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Wearables vor Gericht: Das Fitnessarmband im Zeugenstand

Uhren, Armbänder, Anhänger, Schlüssel – alles was wir ständig bei uns tragen, ist im Begriff, immer smarter zu werden: Wearables boomen. Und ein Blick auf die Wachstumsprognosen alleine für den europäischen Markt zeigt, dass dieser Trend schon bald zur Norm wird.

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Die tragbare Technologie hilft uns mittlerweile in vielen Bereichen des Lebens. Sie unterstützt uns dabei, fitter zu werden, auf die Ernährung zu achten, Kinder zu schützen, spektakuläre Luftaufnahmen zu machen, besser zu schlafen und unsere Gesundheit im Blick zu behalten. Doch sie kann noch viel mehr. Der Armbandhersteller JawBone beschäftigt mittlerweile eine Armee von Data Scientists, um den akkumulierten Daten von Millionen von Nutzern neue Erkenntnisse über das gesellschaftliche Leben zu entlocken. Durch die Auswertung anonymer Informationen lässt sich so zum Beispiel exakt sagen, wann Menschen zu Bett gehen oder bis wohin die Ausläufer von Erdbeben reichen.

Personenschaden mit Folgen

“Wir beweisen es durch den Einsatz eines Aktivitätstrackers!”

Dass Wearables aber auch über die eigentliche Funktion hinaus für den Einzelnen nützlich sein können, zeigt ein neuer Fall aus Kanada. Eine junge, sportlich aktive Frau arbeitete jahrelang als persönliche Trainerin, bis sie 2010 einen Unfall erlitt. Das Gericht spricht von “Personenschaden”, doch die Frage ist, wie man körperliche Einschränkung belastbar beweisen oder gar quantifizieren kann – zumal in dem kleinen Zeitfenster einer medizinischen Untersuchung; auch Gutachter können irren oder sind parteiisch.

gesundheit

Die Kanzlei McLeod Law ist auf derlei Fälle spezialisiert und hat sich der Sache angenommen. Ihre Idee: “Wir beweisen es durch den Einsatz eines Aktivitätstrackers!”

Langzeitgutachten per Aktivitätstracker

Die aufgezeichneten Daten werden eindeutig zeigen, dass der Aktivitätslevel der Frau unterdurchschnittlich ist

Die Klägerin wird nun einige Wochen ein Fitbit-Armband tragen, das rund um die Uhr ihre Bewegungen protokolliert. Die so erhobenen Daten sind für das Gericht aber noch nicht verwertbar, so dass sie zunächst an Vivametrica weitergeleitet werden. Das Unternehmen arbeitet mit Ärzten und Wissenschaftlern zusammen, um durch Wearables gewonnene Informationen in Sachen Gesundheit auszuwerten. Die Frage, die im Fall der jungen Frau nun im Mittelpunkt steht, lautet: Bewegt sie sich genau so häufig wie der Durchschnitt gleichaltriger Personen desselben Geschlechts?

“Bislang mussten wir uns immer auf klinische Untersuchungen verlassen”, sagt der Anwalt Simon Muller von McLeod Law. “Jetzt schauen wir uns aber die Tagesaktivität über einen viel längeren Zeitraum an – wir haben harte Daten.” Man geht davon aus, dass die aufgezeichneten Daten eindeutig zeigen werden, dass das Aktivitätslevel der Frau unterdurchschnittlich ist.

fitbits

Der Test wird nun mehrere Monate laufen, ehe die Informationen dem Gericht zu Verfügung gestellt werden. Nicht nur die Kanzlei, sondern auch Branchenbeobachter sind zuversichtlich, dass die Vivametrica-Auswertungen als Beweis zugelassen werden. Laut Angaben der Anwälte stehen bereits die nächsten Klienten Schlange, um ähnliche Verfahren anzustrengen.

Das Interesse dritter Parteien

Eine solche Beweisführung öffnet auch Tür und Tor für anders gelagerte Fälle

In diesem Fall dürften die über das Wearable gesammelten Informationen deutlich zugunsten der Klägerin gehen. Allerdings öffnet eine solche Beweisführung auch Tür und Tor für anders gelagerte Szenarien. So dürften beispielsweise Versicherungen großes Interesse daran haben, die Bewegungsintensität so mancher ihrer Kunden genauestens zu kennen. Auch in Deutschland soll dies schon bald in Angriff genommen werden. Aus datenschutzrechtlichen Gründen ist das natürlich problematisch: Neben einvernehmlichen Regelungen können zum Beispiel in Schadensfällen richterliche Anweisungen durchaus eine Herausgabe der Daten bewirken.

Withings_PulseO2_Zzz_man_blackEs bewahrheitet sich einmal mehr: Erst kommt der direkte Nutzen neuer Technologie. Aber dann rückt schnell die Frage in den Vordergrund, welche weiteren – nützlichen oder schädlichen – Anwendungszenarien es gibt. Wearables sind eine wertvolle Errungenschaft des Informationszeitalters und bereits in wenigen Jahren wird allein schon aus gesundheitlichen Gründen niemand mehr auf sie verzichten wollen. Sie erlauben uns auf einfachste Weise, mehr über unser Leben in Erfahrung zu bringen und zeigen uns auf, wo Optimierungsbedarf besteht. Sie unterrichten Ärzte rund um die Uhr über den Gesundheitszustand chronisch Kranker. Sie motivieren zur Bewegungen und bringen Transparenz in unsere Ernährung. Doch natürlich wird es immer Dritte geben, die an den Daten ebenso interessiert sind, wie wir selbst.

 

Cover-Foto: Wikimedia – Chris Potter (CC BY 2.0)

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