bis es die eierlegende Wollmilchsau unter den Uhren gibt, wird noch eine ganze Weile vergehen. Das größte Potenzial dürften aber sicherlich jene Hersteller haben, die seit Jahrzehnten am ganz nah am Uhrenkunden dran sind, die ihn und seine Wünsche kennen. Vielleicht ist auch genau das der Grund, warum man von Traditionsmarken in diesem Bereich bisher noch nicht allzu viel sieht.

Cover-Foto: Flickr – Kārlis Dambrāns (CC BY 2.0)
Slidr-Foto: Flickr – Kārlis Dambrāns (CC BY 2.0)

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