Gesundheit

Zufallsfund: Ärzte entdecken neues Organ im menschlichen Körper

Nicolas Meudt Autor, Hemd & Hoodie

Ein Netzwerk aus flüssigkeitsgefüllten Räumen, das seine Entdecker als Organ bezeichnen, soll erklären helfen, wie sich Krebs im Körper ausbreitet.

Damit ein Körperteil als Organ eingestuft wird, muss sich unter Fachleuten diesbezüglich ein Konsens entwickeln. Die Voraussetzung hierfür sind in der Regel unabhängige Studien, die von unterschiedlichen Forschungseinrichtungen oder -gruppen durchgeführt werden und zu dem gleichen Ergebnis kommen. Im aktuellen Fall ist dies noch nicht möglich gewesen, weil die Entdeckung erst am gestrigen Dienstag in einer Studie publik gemacht wurde.  

Obwohl die erforderliche Bestätigung durch andere Mediziner also noch aussteht, sind die verantwortlichen Ärzte davon überzeugt, tatsächlich ein neues Organ im menschlichen Körper lokalisiert zu haben. Es wäre das Größte von bislang 80 und stellt ein zuvor noch nicht gesehenes Netzwerk aus flüssigkeitsgefüllten Räumen im Bindegewebe dar. Zu finden sind diese beispielsweise direkt unter der Hautoberfläche, im Verdauungstrakt, in der Lunge und den Harnwegen sowie den sie umgebenden Muskeln.

Über Jahrzehnte hinweg einfach übersehen

Bis dato waren Forscher stets davon ausgegangen, dass die Interstitium genannte Gewebeschicht eine dichte „Wand“ aus dem starken Strukturprotein Kollagen sei. „Das Interstitium wurde historisch als der ‚dritte Raum‘ (nach dem Herz-Kreislauf-System und den Lymphgefäßen) definiert. Es wurde allgemein nur als ‘der Raum zwischen den Zellen’ beschrieben“, erklärt Neil Theise, einer der Autoren des Essays.

Bislang war nur die Anatomie und Zusammensetzung des Interstitiums zwischen einzelnen Zellen bekannt, nicht jedoch die Existenz, Lokalisation und Struktur größerer, mit Flüssigkeit gefüllter Zwischenräume. Ihre Entdecker sehen in ihnen ein neues Organ. Bild: Mount Sinai Health System – Jill Gregory (CC-BY-ND)

Den Forschern zufolge sind die mit Flüssigkeit gefüllten Räume jahrzehntelang übersehen worden, weil sie auf herkömmlichen Mikroskop-Objektträgern nicht erkannt werden können. Denn wenn Wissenschaftler Gewebe für eine Untersuchung präparieren, schneiden sie die Proben in dünne Scheiben, färben sie ein und behandeln sie mit Chemikalien, um ihre wichtigsten Merkmale hervorzuheben. Allerdings wird bei diesem Prozess Flüssigkeit entzogen, so dass die nun entdeckten Kanälchen bis zur Unsichtbarkeit kollabierten. Bei ihrer Entdeckung profitierten die Mediziner von einer neuen Bildgebungstechnik, mit der sich lebendes Gewebe auf mikroskopischer Ebene untersuchen lässt.

Weitreichende medizinische Implikationen

Ungeachtet dessen, ob das Interstitium letztlich als eigenständiges Organ klassifiziert wird oder nicht, könnte die Entdeckung weitreichende Folgen für die Medizin haben. Unter anderem vermuten Theise und sein Team, dass hier große Anteile der Lymphe entstehen könnten – was erklären würde, warum Krebstumore, die in diese Gewebeschicht eindringen, sich auf die Lymphknoten ausbreiten können. Auch Michael Zeisberg, Experte für das Interstitium an der Uniklinik Göttingen, geht davon aus, dass die Kanäle als Straßen für „metastasierende Krebszellen oder auch für heilende Botenstoffe dienen“ könnten. Welche Funktionen sie tatsächlich übernehmen, müsse jedoch noch intensiv untersucht werden.

Ein neues Organ zu entdecken, mag unglaublich klingen – noch erstaunlicher scheint allerdings die Entdeckung eines “zweiten Gehirns”. Inzwischen bestätigt jedoch die Neurowissenschaft, was der Volksmund schon lange weiß: Das sogenannte Bauchgefühl gibt es tatsächlich.

So unglaublich es erscheinen mag, dass beim aktuellen Stand der Medizin ein komplett neues Organ entdeckt werden könnte: Es ist noch nicht lange her, da wurde der Darm lediglich als simpler Schlauch zur Beförderung von Nahrungsbrei angesehen. Erst in den letzten Jahren hat er sich zu einer Art Star der medizinischen Forschung entwickelt. In Fachkreisen gilt er heute weithin als „zweites Gehirn“ unterhalb der Schultern, denn hinsichtlich seiner Zelltypen, Wirkstoffe und Rezeptoren ist er ein nahezu identisches Abbild des Zerebrums im Kopf. Insbesondere bezüglich unserer Gemüts- und Stimmungslage wird dem Verdauungsapparat inzwischen eine wichtige Rolle zugeschrieben.

Cover-Foto: Scientific Report – Neil D. Theise(Montage)

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