Lebensverändernde Technik

Unsterblichkeit: Wege zu ewigem Leben

Nach einer Formel für Unsterblichkeit suchen viele Wissenschaftler. Ihre Ideen reichen von Eingriffen ins Genom bis hin zum Körperersatz durch Technik.

Wer sich alt fühlen möchte, kann sich Internetvideos ansehen, in denen Kinder über die Funktion eines Walkmans, eines PCs mit Diskettenlaufwerk oder anderer überholter Technik rätseln. Die meisten jedoch wollen sich weder so fühlen, noch alt aussehen – und trotzdem möglichst lange leben. Aus diesem Grund sucht die Wissenschaft ständig nach Mitteln und Wegen, um den ewigen Menschheitswunsch nach Unsterblichkeit zu erfüllen. Während biologische Ansätze den Alterungsprozess aufhalten sollen, möchten Vertreter technischer Lösungen den Menschen gleich ganz von der sterblichen Hülle befreien, seinen Geist auf Computerchips kopieren oder sein Gehirn in Roboter verpflanzen.

Ein Blick in die Natur zeigt, dass ein natürlicher Tod keineswegs innerhalb einiger Jahrzehnte eintreten muss – und nicht einmal zwangsläufig zum Leben dazugehört. Der antarktische Riesenschwamm beispielsweise kann es auf ein Alter von über 10.000 Jahren bringen und viele Organismen verfügen sogar potenziell über Unsterblichkeit. Da ihre Lebensprozesse immer stabil weiterlaufen, sterben sie niemals von sich aus, sondern nur durch Einwirkung äußerer Faktoren. Beim menschlichen Körper ist das anders: Seine Zellen können sich im Laufe der Zeit immer schlechter regenerieren und manche nützlichen Prozesse schlagen ins Gegenteil um. Krankheiten wie Arteriosklerose, Demenz, Herzinfarkte und auch Krebs sind die Folge. So erreichen Menschen nach wissenschaftlichen Schätzungen ein Alter von höchstens 125 Jahren.

Metformin für ein Alter ohne Krankheiten

Nir Barzilai möchte das ändern. Gemeinsam mit seinem Team arbeitet der Leiter des New Yorker Institute for Aging Research daran, ein hohes Alter ohne Gebrechen zu ermöglichen. Dabei ist wissenschaftlich gar nicht klar festgelegt, was der Begriff des Alterns genau bedeutet: „Eine anerkannte Definition gibt es nicht. Wir werden erst genau wissen, wie Altern funktioniert, wenn wir es aufhalten können“, sagt Barzilai. Den Schlüssel dazu soll der Wirkstoff Metformin liefern, der schon seit Jahren erfolgreich gegen Diabetes eingesetzt wird. Ob er tatsächlich weitere Krankheiten verhindern kann, wird eine fünfjährige Studie mit 3.000 Probanden zeigen, die im kommenden Jahr beginnt.

Die California Life Company arbeitet an der Umkehrung des Alterungsprozesses.
Die California Life Company arbeitet an der Umkehrung des Alterungsprozesses. Bild: Calico labs

Bis dahin haben die Forscher Zeit, die amerikanische Arzneimittelzulassungsbehörde zur Anerkennung ihrer Studie zu bewegen und sie auch noch davon zu überzeugen, das Altern als eine Krankheit einzustufen. Denn durch Letzteres würden die Behandlungskosten von den Gesundheitssystemen übernommen, was wiederum ein Investitionsanreiz für die Pharmaindustrie wäre. Im globalen Wettlauf um Fördermittel und erwartete Milliarden-Gewinnsummen gibt es allerdings viel Konkurrenz. So hat Google 750 Millionen US-Dollar (rund 672 Millionen Euro) in die von Larry Page geführte California Life Company investiert, um in Zukunft den Alterungsprozess anhalten und sogar umkehren zu können. Nicht umsonst hat der häufig als Visionär bezeichnete Raymond Kurzweil, Leiter der technischen Entwicklung bei Google, auf dem Global Future 2045 World Congress verkündet, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis der technische Fortschritt Unsterblichkeit ermöglichen könne.

Mittels Chromosomen die Zeit zurückdrehen

Der Molekularbiologe William Andrews dürfte das ähnlich sehen, auch wenn ihm selbst die Zeit aufgrund fehlender Fördermittel davonläuft. Mit seiner Biotechfirma Sierra Science will er nicht nur das Altern aufhalten, sondern gleich die innere Uhr zurückdrehen. 80-Jährige sollen dadurch wieder die körperliche Verfassung und das Aussehen bekommen, das sie mit Mitte 20 hatten. Um das zu erreichen, setzt Andrews bei den Telomeren an. Diese sitzen wie stabilisierende Schutzkappen an den Enden der Chromosomen. Immer wenn sich eine Körperzelle im Zuge von Wachstum, Wundheilung oder Fortpflanzung teilt, verkürzen sie sich um ein kleines Stück. Unterschreiten sie schließlich eine bestimmte Länge, kann die Zelle sich nicht mehr teilen und stirbt ab.

Die künstliche Verlängerung der Telomere könnte Unsterblichkeit ermöglichen.
Die künstliche Verlängerung der Telomere könnte Unsterblichkeit ermöglichen. Gif: wikipedia – Iridos (CC BY-SA 3.0)

Zwar produziert der Körper das Enzym Telomerase, das diese Verkürzung verhindert. Allerdings ist es nur in Stamm- und Immunzellen aktiv. Für diese Erkenntnis erhielten drei Forscher 2009 den Medizin-Nobelpreis. Andrews baut auf diesem Wissen auf. Er will die Verkürzung der Telomere verlangsamen und sie später sogar wieder verlängern. Zu diesem Zweck führte er eine Testreihe mit zehntausenden Stoffen durch und fand schließlich einen, der die Telomerase wieder in Gang setzt. Das Problem dabei: Die durch den Stoff hervorgerufene Reaktion war zu toxisch, um in einem Medikament Verwendung zu finden. Außerdem ist es unter Forschern umstritten, ob die verstärkte Zellteilung, die durch eine künstliche Verlängerung der Telomere auftritt, Krebs auslösen kann. Seit sieben Jahren sucht Andrews nun schon nach Investoren und es ist offen, ob er je in der Lage sein wird, seine Forschung fortzusetzen.

Genschalter gegen den Alterungsprozess

Vielleicht liefern aber auch andere Erkenntnisse das entscheidende Puzzleteil, um die innere Uhr zurückdrehen zu können. So haben Wissenschaftler einen Genschalter für den Alterungsprozess im Fadenwurm C. elegans entdeckt. Einer anderen Forschergruppe ist es gelungen, das Leben von Taufliegen um bis zu 60 Prozent zu verlängern, indem sie die geschädigten Zellen der Tiere eliminierten. Ob die Ergebnisse auf den Menschen übertragbar sind, muss sich noch zeigen. Der bekannte deutsche Altersforscher Christoph Englert ist jedenfalls der Überzeugung, dass die Wissenschaft noch weit davon entfernt sei, die komplexen Vorgänge des Alterungsprozesses zu verstehen. Menschen wieder jünger zu machen sei sowieso ausgeschlossen. Auch „eine Pille gegen das Altern wird es nicht geben. Doch es wird möglich sein, das Altern zu verlangsamen.“ Davon abgesehen plädiert Englert jedoch dafür, Alter nicht als Krankheit, sondern als Gewinn an Erfahrung und Souveränität zu betrachten.

Durch die 2045 Initiative sollen Menschen ihren Geist auf Chips laden können.
Durch die 2045 Initiative sollen Menschen ihren Geist auf Chips laden können. Bild: 2045 initiative

Beim russischen Milliardär Dmitry Itskov wird er mit dieser Ansicht auf wenig Gegenliebe stoßen. Denn wenn es nach dem Gründer der 2045 Initiative geht, entfällt das Alter in Zukunft. „Innerhalb der nächsten 30 Jahre werde ich dafür sorgen, dass wir alle ewig leben können“, verspricht Itskov. Statt kosmetische und medizinische Wartungen gegen den Verfall vorzunehmen, sollen die Menschen lieber ihre Körper verlassen und ihren Geist auf Chips laden. Theoretisch sei das machbar, sagt Dr. Randal Koene, Gehirnforscher und wissenschaftlicher Leiter der Initiative. Allerdings muss die Neurowissenschaft dafür in den nächsten Jahrzehnten erst einmal entschlüsseln, wie das menschliche Gehirn überhaupt funktioniert. Zwar ist bekannt, dass es 86 Milliarden Neuronen beinhaltet, die ständig elektrische Ladungen hin und her senden. Wie aber dadurch der menschliche Geist entsteht, ist unbekannt.

Gehirnstruktur technisch kopieren

Um das zu erforschen, behandeln Neurowissenschaftler das Gehirn wie einen Computer, also wie ein informationsverarbeitendes Netzwerk von Schaltungen. Die Idee dahinter: Wird ein bestimmtes Gehirn mit seinen individuellen Verknüpfungen technisch nachgebaut, enthält es automatisch den Geist des Individuums, dessen Gehirnstruktur kopiert wurde. Doch dafür müsste erst einmal das Konnektom, also die Gesamtheit der Nervenverbindungen, kartografiert werden. Bei einem Fliegenhirn dauert das momentan ein bis zwei Jahre. Menschliche Gehirne sind jedoch viel zu komplex, als dass ihre Neuronenverbindungen sich mit den heutigen technischen Möglichkeiten abbilden ließen. Zudem reicht es sowieso nicht aus, nur den Schaltplan nachzubauen. Auch die permanente Aktivität der Neuronen müsste beobachtet und aufgezeichnet werden.

Das menschliche Konnektom lässt sich noch nicht komplett erfassen.
Das menschliche Konnektom lässt sich noch nicht komplett erfassen. Bild: Flickr – Day Donaldson (CC BY 2.0)

Professor Rafael Yuste von der Universität Columbia hat genau das getan – allerdings bei einem Süßwasserpolypen, dessen Nervensystem zu den einfachsten überhaupt zählt. So konnte er zwar den elektrischen Ladungen der Neuronen zusehen, doch deren Sinn blieb ihm verborgen: „Das war sehr aufregend. Aber wir können heute immer noch nicht sagen, was diese Muster bedeuten. Das ist ein wenig so, wie einem Gespräch in einer fremden Sprache zuzuhören, die man nicht versteht.“ Der Neurowissenschaftler Dr. Miguel Nicolelis meint zudem, dass sich die Komplexität des Gehirns und die daraus erwachsenden menschlichen Eigenschaften niemals auf ein technisches Medium kopieren lassen werden. Auch Yuste äußert Zweifel und regt an, sich in diesem Zusammenhang mit ethischen Fragen und jenen gesellschaftlichen Folgen auseinanderzusetzen, die ein Erfolg Itskovs nach sich zöge.

Unsterblichkeit wird nicht allen zugänglich sein

Dieser plant jedoch schon sein künftiges Leben in verschiedenen künstlichen Körpern und antwortet auf Bedenken mit einem Zitat des Dalai Lama. Demnach sei jedes Handeln erlaubt, solange es nur dazu diene, den Menschen zu helfen. Genau diese Motivation lässt sich jedoch in Zweifel ziehen und bildet den Ausgangspunkt für eine ganze Reihe von ethischen Überlegungen. Denn in journalistischen Texten fällt häufig das Wort „wir“ im Zusammenhang mit unsterblich machender Technik. Sollte diese jedoch jemals Realität werden, wird sie das Wertvollste sein, was Menschen je hergestellt haben und daher bestimmt nicht allen zur Verfügung stehen. Lediglich diejenigen mit den nötigen finanziellen Mitteln dürften dann Zugang zur Unsterblichkeit haben.

Die Unsterblichkeit von Menschen würde viele ethische Fragen aufwerfen.
Die Unsterblichkeit von Menschen würde viele ethische Fragen aufwerfen.

Darüber hinaus ergeben sich aus ewigem Leben weitere soziale und philosophische Probleme. Wenn keiner mehr stirbt, verändert sich gesellschaftlich und politisch nur noch wenig, weil die meisten an ihren Posten kleben. Nicht umsonst bezeichnete Steve Jobs den Tod als die beste Erfindung des Lebens. Er ermögliche den Wandel, indem er Platz für das Neue schaffe. Da die Endlichkeit des Lebens zudem die vielleicht größte Antriebskraft für menschliches Handeln ist, lassen sich die Folgen ewigen Daseins nur schwer abschätzen. Ohnehin wären Menschen nicht unsterblich, wenn sie biologische Mittel gegen das Altern fänden. Denn sie könnten immer noch durch Unfälle oder Mord sterben, wodurch der Tod ein noch viel größeres Gewicht bekäme als heute. Technisch gestützte Unsterblichkeit hingegen zieht die Frage nach sich, ob es sich bei einem kopierbaren Bewusstsein auf Chips überhaupt noch um einen Menschen handelt.

Aus Menschen Cyborgs machen

Das Unternehmen Humai beschäftigt sich nicht mit solchen Überlegungen, denn es will zu ewigem Leben verhelfen, indem es aus Menschen Cyborgs macht. Zu diesem Zweck soll ab dem kommenden Jahr eine App bereitstehen, mit der die Nutzer sämtliche Daten aufzeichnen können, die sie als Person ausmachen – von Verhaltens- und Kommunikationsweisen bis hin zu Denkprozessen. Auf Basis dieser Information soll dann eine künstliche Intelligenz (KI) geschaffen werden, die sich genau so verhält wie die kopierte Person. Stirbt Letztere, wird ihr Gehirn entnommen und eingefroren, bis sich die Technik so weiterentwickelt hat, dass ewiges Leben möglich ist. Dann wird das Gehirn, dessen Zellen durch Nanotechnik vor dem Absterben bewahrt wurden, in einen Roboterkörper eingesetzt und der in der KI gespeicherte Geist wieder in das Gehirn geladen. Auf diese Weise will der Humai-Gründer Josh Bocanegra laut eigenen Angaben den Tod nicht abschaffen, sondern ihn optional machen.

Die Firma Humai möchte den Tod optional machen.
Die Firma Humai möchte den Tod optional machen. Bild: Twitter – @HumaiTech (Screenshot)

Wer nicht nur sein Gehirn, sondern lieber seinen ganzen Körper mittels Einfrieren auf eine Zeitreise schicken möchte, kann auch auf Kryokonservierung setzen. Genau wie im Falle von Humai zielt diese Methode auf die Hoffnung ab, dass die technische Entwicklung künftig so weit fortgeschritten sein wird, dass sie ewiges Leben ermöglicht. Unternehmen wie das Cryonics Institute, die Alcor Life Extension Foundation oder KrioRus bieten ihren Kunden die Gelegenheit, sich für einige zehntausend US-Dollar in flüssigem Stickstoff einfrieren zu lassen. Das Lagern von Gewebeproben oder verstorbenen Haustieren ist günstiger.  Das gilt auch für die sogenannte Neurokonservierung, bei der statt des Körpers nur der Kopf des Kunden eingefroren wird. Manch einer mag sich da fragen, ob die in der Zeichentrickserie Futurama vorgeführte Idee von sprechenden Prominentenköpfen in großen Einmachgläsern künftig zum Alltag gehören könnte.

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