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Tidal: Jay Zs Streaming-Dienst ist nicht die Zukunft der Musik

Marek Hoffmann Autor, Hemd & Hoodie

Tidal ist die Zukunft der Musik“ – das ist doch mal eine Ansage! Sie stammt von Vania Schlogel, Managerin des schwedischen Unternehmens Aspiro, das der umtriebige Rapper und Beyoncé-Ehemann Jay Z Anfang dieses Jahres für kolportierte 56 Millionen US-Dollar kaufte. Gemeinsam mit einer Armada an Superstars – angefangen bei Alicia Keys über Madonna und Usher bis hin zu Rihanna und Kanye West – möchte das Pärchen nun die musikliebende Community beglücken.

Aber womit eigentlich? Bei Tidal handelt es sich einen neuen Streaming-Dienst, der Montagnacht gestartet ist und bislang ein Portfolio von etwa 25 Millionen Songs und 75.000 Musikvideos aufweisen kann. Diesen Content können audio- und videophile User dann entweder in Form von AAC-Dateien mit 96 und 320 Kbit/s oder unkomprimiert als FLAC-Files mit 1.411 Kbit/s streamen. Dafür muss der Kunde sich zwischen zwei Flatrate-Varianten entscheiden, die es zum Preis von 9,99 respektive 19,99 Euro gibt – wobei er nur bei Letztgenannter den Hi-Fi-Sound erhält.

Was spricht für Tidal?

Tidal ist ein Streaming-Dienst mit High Fidelity-Content zu einem satten Kurs

Hierauf muss etwas differenzierter geantwortet werden, denn im Fall von Tidal muss der Köder offenbar nicht nur den Fischen, sondern auch den Anglern schmecken. Grob zusammengefasst handelt es sich bei Tidal aber zunächst einmal um einen Streaming-Dienst mit High Fidelity-Content – den nicht unbedingt jeder zu hören imstande ist – zu einem satten Kurs (die 10-Euro-Variante dürfte niemanden wirklich interessieren), wo den Fans in Zukunft möglicherweise auch der ein oder andere exklusive VIP-Einblick gewährt wird und er auf read.tidal.com zudem mit redaktionellen Inhalten zu – auf den ersten Blick eher unbekannten – Künstlern versorgt wird.

readtidaal

Der Dienst ist auf PC und Mac sowie Android- und iOS-Geräten verfügbar. Der Webplayer ist für Chrome optimiert, das Laden von Musik auf Mobile Devices funktioniert und ermöglicht das Offline-Hören, wenn keine Internetanbindung vorhanden ist. Es gibt bereits zahlreiche Drittanbieter von Audiogeräten und Boxen – darunter Sonos, Bluesound, Squeezebox und Meridian – die einem zum optimierten Genuss des Tidal-Angebots ans Herz gelegt werden, aber zum Teil (noch) nicht in Deutschland verfügbar sind (im Falle von Sonos ist es als Beta nur in USA, Großbritannien und Kanada nutzbar). Erwähnenswert ist noch ein Tool, mit dem direkt über die App Lieder identifiziert und dann mit der eigenen Tidal-Musiksammlung abgeglichen werden können. Shazam lässt grüßen.

https://www.youtube.com/watch?v=9q6iXyE6fSE

Der Köder und die Angler

„Wir schreiben hier unsere eigene Story. Der Dienst ist das, was alle wollten…”

Kommen wir zum Köder und den Anglern. Als Taylor Swift im November des vergangenen Jahres symbolisch ihre Platten unter den zierlichen Arm packte und Spotify mit großem Getöse verließ, tat sie das mit folgendem Statement: „Ich möchte mit meinem Lebenswerk nicht zu einem Experiment beitragen, das nach meinem Gefühl Autoren, Produzenten und Künstler nicht fair entschädigt.“

Da sie nun beim Konkurrenten Tidal anheuert, ist der Umkehrschluss wohl gestattet, dass sie und ihre Entourage dann ja jetzt wohl fair behandelt werden. Um an dieser wichtigen Stelle nicht allzu spekulativ zu erscheinen, sei zur Bestätigung Papa Schlumpf zitiert, der all die musizierenden Schlümpfe in seinem Dörfchen versammelt hat: „Wir schreiben hier unsere eigene Story. Der Dienst ist das, was alle wollten und wovor sich alle gefürchtet haben.“ Das war natürlich nicht der blaue Mann aus Schlumpfhausen, der das gesagt hat, sondern Jay Z. Da kann man aber auch schon mal durcheinander geraten, wenn plötzlich alle ihre Profilbilder auf Twitter gegen blaue Bildchen austauschen.

tweet

Wer denn nun die einen „alle“ sind, die den Dienst wollten, und wer die anderen „alle“, die sich davor gefürchtet haben, und ob es vielleicht die gleichen „alle“ sind, das wurde nicht so recht klar. Aber alle verstehen, was gemeint ist. Auch Alicia Keys: „Es geht uns um mehr als Kommerz und Technologie.“ Prima. Es geht also im Prinzip bei Tidal darum, dass allein die Musik im Vordergrund steht, dass die Künstler Eigentümer ihres kreativen Outputs bleiben, mehr künstlerische Freiheit genießen, die Kontrolle darüber haben, wann und wie ihre Werke veröffentlicht werden und für ihr Schaffen fair entlohnt werden. Um zu zeigen, dass auch wirklich bei allen Beteiligten in dieser Sache Konsens herrscht – vor allem bei den fünf eingangs genannten, die direkt finanziell an Tidal beteiligt sind – wurde auf der Pressekonferenz zum Launch von Tidal auch eine entsprechende Erklärung auf der Bühne unterzeichnet.

Der Köder und die Fische

Tidal gibt es nicht für lau oder zumindest als werbefinanzierte Gratis-Version

Ist Tidal also eine Plattform für die Künstler? Nein! Nein. Keine Sorge. Ein Mikrokosmos, in dem die Künstler das alleinige Sagen haben, ist ja ganz schön für die Künstler. Aber irgendwie muss ja auch mal Geld verdient werden. Sonst mutiert das Ganze ja sonst in Windeseile von „Die Welt von Jay Z“ zu „World War Z“, oder zu einem DOA-MySpace-Imitat. Wie bereits erwähnt, erhält der Kunde Hi-Fi-Content. Schade nur, dass sich am dafür fälligen Preis die Geister scheiden, vor allem die der Kunden. Tidal gibt es nämlich nicht für lau oder zumindest als werbefinanzierte Gratis-Version. Nope. Und dass es eigentlich genau das ist, was sich die Kunden wünschen, ist ein Dilemma. Auch wenn der Köder von beiden Seiten aus betrachtet gleich aussieht, schmeckt er auf der Seite der Kunden etwas faul. Wer sich davon überzeugen möchte, braucht bei Twitter nur nach dem Hashtag #TIDALforNOONE zu suchen.

Wohin das nun führen kann, wenn die Stimme des Kunden ungehört bleibt, kennen wir ja bereits aus der Film-Industrie. Anstatt fürs Kino, drehen Hollywoodianer wie Adam Sandler und Woody Allen nun lieber für Netflix und Amazon. Und die YouTubber machen gleich ihr ganz eigenes Ding. Die Lehre könnte lauten: Wenn ich als Kunde nicht erhalte, was ich will, hole ich es mir dort, wo man es mir gibt oder ich mach es selbst.

Aber Halt! Jay Z und die Musik-Avengers haben ja noch mehr im Angebot als den musikalischen Content: Promis und Exklusivität! Nicht nur, dass die Zahl der populären Werbeträger, die Jay-Z vor seinen Karren gespannt hat, locker mit der VIP-Dichte bei den MTV Music Awards mithalten könnte (nein, das spricht nicht für die Awards). Die Aussicht auf Exklusivität, in welcher Form auch immer, hat ja auch an anderer Stelle schon wunderbar funktioniert. So viele Künstler, die alle wie ein Musiker hinter einer Sache stehen und sich für Tidal so ins Zeug legen, als hätte jeder einzelne von ihnen gerade das Patrik Pacard Fjord-Erlebnis gehabt und könnten nun Ananas auf Gletschern und Weizen in der Wüste wachsen lassen – das ist doch ein Zusatzangebot, für das ein Preis von knapp 20 Euro gerechtfertigt ist, oder nicht? Immerhin bieten sie an, „Musikgeschichte zu schreiben“ und haben dazu schon fleißig ihre Profilbilder bei Twitter durch blaue Kästchen ersetzt. Wenn das kein Signal ist!

https://www.youtube.com/watch?v=zHNxIwh1HF8

Musik für Millionen

In diesem Bereich läuft alles über den Preis. Und der ist bei Tidal zu hoch.

Der Streaming-Bereich ist hart umkämpft. Aber das darf und wird einen Vollblutunternehmer wie Jay Z nicht abschrecken, eher im Gegenteil. Was Tidal anbietet, ist grundsätzlich eine feine Sache, für die die entsprechende Audience und Nachfrage auch garantiert vorhanden ist. Denn es gibt genügend Menschen, deren Ohren so gut sind, dass sie bei der Qualität von MP3 Ohren-Grippe bekommen. Abhilfe schaffen wollten andere ja auch schon, beispielsweise Neil Young mit seinem PonoPlayer. Besser gelungen ist es bislang Spotify mit seinem Premium-Angebot, wobei man fairerweise dazu sagen muss, dass das Geschäftsmodell auch einige schräge Töne enthält. Zumindest für die Ohren der Künstler. Aber das Angebot ist näher dran am Kunden als Tidal. Abzuwarten bleibt noch, was aus Cupertino kommt. Ob Apple nicht doch mal wieder mit einer Blitzidee aufschlägt und aus dem Streaming Service von Dr Dre einen Hi-Fi-Streamer zaubert. Wie auch immer sich der Markt aber entwickelt, eines dürfte die Vergangenheit gezeigt, wenn nicht sogar gelehrt haben: In diesem Bereich läuft alles über den Preis. Und der ist bei Tidal zu hoch.

Wenn die erfolgreichen Musiker so wie Swift von allen anderen Angeboten abwandern, weil sie bei Tidal am meisten Gegenwert für ihre Arbeit erhalten, funktioniert das System vielleicht. Wenn. Denn letztlich, und das sollte man kaum für möglich halten, aber es ist wahr, steht und fällt das Konzept mit… dem Kunden! Wenn der bezahlt, läuft alles. Wenn nicht, nicht. Power to the people

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